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  • In der heutigen SZ war ein unterhaltsamer Artikel über das Leid (im privaten Rahmen) Gast zu sein und die immmer aufwändigeren Menüs, die den eigentlichen Sinn einer privaten Feier oftmals ad absurdum führen. Leider ist der recht umfangreiche Artikel nicht online verfügbar, deshalb hier einige Auszüge.

    Wir haben es satt
    Zum Essen eingeladen? Pech gehabt. Bekocht zu werden, ist kein Vergnügen mehr. Ein Brief an den Gastgeber aus gegebenem Anlass
    Lieber Freund,


    Zunächst einmal: vielen Dank für Deine Einladung ….. Ich komme auf jeden Fall zu Dir. Ich bringe nichts mit, keinen Wein, keinen Käse, kein Kochbuch, denn andernfalls könnte ich ja auch gleich das komplette Essen mitbringen. Gäste, die mit Nahrungs-Präsenten hinterrücks Einfluß auf die Speisenfolge nehmen möchten, sollen auf Studentenpartys gehen oder gleich zu Hause bleiben.

    …..


    Trotzdem habe ich eine Bitte, nein, eine Forderung, ach was, es ist eigentlich eine Bedingung: Mach bitte keine Umstände. Sei um Himmels willen keiner von den Gastgebern, die ein entspanntes feiertägliches Abendessen zu einem kulinarischen Großereignis hochkochen, vor dem man sitzt wie bei einem André-Heller-Spektakel - gefangen in einem unauflöslichen Gefühlsgeflecht aus Ehrfurcht und Peinlichkeit. Tu in das Essen rein, was Du willst, aber erklär es mir nicht. Sag bitte nicht, dass Du ein besonderes Olivenöl benutzt hast, das nur auf Paxi gepresst wird und dessen Verwendung irgendwie auch eine Solidaritätsadresse an das geschundene Griechenland ist. Erklär bitte nicht, dass Du die Pasta (Vorspeise) mit dem australischen Mineralwasser Cloud Juice weich gemacht hast, ein Wasser, das reiner sei, als es die Trinkwasserverordnung der Weltgesundheitsorganisation vorschreibt. …. Vor allem aber: Schweig bitte vom Wein.



    ..Ich will Dir, lieber Gastgeber, nur verdeutlichen, dass private Essenseinladungen immer häufiger zum ostentativen Vorzeigen der eigenen Geschmacksverfeinerung genutzt werden. Wer heutzutage Gäste einlädt, will sie nicht mit einer kleinen liebevoll zubereiteten Mahlzeit erfreuen, sondern mit einem auf hoher kultureller Flamme gekochten Gericht überwältigen. In viele Wohnzimmer tritt man mittlerweile ein wie in ein Sternerestaurant: Die Tische sind weiß gedeckt, das Besteck ist so angeordnet, dass es die Speisefolge bis zum Dessert (gekerbter Löffel) vorskizziert, und der Rotwein schwiemelt in einem Dekantierer vor sich hin. Auf sparsame Flamme gestellte Rechauds, Zangen und Nadeln für die Meeresfrüchte-Vorspeise lassen ahnen, dass es in den nächsten drei Stunden für alle Beteiligten nicht ganz einfach werden wird.


    …… Es gibt inzwischen zu viele Menschen, die sich Küchen für 30000 Euro in die Wohnung stellen, nur um sich selbst das Gefühl zu geben, sie könnten mit einem kostspieligen Upgrade ihrer Lebensverhältnisse dem Tod entkommen. Oder dem Prekariat. Vermutlich sind die hochgejazzten Küchen nur der Ausdruck einer tiefen Angst, an jenen Rand der Mittelschicht zu geraten, der laut Statistik langsam wegbricht. Man will sich wegkochen von der Lidl-Gesellschaft, ist es das? Oder ist das bloß Küchenpsychologie?


