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  • #46
    Williamsburg, Brooklyn - Part 1: Reynard

    Frau rocco und ich waren eine Woche in New York, genaugenommen in Williamsburg. Zum Dinner sind wir tatsächlich nicht ein einziges Mal nach Manhattan rübergefahren. Da haben wir sicher einiges verpasst, aber verschiedene Teile Brooklyns bieten mittlerweile kulinarisch auch so einiges. Cobble Hill, Boerum Hill, Red Hook, Bushwick, Bed-Stuy, Williamsburg, Greenpoint: Hier rollt seit einigen Jahren die Gentrifizierungswelle, die auch einige neue Hotels und Restaurants mit sich bringt.

    Am ersten Abend haben wir uns jetlaggeschädigt nur ein paar Blocks von unserer Wohnung weg bewegt und sind an der Brooklyn Brewery vorbei in das erst kürzlich eröffnete Wythe-Hotel zum Essen gegangen. Das Restaurant heißt "Reynard" und ist seit etwas mehr als einem Jahr offen. Der Dining-Room hat einen gewissen Brasserie-Charme und besticht (wie offenbar das ganze Hotel) optisch mit sehr hohen Holzbohlendecken. Die Karte wechselt täglich und ist französisch/international geprägt. Die umfangreiche Weinkarte beinhaltet ausschließlich französische Weine, und zwar mit einem hohen Geekiness-Faktor: Grower-Champagne, Loire, Beaujolais, Jura, Roussillon und die nördliche Rhône sind hauptsächlich vertreten. Ich hätte zwar gerne mehr US-Weine probiert, aber diese Weinkarte sucht sogar in Frankreich ihresgleichen.

    Sehr gut ist das selbstgebackene Sauerteigbrot mit einer Sauerrahmbutter. Wenn es den ganzen Abend nur Butterbrot gegeben hätte, wäre ich nicht unglücklich gewesen. Auch das Dinner selber war aber sehr gut. Los ging es mit einem Steak Tartare mit Seeigel, Topinambur und Brennnesseln. Das Steak Tartare war ziemlich grob geschnitten, aber sehr gut angemacht. Die Kombination mit den rohen Seeigeln war bestechend. Auch die Topinambur-Creme ließ sich gut mit dem Fleisch kombinieren. Die paar fritierten Brennnesselbläter waren zwar optisch ansprechend, geschmacklich aber eher belanglos. Dazu hatte ich ein Glas 2011 Chiroubles von Damien Coquelet, der sehr gut passte.

    Dann hatte Frau rocco Thunfisch mit Sesam, Erbsensprossen und Minze sowie noch weiteren Zutaten. Leider war der Thun einen Hauch zu lange gebraten. Aber die Komposition mit den Erbsensprossen und der Minze war hervorragend. Auch ich war mit meinem Hauptgang sehr zufrieden: Kaninchenkeule mit Kürbis, Birne und Senf-Crème-Fraiche. Die Keule war sowohl butterzart als auch kross gegrillt, ebenso wie die Birne und der Kürbis. Durch die kräftigen Röstaromen war der Gang sehr rustikal, schmeckte aber wirklich ausgezeichnet. Dazu hatte ich ein Glas 2010 Cour-Cheverny von Francois Cazin. Den Wein kannte ich schon aus früheren Jahrgängen und auch der 2010er ist sehr gelungen.

    Für ein Dessert war auch noch Platz. Es gab Espresso-Eis und ein Dessert aus Schokolade und Sauerrahm, das sehr salmiakartig schmeckte (das kam glaube ich von der Schokolade), hier und da etwas salzig und nur sehr moderat süß. Das galt auch für das Eis. Es gibt im Reynard eine umfangreiche Auswahl an glasweisen Süßweinen, u.a. fünf verschiedene Macvins aus dem Jura. Unglaublich. Ich entschied mich für ein Glas Macvin du Jura von Jean Macle, eine sehr gute Wahl.

