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Von wegen Genuss !

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  • Von wegen Genuss !

    - kopiert aus dem alten Forum, weil uns das Schreiben damals so viel Spaß gemacht hat -

    Verehrte stille Mitleser, liebe anonyme Mit-Esser,

    heute wende ich mich an Sie, die Sie unsere Diskussionen hier unbemerkt verfolgen und vielleicht den Eindruck haben, die aktiven Diskutanten dieses Forums seien ein privilegiertes Völkchen, das sich über Genuss nicht freuen kann. Mitnichten! Ich möchte endlich aufräumen mit dem Vorurteil, Feinschmeckerei sei ein Genuss. Im Gegenteil, glauben Sie mir, verehrte Leser, es ist eine Qual!

    Nehmen Sie uns, die Morchels. Da möchte ich eigentlich nach einer harten Arbeitswoche am Wochenende meinen müden Kopf auf die Couch legen. Und was ist? Nein, ich hatte ja letzthin Geburtstag, und das MÜSSEN wir natürlich als wahre Feinschmecker entsprechend feiern. So ist für morgen ein Besuch in einem etwas weiter entfernten Oberpfälzer *-Restaurant gebucht.

    Darf ich also morgen ausschlafen und meine müden Glieder im Bett ruhen lassen? Nein! Früh am Morgen wird der Wecker klingeln, Stylen ist angesagt. Frühstück gibt es natürlich auch nicht, von wegen! Um 10.30 ab ins Auto und los geht’s. Von den mit einer längeren Anreise verbundenen Leiden habe ich an anderer Stelle berichtet und muss dies nicht mehr wiederholen.

    Und dann … im Restaurant. DIESE DISKUSSIONEN! Kein entspanntes Eheleben, kein friedvoller Sonntagmittag. Nein! Höchste Konzentration und erbitterte Flüstereien über Essen, Tischdeko, Porzellan, Servicequalität und so weiter. Man muss ja kritisch sein! Analysieren. Hinterfragen. Vergleichen. Die einschlägigen Führer auswendig zitieren können. Und das Wichtigste: Immer, wenn der Service wegschaut, schnell alles Verkostete auf den im Dekolleté versteckten Zettelchen notieren. Und dabei natürlich hoffen, dass der Federhalter nicht kleckst.

    Das Allerschlimmste: Neben der fragwürdigen Aufnahme von übermäßigen Kalorien und verdeckten Alkoholika unter höchster Konzentration muss man sich noch gleichzeitig auf die unvermeidliche, hoch detaillierte Abschlussanalyse mit dem Küchenchef vorbereiten, Fangfragen vorformulieren und im Geiste Bonmots platzieren. Treten dem Maître während des Gesprächs nicht binnen zweier Minuten Schweißperlen auf die Stirn, wissen Sie zweifelsohne um ihr feinschmeckerisches Versagen. Steht hingegen der gesammelte Service bei Ihrer Verabschiedung Spalier, haben Sie gewonnen!

    Manchmal, glauben Sie mir, spielen sich Dramen ab. Erschöpfungszustände. Auch eine Ehekrise ist ab und an nicht weit. (Zum Beispiel weigert sich Mo-Ma bisweilen, die ihm von mir aus Gründen der Empirie zugedachte Menüfolge klaglos zu essen!!!)

    Hat man das soweit einigermaßen unbeschadet überstanden, kommt schon die nächste Anstrengung auf den Gourmet zu. Das Erlebte in Worte fassen! Ganz nach dem Motto: Iss die Sterne und sprich darüber! Auch das natürlich unter höchstem Druck: Schreibe ich etwa weniger eloquent als der GM? Stelle ich mich gegen die herrschende Meinung und laufe Gefahr, mir den Spott der wahren Feinschmecker zuzuziehen? Waren meine Papillen bei diesem oder jenem Gang nicht in Topform? Habe ich das Muster des Tischtuchs vergessen und werde genau danach gefragt? Entpuppe ich mich etwa als Crétin ob der Wahl des falschen Mineralwassers?

    Gibt es innerhalb einer Woche nach Veröffentlichung des Elaborates keine nennenswerten Vorkommnisse, können Sie allmählich aufatmen. Der Restaurantbesuch ist überstanden. Aber als wahrer Gourmet können Sie sich auch darüber nicht freuen. Denn das nächste Essen ist bereits gebucht …


    Erschöpft,
    die Morchels

  • #2
    Hatte ich im alten Forum noch gar nicht gelesen, absolut genial, Tränen gelacht

    In manchem Punkte ist das Ganze (leider) in der Realität gar nicht so ironisch, wie es sich liest. Deshalb treffe ich mittlerweile für mich vor dem Essen die Entscheidung, schreiben oder nur geniessen. Wobei manchmal Ersteres im Laufe des Essens siegt. Das ist ein suchtbehafteter Reflex, nicht einfach einen Bissen runterschlucken zu können, sondern die kleinen Zahnräder im Kopf in Bewegung zu setzen. Da hilft als einiziges Gegenmittel eine charmante Begleitung oder/und ausgiebiger Weinkonsum.

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