    Erinnern wir uns einmal: Es gab Zeiten, da wurde in Deutschland nicht besonders viel Wert auf feine Küche gelegt. Wenn Gäste kamen, hat man schnell Tomaten mit Schmonzes gefüllt, Gurken gezackt und Eier geviertelt; fade Käsewürfel gingen Zahnstocher-Gemeinschaften mit Mandarinenschnitzen ein, und der Wein war eher lieblich. Aber eines Tages kam Wolfram Siebeck, kippte den Deutschen die Eintöpfe vor die Füße und zischte: Kocht mal menschenwürdig! Seht euch bitte die Südfranzosen an. Die hauen sich vier Nierchen in die Pfanne, streuen ein paar Kräuter dazu, machen eine Flasche Landwein auf und fertig ist die Douceur de vivre.



    ….

    Lieber Gastgeber, es wäre sehr angenehm, wenn ich beim Lob Deiner Kochkunst mit den üblichen, unoriginellen, aber ehrlich gemeinten Phrasen auskommen könnte. Das Jahr war voll mit Gelaber und Klugscheißereien, und zu seinem Ausklang möchte ich mich nicht mehr so furchtbar anstrengen müssen, um Deinen Kreationen auch sprachlich gerecht zu werden.

    ….
    Deshalb helfen mir die ökopolitischen Erläuterungen zur Hauptspeise so viel wie dem Atheisten eine Einführung in die Theodizee. Ich will auch nicht mehr önologisch von Frankreich nach Italien wandern. Ich will gar nicht mehr wandern, sondern mich einfach hinsetzen und mich unterhalten, aber nicht über Essen.


    Warum machst Du nicht ein Pilaw mit Kardamom, Sultaninen und Safran? Das geht schnell und muss nicht mit großer Geste serviert werden. Die wechselvolle Handelsgeschichte dieser morgenländischen Gewürze können wir kurz und unterhaltsam skizzieren. Aber dann sprechen wir bitte wieder über die relevanten Themen: Suhrkamp, Syrien, Fitschen, meinetwegen auch über das Zeitungssterben. Wie ganz normale, wache Zeitgenossen, die wissen, dass ein gutes Essen zum Jahresausklang eine schöne Veranstaltung ist, die Menschen für ein paar Stunden elegant verbindet. So viel im Voraus. Ich freue mich auf den Abend, danke für die Einladung. Ich komme ganz bestimmt.


    Dein Gast

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    • Überaus unterschreibenswert!

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      • Überaus unterschreibenswert!

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        • Also ich weiß nicht. Wenn das Ganze nur Effekthascherei ist, dann ist das bäh. Aber wann, wenn nicht in einer Runde aus Freunden bzw. der Familie lohnt es sich einmal die Küchenfähigkeiten voll auszureizen?

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          • Also ich weiß nicht. Wenn das Ganze nur Effekthascherei ist, dann ist das bäh. Aber wann, wenn nicht in einer Runde aus Freunden bzw. der Familie lohnt es sich einmal die Küchenfähigkeiten voll auszureizen?

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            • Der Autor der SZ hat vielleicht etwas überprätentiöse Wichtigtuerfreunde. Es geht auch anders.

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              • Der Autor der SZ hat vielleicht etwas überprätentiöse Wichtigtuerfreunde. Es geht auch anders.

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                • Es ist ja wie gesagt nur ein Auszug. Der gesamte Brief ist dreimal so lang.

                  Ich finde die Stossrichtung auch etwas pauschal beschrieben, aber das ist nunmal so bei einer Satire. Er hat in vielem nicht Unrecht, auch wenn ich den gesamten Brief nicht so unterschrieben würde. Tolle Menüs zu Hause sind sicherlich großartig, aber gerade an besondern Tagen besteht die Gefahr, dass sie zum Selbstzweck werden, der den eigentlichen Anlass verdraengt. Daher finde ich mittlerweile gerade an solchen Tagen die Beschränkung auf das Wesentliche sehr angenehm.

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                  • Es ist ja wie gesagt nur ein Auszug. Der gesamte Brief ist dreimal so lang.

                    Ich finde die Stossrichtung auch etwas pauschal beschrieben, aber das ist nunmal so bei einer Satire. Er hat in vielem nicht Unrecht, auch wenn ich den gesamten Brief nicht so unterschrieben würde. Tolle Menüs zu Hause sind sicherlich großartig, aber gerade an besondern Tagen besteht die Gefahr, dass sie zum Selbstzweck werden, der den eigentlichen Anlass verdraengt. Daher finde ich mittlerweile gerade an solchen Tagen die Beschränkung auf das Wesentliche sehr angenehm.

