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Restaurant SEIN *, Zürich

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  • Restaurant SEIN *, Zürich

    Zürich empfing mich mit leichtem Schneerieseln, kalt und grau – gut dass es vom Hauptbahnhof in die Schützengasse nur ein paar Schritte die Bahnhofstraße hinauf sind. Dann betritt man schon das „Sein“, steht in einem schmalen Hausflur und wendet sich nach links ins Restaurant (rechts ginge es in die ebenfalls einladend wirkende Tapas Bar). Kaum öffnet man die Tür, steht man schon mitten im Geschehen. Angeregtes, gedämpftes Stimmgewirr von den gut besetzten Tischen im Gastraum umfängt mich. Das Ambiente empfinde ich sehr einladend, elegant-moderne Klassik, in der Grau-, Weiß- und Anthrazittöne vorherrschen, reduzierte Blumenarrangements setzen lila- und pinkfarbene Farbtupfer, ein echter Hingucker ist die Deckenlampeninstallation. Der Raum ist nicht groß, wirkt aber trotz relativ vieler, diesen Mittag vor allem von Zürcher Geschäftsleuten besetzten, Tische nicht beengt, da die raumhohen Fenster (im unteren Drittel satiniert) und vielen Spiegel sehr viel Licht hereinlassen und eine größere Raumwirkung erzielen.

    Nach dem freundlichen Empfang durch den Service werde ich an meinen Platz geleitet von dem aus ich sowohl das Restaurant als auch das Geschehen auf der Straße gut überblicken kann. Man bringt mir sowohl die Mittags- wie auch die Abendkarte, ich könnte auch mittags das große Menü wählen. Ich entscheide mich aber für den Business Lunch, 3 Gänge für 79.- SFr. Dazu ein Wasser und 2 dl vom mir bis dato unbekannten St. Saphorin aus dem schweizerischen Waadt (ein Weißwein).

    Schon kommt das Brötli, dazu wird pures Olivenöl in ein flaches Tellerchen gegossen. Ich bin kein Fan puren Olivenöls, das ändert sich hier und heute auch nicht, ich genieße das wohlschmeckende Brot lieber pur. Der Weißwein ist erfrischend, knackige Säure, etwas kräuterwürzig, zupackend ohne aufdringlich zu sein. Ich entspanne mich, sehe den dichter fallenden Schneeflocken zu und bin mit mir und der Welt aufs Angenehmste im Reinen.

    Und schon kommt der erste Gang (nein, keine Amuses – in der Schweiz hat der Gast für solchen „Firlefanz“ wohl mittags keine Zeit…) aus der Küche von Martin Surbeck, Entenleber-Terrine mit Dörraprikosen und Passionsfrucht, angerichtet noch mit etwas knackig-frischem Feldsalat. Die Entenleber ist ein durchaus großes Stück, die Passionsfrucht-Mousse ist von derartiger Intensität, dass einem die Aromen im Mund geradezu explodieren, passt hervorragend zur Entenleber. Ein toller Einstieg.

    Als zweiten Gang habe ich von der Mittagskarte die Kalbsravioli mit Rosmarinbutter und Peperoncini-Öl gewählt, statt der eigentlich vorgesehenen Taglierini. Die Ravioli sind hauchdünn, erst das Peperoncini-Öl gibt dem Gericht den richtigen Aroma-Kick. Leider haben aber nicht alle Ravioli einen Spritzer davon abbekommen und dann wirken sie nur mit der Rosmarinbutter zusammen etwas fade.

    Praktisch direkt im Anschluss, es war halt schon später Mittag und ich der Gast mit der letzten Bestellung, kam das Hauptgericht Toggenburger Entrecote auf Kartoffelstock mit frittierten Schwarzwurzeln. Das Entrecote herrlich zart und rosa, die Stücke allerdings durchaus unterschiedlich durchgebraten. Im Kartoffelpüree ( = Kartoffelstock) ist der intensive Bratenfond in der Mitte quasi eingeschlossen, der den klassischen Anstrich des Gerichts noch untermauerte. Die auf dem Teller verteilten frittierten Schwarzwurzelzesten waren eher der optischen Finesse geschuldet als dass sie dem Gericht eine deutliche geschmackliche Komponente hinzugefügt hätten.