    Die Rechnung kam mit Tip und Tax am Ende auf ungefähr $ 120,00, für das Gebotene ein sehr fairer Preis. Für mich ist das Reynard eine unbedingte Empfehlung, selbst wenn man aus Manhattan anreist. Ohnehin lohnt es sich, ein bisschen in Williamsburg und Greenpoint herumzuspazieren. Der Mix aus chassidischen Juden (im südlichen Teil der Bedford Ave), polnischen Einwanderern, die sogar noch ihre eigene NY-Zeitung auf polnisch haben (Nowy Dziennik), Hipsters und Latinos ist spannend und die Gegend um die Bedford Ave in etwa zwischen Grand St. und N 12th St. hat was von liberalen Studentenstädten in der Provinz. Klar wirkt der Catwalk hier und da ein bisschen prätentiös und Hotels wie das Wythe und das King & Grove locken "Medienfuzzis" an. Aber die Atmosphäre in dem Viertel fand ich wirklich charmant.
    Zuletzt geändert von rocco; 01.11.2013, 13:47. Grund: Brennnnnnnnessel

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    • #47
      Williamsburg, Brooklyn - Part 2: The Elm

      Der geschätzt glauer hatte mich auf eine NYT Review zum Restaurant The Elm im King & Grove Hotel (N 12th St.) hingewiesen. Dieses Restaurant, das erst ein paar Monate offen ist, wird betrieben von Paul Liebrandt, der sich zuvor ** im Corton in TriBeCa erkocht hatte. Als "Executive Chef" hat er sich Mazen Mustafa geholt, der im Corton Liebrandts zweite Hand war und später Sous-Chef im Momofuku Ko (**).

      Für ein Sousterrain-Restaurant ist der Speisesaal schön hell, man kann einen Blick in die offene Küche reinwerfen, wo recht viele Köche wuseln und ihren Spaß zu haben scheinen. Das Konzept des The Elm ist eher casual. Die Karte ist unterteilt in "Raw", "Sea", "Land" und "Share". "Raw" sind kalte Vorspeisen, "Sea" Fischgerichte, "Land" vegetarische und Fleischgerichte und "Share" Gerichte, die man sich zu zweit teilen soll. Wir kriegten den Hinweis, dass die Portionen eher klein seien und man sich vier bis sechs Gerichte ("Share" Gerichte = ein Gericht) teilen solle. Wir starteten mit lediglich vier Tellern und bestellten auf die Frage der Kellnerin, ob wir den Hunger hätten, noch ein fünftes. Die Weinkarte führt die Positionen, die der ambitionierte New Yorker offenbar mittlerweile erwartet (Lopez de Heredia is the new Château Lafite-Rothschild). Mir hat die Weinkarte gut gefallen, aber die Weinkarten in den Restaurants, die mich interessieren, Weingeschäften, usw. schienen sich für meinen Geschmack schon sehr zu ähneln. Wir bestellten einfach aus Interesse und ins Blaue hinein eine Flasche Wind Gap Winery - 2010 Trousseau Gris Fannuchi Vineyard, die zunächst etwas gewöhnungsbedürftig schmeckte, zum Essen aber hervorragend harmonierte.

      Als Amuse wurde ein Oliven-Financier gereicht, der mir zu wenig nach Olive und zu süß schmeckte. Dann hatte ich als Vorspeise Artichoke Salad, Buttermilk, Speck, Black Garlic, ein halbiertes eingelegtes Artischockenherz mit zwei krossen Kräckern, die mit Speck gegrillt worden waren, etwas Knoblauchcreme und eine Buttermilchsauce. Das war nicht schlecht, vor allem die Artischocken, aber bei der Beschreibung hätte ich mir fast etwas mehr Spannung auf dem Teller gewünscht. Frau rocco hatte "Crudités" - Baby Lettuces, Autumn Vegetables, Green Olive-Tuna Crème, einen Salat aus verschiedenen Rübchen, Radieschen, usw. Auch nicht schlecht, aber ohne großen Aha-Effekt.

      Die Hauptgänge waren besser. Ich hatte “Fish and Chips” - Hake, Indian Pickled Lime, Vegetable Chips, ein sehr zartes Stück Seehecht, das in einem Teig aus IPA und Tandoori-Gewürzen frittiert worden war, dazu eine Crème aus den eingelegten Limetten (die hatte ich eigentlich in Scheiben erwartet) und Chips von roten und gelben Beten. Der Frittiertteig war mir einen Tick zu dick, man musste ihn regelrecht abschlagen. Zudem fehlte mir etwas die Harmonie aller Zutaten. Aber interessant war das Gericht allemal. Eigentlich hatte ich ja Atlantic Skate - Cucumber, Marcona Almond, Brown Butter Vinaigrette, habe den Teller aber Frau rocco überlassen, nachdem sie beide Fische probiert hatte und den Rochen lieber mochte. Ich mochte ihn auch lieber, aber was macht man nicht alles als Gentleman . Das Gericht war interessant und harmonisch. Wirklich gelungen.

