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Surströmming

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  • Surströmming

    Hallo,

    Diesmal möchte ich nicht über einen Restaurantbesuch sondern über einen Selbstversuch berichten. Da ich gerne auch exotische Lebensmittel probiere hat mir ein Kollege eine Dose Surströmming aus Schweden mitgebracht.

    Surströmming bedeutet "saurer Strömling", der durch Fermentation haltbar gemacht wird. Er wird aus im Frühjahr gefangenen Ostseeheringen hergestellt die in Salzlake eingelegt zu gären beginnen. Einen Monat vor dem Verkaufsstart am dritten Donnerstag im August wird er dann in Dosen abgefüllt wo er weitergährt. Durch die Gärung blähen sich die Dosen auf, normalerweise bei Konserven ein Zeichen des Verderbs, beim Surströmming aber normal. Berühmt und berüchtigt ist der Surströmming wegen seines Gestanks.



    Durch den Gärungsprozeß hat sich die Dose schon etwas aufgebläht.



    Gewarnt durch Berichte im Internet wurden einige Vorsichtsmaßnahmen getroffen, man will ja auch die Anonymität im Forum gewährleisten :-).



    Die Dose habe ich unter einem Abzug vorsichtig mit einem Nagel angestochen. Statt eines furchtbaren Gestanks machte sich erst einmal Enttäuschung breit, der Geruch war deutlich schwächer als erwartet (oder der Abzug funktioniert doch gut). Das sollte sich aber nach dem kompletten Öffnen der Dose ändern.



    So soll er wohl sein, rosige Filets in einer trüben Lake. Der Geruch ist schwer zu beschreiben. Etwas faulig, aber nicht richtig nach Fisch, dominiert von einem unangenehm käsigen Aroma, abgerundet durch etwas Schwefelwasserstoff. Andere erinnerte der Geruch eher an eine Klärgrube (Plumpsklo). Nicht so das man sich gleich übergeben müßte aber lecker ist was anderes. Diese Dose enthielt Heringsfilets, es gibt aber auch Dosen mit ganzen Fischen (mit Innereien) die noch deutlich schlimmer riechen sollen.
    Um den Fisch einigermaßen genußfähig zu machen wurde er eine Stunde gewässert.



    So sieht er eigentlich recht harmlos aus, der unangenehme Geruch ist aber immer noch vorhanden, wenn auch deutlich schwächer.
    Und wie schmeckt er nun? Meiner Meinung nach schmeckt er eher so wie er riecht, sehr eigenwillig und charakteristisch. Probiert habe ich ihn klassisch mit Brot, Zwiebeln und saurer Sahne aber auch pur. Die Konsistenz ist sehr weich, ein Kenner würde wohl sagen er zergeht auf der Zunge, mir wäre er etwas bißfester lieber.
    Eindeutiges Fazit: Irgendwie ein Erlebnis aber muß man nicht wieder haben.

    Da stellt sich die Frage, warum tun Menschen sich sowas an? Man muß wohl in diesem Kulturkreis geboren sein um Surströmming zu mögen, anders ist das nicht zu erklären. Er ist selbst im Schweden nicht unumstritten, andererseits gibt es aber sogar ein Surströmming Museum.
    In anderen Kulturkreisen gibt es ähnliche Produkte, z.B. Funazushi in Japan oder Pla Raa in Thailand.

    Eigentlich hat Surströmming heute keine Daseinsberechtigung mehr, er ist zu einer Zeit entstanden in der Salz rar und teuer war. Im Gegensatz zum Pökeln kommt man beim Surströmming mit weniger Salz aus um den Hering zu konservieren, allerdings kommt es dann zu einer Gärung.

    Gruß
    Jürgen

  • #2
    Danke, dass Sie sich so für das Forum aufopfern.

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    • #3
      Danke für diesen ernsthaften Selbstversuch! (Bild 3: sehr cooler Freizeit-Look )

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      • #4
        In dem Zusammenhang wäre dieser Artikel im New Yorker höchst empfehlenswert. http://www.newyorker.com/reporting/2...fa_fact_bilger
        Leider hinter paywall. Sehr schöne Beschreibung der Untergrundbewegung, die sich nur aus ungekochtem und besonders gerne aus vergorenem ernährt. Besonders die Szene in der das Rindfleisch serviert wird, aus einem Weckglas welches 3 Monate auf dem Regal stand (im Sommer) hat es mir angetan. Da wurde selbst mir schlecht und ich kann sonst durchaus auch während der Betrachtung einer Eiterbeule ein Butterbrot verzehren.

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        • #5
          Danke für den amüsanten Bericht
          Zitat von Jürgen3D Beitrag anzeigen
          Da stellt sich die Frage, warum tun Menschen sich sowas an?
          Heutzutage hat das sicherlich auch mit einem guten Anlass zum "Desinfizieren" (lies: Saufen ) zu tun.

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          • #6
            Vielen lieben Dank, Jürgen, für diesen "abseitigen" Beitrag. Ich mag das ungeheuer - so wie Hochemers Erläuterungen zu Grönland vor etlicher Zeit. Das eine hat jetzt zwar nichts mit dem anderen zu tun. Aber irgendwie doch. Im Sinne von Horizonterweiterung. Und nicht immer über allseits bekannte Restaurants zu diskutieren. Haben Sie mehr davon?

            PS: Die Brille kleidet Sie ungemein.
            Zuletzt geändert von Morchel; 30.11.2011, 23:35.