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                    • Genausogut könnte man eine Porschefahrerin bitten, sich einen VW-Polo zu leihen, wenn sie mich freundlicher Weise in ihrem Auto irgendwohin mitnehmen möchte - weil ich den Porsche nun mal Schei… äh… doof finde. Unbestritten sind Angeber (ob mit Porsche oder Edelküche) mit ihrem Getue mehr als anstrengend – aber ja hoffentlich im eigenen Freundeskreis nicht vertreten ;-).

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                      • Genausogut könnte man eine Porschefahrerin bitten, sich einen VW-Polo zu leihen, wenn sie mich freundlicher Weise in ihrem Auto irgendwohin mitnehmen möchte - weil ich den Porsche nun mal Schei… äh… doof finde. Unbestritten sind Angeber (ob mit Porsche oder Edelküche) mit ihrem Getue mehr als anstrengend – aber ja hoffentlich im eigenen Freundeskreis nicht vertreten ;-).

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                        • Zitat von bernard Beitrag anzeigen
                          Genausogut könnte man eine Porschefahrerin bitten, sich einen VW-Polo zu leihen, wenn sie mich freundlicher Weise in ihrem Auto irgendwohin mitnehmen möchte - weil ich den Porsche nun mal Schei… äh… doof finde.
                          Ich sehe den Brief nicht als Bevormundung sondern Aufforderung, die eigenen Aufrüstungsmühen zu hinterfragen. Um im Bild zu bleiben: Es geht doch wohl um jene Menschen, die sich einen Land Rover Defender kaufen, weil sie ab und an zum Bio-Bauern fahren. Es muss nicht unbedingt immer Prahlerei der Hintergrund einer solchen Anschaffung sein, sondern kann auch die Lust am Abenteuer oder Ähnliches bedeuten. Dass sich viele mit einem solchen Fahrzeug übernehmen bzw. am Ende unzufrieden sind, weil so ein Fahrzeug eben keinen Mittelklasse-Komfort bietet, schwerlich in gewohnte Parkmaße passt und nebenbei Unsummen verschluckt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

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                          • Zitat von bernard Beitrag anzeigen
                            Genausogut könnte man eine Porschefahrerin bitten, sich einen VW-Polo zu leihen, wenn sie mich freundlicher Weise in ihrem Auto irgendwohin mitnehmen möchte - weil ich den Porsche nun mal Schei… äh… doof finde.
                            Ich sehe den Brief nicht als Bevormundung sondern Aufforderung, die eigenen Aufrüstungsmühen zu hinterfragen. Um im Bild zu bleiben: Es geht doch wohl um jene Menschen, die sich einen Land Rover Defender kaufen, weil sie ab und an zum Bio-Bauern fahren. Es muss nicht unbedingt immer Prahlerei der Hintergrund einer solchen Anschaffung sein, sondern kann auch die Lust am Abenteuer oder Ähnliches bedeuten. Dass sich viele mit einem solchen Fahrzeug übernehmen bzw. am Ende unzufrieden sind, weil so ein Fahrzeug eben keinen Mittelklasse-Komfort bietet, schwerlich in gewohnte Parkmaße passt und nebenbei Unsummen verschluckt, kann ich aus eigener Erfahrung bestätigen.

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                            • Nun ja, lieber SZ-Autor. Ich ließe mich eigentlich gerne zu einem "kulinarischen Großereignis" einladen, selbst wenn es (nur?) drei Stunden dauerte. Über Suhrkamp, Syrien und andere "relevanten Themen" können wir dann ja später beim Bier auf der Parkbank immer noch diskutieren...

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                              • Nun ja, lieber SZ-Autor. Ich ließe mich eigentlich gerne zu einem "kulinarischen Großereignis" einladen, selbst wenn es (nur?) drei Stunden dauerte. Über Suhrkamp, Syrien und andere "relevanten Themen" können wir dann ja später beim Bier auf der Parkbank immer noch diskutieren...

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