      Eigentlich hatte ich das fünfte Gericht - Duck - Slow Roasted, Fig, Toasted Honey - für nach den Fischen bestellt, es kam trotzdem nach der Hälfte des Fisches. Schade eigentlich, so war es schon etwas kalt, nachdem ich den Fisch aufgegessen hatte. Die Ente war äußerst gelungen, sehr schmackhaft, noch leicht blutig. Der Rest, die Feige und eine Honigsauce, waren aber enttäuschend, süß, fast schon klebrig. Und während gute Feigen sich für meinen Geschmack durch eine Mischung aus honigartiger Süße und auch noch etwas Restsäure bei vollem Geschmack auszeichnen, war die Feige hier nur süß und irgendwie "leer" im Geschmack.

      Next: Desserts. Wir hatten Peaches & Cream - Basil Granite, Ginger, Roasted Peach Ice Cream und Milk Chocolate Palet - Lemon Verbena, Hazelnut, Malted Milk Sorbet, die beide ok waren, aber deutliche Schwächen aufwiesen. Bei dem Pfirsichdessert schmeckte das Eis kaum nach Pfirsich. Und die in Scheiben gereichten Pfirsiche waren hart und weitgehend geschmacksfrei. Den Basilikum konnte man nicht schmecken, ebensowenig wie die Zitronenverbene beim Schokoladendessert. Insgesamt fehlte es uns beiden an Tiefe im Geschmack.

      So verließen wir das Restaurant zwar nicht enttäuscht, aber auch nicht gerade begeistert. Ich hatte mich sehr auf das The Elm gefreut, aber was auf den Teller kommt, erschien mir doch noch deutlich verbesserungswürdig. Die Tellerpräsentation ist toll, auch klingen die Gerichte auf dem Papier sehr gut. Aber bei den Ausgangsprodukten erscheint mir noch Luft nach oben, v.a. bei den Gemüsen und Früchten. Außerdem fehlte es häufiger an Harmonie, waren mir die Kontraste doch hier und da einfach zu heftig, einzelne Elemente sehr salzig, süß oder sauer.

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      • #48
        Williamsburg, Brooklyn Part 3 - Pub Food

        Fette Sau BBQ (Metropolitan Ave)

        Auf Empfehlung eines Freundes sind wir mit ihm zusammen ins Fette Sau BBQ gegangen, das vom Zagat Guide schon länger als "Best in Town" empfohlen wird. Hier wird vor Ort geräuchert (dry-rub), das Holz und Fleisch wird lokal bezogen, und das Fleisch ist aus biologischer Landwirtschaft. Außerdem ist das Lokal für seine Whiskey-Liste bekannt. Leider ging es mir an dem Tag nicht so gut, so dass ich das Essen nicht voll genießen konnte. Man bestellt sich das Fleisch nach Gewicht, nimmt Beilagen dazu, holt sich Getränke und setzt sich dann an lange Bänke und isst direkt vom Tablett mit Plastikbesteck.

        Wir hatten Brisket vom Angus Beef, Pulled Pork vom Duroc-Schwein, Bratwurst vom Berkshire-Schwein und St. Louis Style Duroc-Rippchen und als Beilagen Dante's German Potato Salad, Cora's Broccoli-Salad, Guss' Half-Sour Kosher Pickles und Burnt End Baked Beans und dazu einen Pint Craft-Beer (habe vergessen, welches). Ich bin großer Fan von Pulled Pork und habe vor gut zehn Jahren während eines Jahres in North Carolina sicherlich 20 Barbecue-Joints ausprobiert und dort das North Carolina Style Pulled Pork (üblicherweise mit Hush-Puppies serviert) lieben gelernt. North Carolina Style bedeutet, dass das Fleisch mit einer Essigsauce serviert wird, teilweise auch mit etwas Tomate und/oder Chili. Auch in der Fetten Sau konnte man sich das Pulled Pork mit Essig beträufeln. Das war sehr gut, kam aber nach meinem Empfinden an das Original nicht ran. Die Wurst war extrem scharf, das Brisket schmackhaft, aber etwas trocken. Die Rippen habe ich nicht probiert. Bei den Beilagen waren die Baked Beans mein Favorit, unmöglich fand ich den Broccoli, der roh mit groben Knoblauchstücken und extrem viel roter Chili serviert wurde.