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            • #7
              Auch von mir ein herzlicher Dank. Erinnert mich entfernt an die "Jahrgangssardinen", die Ederer in München aus der Dose heraus serviert.

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              • #8
                Danke für die interessanten Infos.
                Hat mir richtig Spaß gemacht ihren Selbstversuch zu verfolgen. Gut, dass ich mich nicht beteiligen musste.


                Gruß!

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                • #9
                  Werter Herr Hochemer, Hut ab vor Ihrem Essmut - aber ein Wirbeltier ohne Niere gibt es nicht! Wikipedia ist leider nicht alles.
                  Aber Vorsicht: wahrscheinlich ist der Hai auch noch voller Glutamat und muss in einen eigenen T.....

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                  • #10
                    Danke an alle für die mitfühlenden Worte.

                    Zitat von Morchel Beitrag anzeigen
                    Haben Sie mehr davon?
                    Klar, das meiste vom Surströmming, incl. Lake, habe ich eingefroren. Ich wollte ohnehin mal zu einem Clubabend kommen, da kann ich etwas mitbringen.

                    Falls Sie weitere Erfahrungen meinen, im Moment noch nicht. Allerdings habe ich gerade einen Karton Tausendjährige Eier erworben, das wird das nächste kulinarische Experiment.

                    Mit einem Kollegen geplant sind noch Milbenkäse und die Durian Frucht.

                    Gruß

                    Jürgen

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                    • #11
                      Zitat von Jürgen3D Beitrag anzeigen
                      Klar, das meiste vom Surströmming, incl. Lake, habe ich eingefroren. Ich wollte ohnehin mal zu einem Clubabend kommen, da kann ich etwas mitbringen.

                      Falls Sie weitere Erfahrungen meinen, im Moment noch nicht. Allerdings habe ich gerade einen Karton Tausendjährige Eier erworben, das wird das nächste kulinarische Experiment.

                      Mit einem Kollegen geplant sind noch Milbenkäse und die Durian Frucht.

                      Gruß

                      Jürgen
                      Warum fehlt mir jetzt ein Smilie, das in Ohnmacht fällt?

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                      • #12
                        Die Durian oder auch Stinkfrucht habe ich schon hinter mir.
                        In Bali wird sie häufig "Stinky" genannt. Keine Ahnung, ob das noch von den Holländern stammt.

                        Optisch etwas an eine zu groß geratene Kastanie (sehr rauhe Schale) erinnernt, entströmt der Frucht beim Aufschneiden wirklich ein extremer und überaus unagenehmer Gestank nach faulen Eiern. Deshalb ist es verboten die Frucht in Restaurants oder geschlossenen Räumen zu verzehren (zumindest in Thailand und Indonesien). Wenn man einemal eine Nase voll genommen hat, wird es wirklich schwierig noch in das durchaus saftige Fruchtfleisch zu beißen. Der Geschmack ist nicht ungenehm. Voll reife Früchte sind sehr weich, fast etwas glupschig. Mir persönlich hat sie nicht so geschmeckt (vor allem die Konsistenz hat mich gestört), dass ich meiner Nase den Gestank noch einmal antun würde.

                        In Südostasien ist die Frucht sehr beliebt. Die Schalen liegen in unglaublichen Mengen in der Landschaft. Fast so häufig wie Coladosen.

                        Angeblich darf man die Frucht keinesfalls in Verbindung mit Alkohol verzehren oder im leicht angegärten Zustand (wie die Balinesen es manchmal tun), denn die wirkung soll "durchschlagend" sein.


                        An gutn!


                        Gruß!
                        Zuletzt geändert von fragolini; 02.12.2011, 20:17.

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                        • #13
                          Zitat von Jürgen3D Beitrag anzeigen
                          Allerdings habe ich gerade einen Karton Tausendjährige Eier erworben, das wird das nächste kulinarische Experiment.

                          Jürgen
                          Die Tausendjährigen Eier gehören zu meinen Lieblingsgerichten (kein Scherz!), allerdings muss ich diese immer allein verzehren, da mein Mann den Geruch nicht ausstehen kann. Dieser beizende Geruch verfliegt sich aber innerhalb einigen Minuten. Am besten schmecken die Eier in Scheiben geschnitten mit etwas Chili-Öl und frisch geschnittenem Koriander. Der Geschmack erinnert mich stark an Käse, in etwa Munster oder ähnliches. Ich glaube, es ist mehr das Aussehen und das Wissen, wie die Eier gemacht sind, was die meisten Europäer abstoßend finden. Mir schmecken die auf jeden Fall sehr gut! Ich bin gespannt, was Sie dazu zu berichten haben werden.

                          SG
                          wi

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                          • #14
                            Vieles ist eine reine Frage der Sozialisation. Ein gut durchgereifter Limburger Käse ist im Prinzip nicht weniger ekelig.

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                            • #15
                              Zitat von glauer Beitrag anzeigen
                              Vieles ist eine reine Frage der Sozialisation. Ein gut durchgereifter Limburger Käse ist im Prinzip nicht weniger ekelig.
                              Das ist interessant, dass Sie das schreiben. So hab ich das noch gar nicht betrachtet. Aber es stimmt: Gerade ich bin kein Freund von diesen intensiven Käsesorten, die, wenn man sie im Kühlschrank hat, einen kloakeartigen Ammoniakgeruch verströmen. Mir graust's da, ehrlich gesagt, weil ich nichts essen mag, was nicht gut riecht. Aber ich kenn's und find's zumindest nicht fremd.

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