    Ich ließ mich anschließend noch zu einem Dessert verleiten, dem Klassiker des Hauses wie mir der durchgängig freundlich-unauffällige Service verriet: Frisch gefrorene Glace mit tahitianischer Vanille und Früchtesauce. Eine mächtige Portion frisch aufgeschlagener Glace mit dreierlei Fruchtsaucen (Himbeer, Passionsfrucht und Aprikose) versüßte mir den Lunch, glücklich gesättigt orderte ich noch einen Espresso (inkl. leckerer Petit Fours) und ließ, nun einzig noch verbliebener Gast, nochmals das sehr ansprechende Ambiente auf mich wirken.

    Die Küchenleistung war ordentlich, aber sicher nicht besonders innovativ oder begeisternd, solide Klassik eben. Ob ich bei einem nächsten Besuch wirklich das 5-Gänge Menü zu 170.- SFr nehme, bin ich mir nicht sicher. Eher würde ich wohl die „Seinigkeiten“ in der Tapas Bar ausprobieren wollen. Wie auch immer, vielleicht lag es einfach daran, der beruflichen Hektik knapp zwei Stunden entronnen zu sein, oder am beruhigenden, andauernd leichten Schneefall vor den Fenstern, es stellte sich jedenfalls während meines Aufenthalts ein wohliges Gefühl, ja, fast weihnachtlicher, Freude und Zufriedenheit ein. Aber jede Flucht ist einmal zu Ende und so hieß es auch hier Abschied nehmen und wieder zurück in die kalte Welt außerhalb der kulinarischen Kuschel-Wohlfühlinsel. Die positive Erinnerung aber bleibt.

    Mit kulinarischen Grüßen

    Jörn

  • #2
    Danke schön für diesen wunderschönen Bericht und einen Gruß an Ihre poetische Ader,

    M.

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    • #3
      " ...und bin mit mir und der Welt aufs Angenehmste im Reinen."
      ... und ich schließe mich den Worten meiner charmanten Vorrednerin an.
      s.

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      • #4
        Werter Jörn,

        vielen Dank für Ihren Bericht, man kann förmlich spüren, wie Sie sich nach einem hektischen Vormittag wohl gefühlt haben.
        Wenn die Schweiz nur nicht so teuer wäre ...

        Gruss
        Schink

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        • #5
          Zitat von joern_ribu Beitrag anzeigen
          Zürich empfing mich mit leichtem Schneerieseln, kalt und grau – gut dass es vom Hauptbahnhof in die Schützengasse nur ein paar Schritte die Bahnhofstraße hinauf sind. Dann betritt man schon das „Sein“, steht in einem schmalen Hausflur und wendet sich nach links ins Restaurant (rechts ginge es in die ebenfalls einladend wirkende Tapas Bar). Kaum öffnet man die Tür, steht man schon mitten im Geschehen. Angeregtes, gedämpftes Stimmgewirr von den gut besetzten Tischen im Gastraum umfängt mich. ... Wie auch immer, vielleicht lag es einfach daran, der beruflichen Hektik knapp zwei Stunden entronnen zu sein, oder am beruhigenden, andauernd leichten Schneefall vor den Fenstern, es stellte sich jedenfalls während meines Aufenthalts ein wohliges Gefühl, ja, fast weihnachtlicher, Freude und Zufriedenheit ein. Aber jede Flucht ist einmal zu Ende und so hieß es auch hier Abschied nehmen und wieder zurück in die kalte Welt außerhalb der kulinarischen Kuschel-Wohlfühlinsel.
          Lieber Jörn, besten Dank! Sie sind als Idylliker große Klasse (um mit Jürgen zu sprechen).

          Grüße, mk

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          • #6
            Vielen Dank @all für das Feedback, da macht es Spaß zu schreiben.

            Es ist in der Tat so, dass ein gelungenes Essen für mich etwas mit einer Art "aus der Welt fallen" zu tun hat. Dazu gehört nicht nur ein beglückendes Essen, auch das Drumherum muss stimmen. Erst dann kann ich mich quasi fallen lassen und mich ganz diesem Genuss widmen. Das gilt bei mir aber nicht nur bei Gourmetessen; ein Konzert, eine Ausstellung, oder ein gutes Buch - oder auch "nur" Schlittenfahren mit den Kindern - können den gleichen Effekt haben: den Moment genießen, sich auf das Hier und Jetzt zu fokussieren und den ganzen Ansturm der Umwelt zumindest für diese Zeit außen vor zu lassen.

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