        Insgesamt ist das Essen in der Fetten Sau schon einen Besuch wert, jedenfalls wenn man es rustikal mag. Ich esse BBQ ja lieber in der Provinz als in der Großstadt, aber das hat auch mit Sentimentalität zu tun (sehr empfehlenswert in NC sind zum Beispiel Bunn's BBQ in Windsor, White Swan BBQ in Smithfield, Wilber's BBQ in Goldsboro, King's Restaurant in Kinston (Pig in a Pup, ein Riesen-Hushpuppy gefüllt mit Pulled Pork), B's BBQ in Greenville, Hursey's Pig-Picking BBQ in Burlington, Little Richard's Lexington BBQ in Winston-Salem, Kepley's BBQ in Highpoint, Blue Mist BBQ in Asheboro und Tarheel Q in Lexington).

        Allswell (Bedford Ave)

        Allswell ist ein Gastropub, wie ich ihn liebe. Man geht hin, trinkt ein Bier, einen Cocktail oder ein Glas Wein an der Bar oder an einem der Tische, isst etwas oder nicht. Die Bierauswahl ist großartig, ebenso die kleine, aber feine Weinkarte, von der man eigentlich jeden Wein bestellen könnte. Der Inhaber hat vorher in dem mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten Gastropub "The Spotted Pig" gekocht. Wir hatten (sehr rustikal) frittierte halbierte Rosenköhle mit Honig und Pecorino (das hat so gut geschmeckt), Frau rocco danach eine Art Rösti mit Räucherlachs, Kapern und Zitrone und ich einen Dry-Aged Burger, alles ausgezeichnet. Dazu gab es Southhampton Imperial Porter (sehr malzig und schokoladig, köstlich), Empire IPA (auch sehr schön, vielleicht für meinen Geschmack ein wenig zu cremig) und Brooklyn Brewery Pennant Ale (zitronig und frisch).

        Hätte ich so einen Laden um die Ecke, wäre ich Stammgast.

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        • #49
          Werter Rocco, ganz herzlichen Dank für diese beiindruckend praxisnahe Trilogie! KG chess

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          • #50
            Nach Ihren gelungenen Berichten, lieber rocco, zieht es einen ja sofort wieder nach NY. (Meine Sehnsucht wurde schon durch die vor kurzem in Arte gezeigte Quintologie "NY Confidental", müßte in der Mediathek noch zur Verfügung stehen, gereizt).
            Es war, vor einem knappen Jahr, auch Arte, wo eine interessante Dokumentation über Paul Liebrandt, damals noch im Corton, gezeigt wurde.
            Schade, dass Sie in der fetten Sau nicht ganz auf der Höhe waren; so konnten die Speisen sicher nicht, wie es der Zagat formuliert, "washed down with craft beers and bourbon" werden.
            Über das Allswell schreiben Sie: Hätte ich so einen Laden um de Ecke, wäre ich Stammgast" Eigenartig, dass es solche Läden, die man ja in NY zuhauf findet, die auch immer brechend voll sind, bei uns kaum gibt.

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            • #51
              Danke für das Feedback.

              Zitat von Schlaraffenland Beitrag anzeigen
              Über das Allswell schreiben Sie: Hätte ich so einen Laden um de Ecke, wäre ich Stammgast" Eigenartig, dass es solche Läden, die man ja in NY zuhauf findet, die auch immer brechend voll sind, bei uns kaum gibt.
              Ich finde das auch eigenartig. Ziel dieser Art von Restaurants ist es ja gerade, den Laden voll zu haben und nicht sich Sterne zu erkochen, o.ä. Insofern muss man vielleicht gar nicht so viel in Besteck, Geschirr, einen 1.000 Flaschen Weinkeller, usw. investieren. Wenn überhaupt, scheint es Restaurants dieser Art in Berlin zu geben: Katz Orange, Bandol sur mer, das (leider schreckliche) Restaurant im Soho House, früher das Restaurant in der Bar25 und weitere. Ich hoffe, dass sich das ausweitet und auch ein bisschen selbstverständlicher wird.
              Zuletzt geändert von rocco; 04.11.2013, 16:16.

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              • #52
                Williamsburg, Brooklyn Part 4 - Gwynnett St.

                Auf der Graham Ave in East Williamsburg liegt ein Restaurant, das die New York Times so gut fand, dass es in die "12 Restaurant Triumphs of 2012" Liste aufgenommen wurde. Das Restaurant gehört einem ehemaligen Sommelier. Es kocht Owen Clark, der früher u.a. im WD-50 kochte. Mit seinen offenen Backsteinwänden sieht es sehr amerikanisch aus. Wir sind ein bisschen früher hin und haben noch an der Bar einen Cocktail getrunken, bevor wir an den Tisch geführt wurden.

                Wir haben alle drei das Tasting Menu gewagt ($ 120 mit Weinbegleitung) in der Hoffnung, dass nicht zu viele Gänge nicht zu schnell in nicht zu großen Portionen serviert werden. Als erstes wird das Hausbrot, ein "Whiskey-Bread" serviert, das sich laut Kellner, der mit einem schönen Twang in der Stimme sprach, dadurch auszeichnet, dass es "alotta Whiskey and alotta Butter" enthält. Das Brot war in der Tat köstlich, aber eigentlich war man nach einer Scheibe schon satt. Dazu wurde uns ein kleines Glas Fino-Sherry serviert.

                Gang 1: Red Cabbage Consommé, brussels sprouts, kohlrabi and leeks (Weinbegleitung: 2011 Red Hook Winery Seneca Riesling)

                Der Gang schmeckte nicht schlecht, aber ehrlich gesagt ein bisschen nach Schonkost im Krankenhaus. Durchaus passabel gefallen hat mir der Riesling aus Long Island, der erste US-Riesling, den ich bislang getrunken habe.

                Gang 2: Autumn Salad, buttermilk, white beet, salsify and celtuse (Weinbegleitung: 2012 Château Pierrail Bordeaux Blanc)

                Diesen Gang fanden wir alle sehr gut. Die Schwarzwurzel, weiße Bete und der merkwürdige chinesische Salat (celtuse, had to google it) schmeckten recht intensiv, die Buttermilch kam als schwarze Krümel, war offenbar langsam im Ofen zu Krümeln verarbeitet worden. Gerade in Verbindung mit der Sauvignon Blanc/Gris Cuvée funktionierte das hervorragend und war sehr erfrischend.

                Gang 3: Pigs Ear broccoli, orange, chili and breadcrumbs (Weinbegleitung: 2011 Telmo Rodriguez Gaba do Xil Godello Valdeorras)

                Auch diesen Gang fand ich sehr gut. Die Schweineohrstreifen waren knusprig und fettig. Mit dem Broccoli und der Orange und einer ganz leichten Chili-Schärfe gab das ein spannendes und harmonisches Geschmacksbild. Den Reiz von Godello konnte ich nie ganz nachvollziehen und auch dieser war für mich keine Offenbarung.

                Gang 4: Quail, chestnut, celery root, sweet potato and kale (Weinbegleitung: 2009 Pietro Caciorgna Etna Rosso Nerello Mascalese)

                Diesen Gang fand ich eher mittelmäßig spannend, aber sehr schmackhaft. Vielleicht waren wir am Tisch aber zu dem Zeitpunkt alle etwas zu sehr in Gespräche vertieft, um wirklich aufs Essen zu achten. Gut gefallen hat mir aber der Wein, erdig, fein, animierend.

                Jetzt mussten wir nach einer Pause fragen. Die ersten vier Gänge wurden in atemberaubendem Tempo serviert (im USA Vergleich aber eher im Schneckentempo). Wir hatten Angst, dass wir bei so vielen Weinen und so viel Essen in so kurzer Zeit schnell unter dem Tisch liegen. Die Pause wurde auch gewährt, der Chef schenkte uns sogar noch einen Extra-"Pausen" Wein ein, obwohl wir jeweils noch ein halbvolles Glas Etna Rosso vor uns stehen hatten. Der Pausenwein war aber auch so schlecht, das wir ihn alle stehen ließen. Nach der Pause fiel das Menu leider ziemlich ab.

                Gang 5: Cobia, cauliflower, tarragon, grape and sea lettuce (Weinbegleitung: 2011 Paul Pernot Bourgogne Rouge)

                Ich hatte keine Ahnung, was Cobia ist (eine Barschart), und der Fisch sah auf dem Teller auch etwas bizarr aus. Er war lauwarm und ziemlich hart, gegart schien er nicht gewesen zu sein. Dazu gab es, anders als angekündigt, nur ganz leicht gedünstete Zwiebelhälften sowie die angekündigten Blumenkohlröschen (ebenfalls fast roh) und weiße Trauben. Das war nicht mein Gang und auch nicht der meiner beiden Begleiter. Der Fisch schmeckte uns überhaupt nicht, auch von rohem Blumenkohl bin ich kein Fan. Nur die Trauben gaben hier und da etwas Frische.

                Gang 6: Beef, spinach, black garlic and treviso (Weinbegleitung: 2011 Quintay Q Syrah aus Chile)

                Dies war der traditionellste Gang des Abends. Mir war er zu dem Zeitpunkt viel zu intensiv im Geschmack. Das Bavette vom Rind war große Klasse, eher blutig, schön im Geschmack, zurückhaltend gewürzt. Die schwarze Knoblauchcreme, der Radicchio und der recht salzige Spinat jedoch wirkten etwas in yo face auf mich. Das galt auch für den Wein, ein eher kaffesüßes Getränk.

                Zu diesem Zeitpunkt waren wir ehrlich gesagt froh, dass es in Richtung Dessert ging.

                Dessert 1: Lila Süßkartoffeleis (Weinbegleitung: 2012 Oddero Moscato d'Asti Cascina Fiori)

                Das Pre-Dessert stellte ein recht mürbes und süßes Lila Süßkartoffeleis in den Mittelpunkt. Dazu gab es noch ein paar Krümel und was man sonst heutzutage so einem Dessert beigibt. Das schmeckte recht gut, gerade in Verbindung mit dem Moscato d'Asti.

                Dessert 2: Peanut-Butter Cake (Getränkebegleitung: Amaro Nonino)

                Das zweite Dessert war anstrengend. Zum Schluss dieses opulenten Mahls mit zahlreichen Gängen und ganz vielen Weinen hätte ich mir etwas frisches gewünscht: ein Zitronensorbet mit Minze oder irgendwas mit grünem Apfel. Es kam ein Erdnusseis und ein Peanut-Butter-Kuchen, dazu ein Gelee von der Cocktail-Kirsche. Das schmeckte nicht schlecht, war aber zu diesem Zeitpunkt einfach zu viel. Der Amaro dazu geht für mich in die Geschichte ein als unpassendste Getränkebegleitung ever.

                Am Ende waren wir trotzdem guter Laune. Das Essen war sicher zu 50% wirklich gelungen, teilweise mittelmäßig gelungen und teilweise misslungen, aber weniger wegen der konkreten Kochkunst, sondern eher, weil ein Tasting Menu mit so vielen Weinen und in so großen Portionen einfach zu viel ist. Hier und da war mir die Küche etwas zu laut und aufdringlich, subtil war das Essen jedenfalls nie. Bei der Weinbegleitung sind aus meiner Sicht gar nicht so viele Weine nötig. Lieber wäre mir die Hälfte der Weine gewesen, dafür welche mit etwas mehr Tiefgang. Im Fazit hat es uns ganz ok gefallen, aber nochmal muss ich das Restaurant letztlich nicht aufsuchen.

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                • #53
                  Williamsburg, Brooklyn Part 5 - Zenkichi

                  Unser letztes Essen in Brooklyn führte uns spontan ins Zenkichi (N 6th, Ecke Wythe), eine nach eigenen Angaben Modern Japanese Brasserie, deren Konzept an aktuelle Tokyoter Nicht-Sushi-Restaurants angelehnt ist, in denen man privat in kleinen Kabinen sitzt und viele Kleinigkeiten ist. Wir hatten spontan noch einen Tisch bekommen, aber erst spät. Das Restaurant ist schwer zu finden, führt kein Schild draußen, nur ein ganz kleines an der Tür. Man wird erst einmal in einen Warteraum gesetzt und dann abgeholt. Das mit den kleinen Kabinen ist witzig. Die Kellnerin (eine Koreanerin, die aber länger in Japan gelebt hat) kündigt sich mit einem freundlichen japanischen Gruß an (es war aber glaube ich nicht こんにちは, sondern すみません, vielleicht aber auch ein anderes Wort) und zieht dann kurz den Vorhang hoch. Dann bringt sie Essen oder Getränke, verabschiedet sich und zieht den Vorhang wieder runter. Das soll das Essen zu einer privaten Angelegenheit werden lassen. Bei uns hat das nicht funktioniert, weil gegenüber zwei unglaublich aufdringliche Angeber (sie: Model, er: Schauspieler) saßen, die sich in Sportsbar-Lautstärke über Sex, harte Drogen und ihre issues (Sie: "When I'm outside, I feel the desire of all those men looking at me, but when I'm home, there's nothing and I feel like shit") unterhielten. Wir hätten uns umsetzen können, aber die Unterhaltung war auf der anderen Seite ganz amüsant.

                  Es gibt ein Omakase Probiermenu, aber nach den Erfahrungen im Gwynnett St. haben wir lieber à la carte diverse kleine Teller bestellt. Zu trinken gibt es Bier, Champagner und Tee, aber hauptsächlich Sake und keinen Wein. Gut gefallen hat uns, dass man verschiedene Teller bestellt und die Kellnerin für einen die Kombinationen und die Reihenfolge sehr kundig zusammenstellt. Beim Sake habe ich mich trotz Sake-Dilettantenstatus für das Connoisseur Sake Tasting ($ 32) entschieden, das aus kleinen Gläsern Urakassumi Zen Super Premium Junmai Ginjo, Taiheizan Tenko Premium Junmai Dai Ginjo und Yumedono Super Premium Junmai Daiginjo bestand. Für mich hat sich an dem Abend eine ganz neue Welt des Sake eröffnet, alle drei schmeckten dezent, aber dezidiert unterschiedlich, samtig, animierend, ganz leicht fruchtig (in Pastellfarben gemalt) und passten hervorragend zum Essen. Vielleicht wird es auch nochmal was mit dem Connoisseur.

                  Unser Essen war von vorne bis hinten absolut fantastisch. Es kamen teils zusammen und größtenteils hintereinander in angenehm ruhigem Serviertempo (viiiel langsamer als in US-Restaurants):

                  Amuse: ein mit Sake aromatisierter Dashi mit einem Hühnerhackbällchen. Sehr subtil.

                  季節のおみおつけ: Miso-Suppe mit Schweineohren. Großartig.

                  たこわさび: Der erste Wow-Effekt. Mit Wasabi roh marinierter Tintenfisch. Beim ersten Bissen habe ich den Mund verzogen, so ungewöhnlich hat das geschmeckt: nach Meer, aber auch dezent scharf von dem Wasabi. Und vor allem knackig, denn der Tintenfisch war nahezu roh. Mit jedem Bissen habe ich mich mehr an das Gericht gewöhnt und nach dem letzten war ich fast traurig, dass die kleine Schüssel leer war.

                  手作り豆腐 鰹だし: Seidig-sahnige Tofuwürfel in einem leichten Dashi-Sud. Dazu gab es fein geriebene Karotten, Frühlingszwiebeln und noch eine Beigabe. Für dieses Gericht muss man wohl Tofu-Fan sein. Der Gang war ok, aber ich fand ihn weniger interessant als alle anderen Gänge des Abends.

                  ひじき: Algensalat in süßem Sake und Soyasauce. Das schmeckte halbwegs bekannt und sehr gut.

                  鮪青柚子カルパッチョ: Sashimi vom Thunfischbauch, das auf einem Karottensalat mit fein geriebenem Ingwer und Knoblauch serviert wurde. Das war Produktküche vom feinsten.

                  本日のお薦め刺身: Sashimi des Tages, hier Yellow Fin Tuna, Lachs und Red Snapper mit einer mittelalten Soyasauce und etwas Wasabi. So kann Sashimi also schmecken, das war mir vorher nicht klar.

                  地鶏岩塩焼: Freiland (Jidori) Huhn, als Brust, aufgeschnitten, von Natur aus dezent salzig, und serviert mit Zitrone und einer Yuzu-Pfeffer-Paste. Ganz ehrlich: diese Art von Freilandhuhn schmeckt mir besser als die auch guten Bresse-Freilandhühner, die ich im Raum Lyon gegessen habe. Ein simples, aber wirklich Standards setzendes Gericht, für mich jedenfalls.

                  黒胡麻のフローズンチョコレートムース: Ein halbgefrorenes von der Schokolade und schwarzem Sesam, kaum süß, gehaltvoll, aber erfrischend.

                  峰岡豆腐: Wie eine Panna Cotta, aber aus einer Milch, die aus einer japanischen Bergregion kommt (keine Ahnung, ob tierische oder pflanzliche Milch). Das Dessert war etwas konventioneller, schmeckte aber auch sehr gut.

                  Am Ende waren wir nicht satt, aber auch nicht hungrig und gingen, obwohl es schon sehr spät war, zum ersten Mal in einer Woche New York beschwingt aus einem Restaurant ohne jegliches Füllegefühl. Ich war noch nie in Japan, aber wenn das Essen in Japan immer so gut ist, wäre ich sofort dabei.

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                  • #54
                    Herzlichen Dank für die tollen berichte, die meinen Horizont in Sachen Essen und NY erweitern.

                    Die berichte sind verhalten kritisch und ehrlich. Man merkt aber, dass Sie großen Spaß hatten.

                    Willkommen im Club derer, die nicht viel über Sake wissen, ihn aber mit Begeisterung trinken. Ich finde Sake ungemein spannend durch die vielen Aromen.


                    Gruß!

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                    • #55
                      Uns treibst kurzfristig zur Fahrt mit der Queen Mary nach New York und bin jetzt auf der Suche nach Hotel und Restaurant. Das Bernardine steht nach dem Bericht hier auf der Liste. Gibts von dem ein oder anderen Forumianer Selbst erlebte Empfehlungen ? Würde mich sehr freuen

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                      • #56
                        Werter Wombard,

                        eine Hotelempfehlung, die ich guten Gewissens aussprechen kann, ist das Library Hotel http://www.libraryhotel.com/de/ und das Casablanca Hotel http://www.casablancahotel.com/de/. Insgesamt war ich jetzt viermal in einem der beiden Häuser und immer absolut zufrieden. Im Preis ist Frühstück und eine wine and cheese reception am Abend eingeschlossen, dazu absolut zentrale Lage und die Freundlichkeit des gesamten Personals. Als Restaurant-Empfehlung möchte ich das Juni by Shaun Hergatt nennen www.juninyc.com ; ich würde nicht zögern, das Juni wieder zu besuchen!

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                        • #57
                          Lieber Mousse,

                          keine Geheimtipps, aber einen Umweg wert: Jean Georges zum Lunch, bisher spottbillig. Nach einem Museumsbesuch im MOMA Dinner im The Modern im Gebäude, unprätentiös und tiptop. Dort haben Sie die Wahl zwischen Bar- und Restaurantbereich.
                          Gerne können Sie uns natürlich über das Essen im Eleven Madison berichten...wenn Sie noch einen Tisch bekommen. Mich würde tatsächlich interessieren, was an dem Hype dran ist.
                          Im recht häßlichen american business- aber sauberen Millenium Hilton waren wir mal zwecks Kongreß, die Lage ist recht praktisch.

                          MkG, S.

                          MkG, S.

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                          • #58
                            Lieber Sphérico,

                            die Empfehlung, zum Lunch zu Jean Georges zu gehen, kann ich in jedem Fall und ohne Einschränkung unterstützen: letztmals 2014, absolut unübertreffliches Preis-Leistungsverhältnis. Keine ganz große Oper wie am Abend, dafür aber Genuß ohne schlechtes Gewissen ob des verausgabten Geldes.
                            Im EMP war ich insgesamt dreimal. Das erste Mal war ich total begeistert, vielleicht auch weil ich im hinteren Teil des Restaurants etwas abseits platziert war und dort vom Service wirklich umsorgt wurde. Aber auch das Menu war großartig. Beim zweiten Besuch, ein dreiviertel Jahr später, kühlte die Begeisterung schon etwas ab, vor allem auch die Atmosphäre (eisig kalte Temperatur, Bahnhofshallenatmosphäre, Lautstärkepegel) verdarb das immer noch sehr gute Esserlebnis. Der dritte Besuch vor einem Jahr war dann eine Enttäuschung: an die Atmosphäre ist man ja gewöhnt gewesen, aber nun war auch der Service eines *** nicht mehr würdig und leider war auch das Menu alles andere als ein Erlebnis gewesen, das mich zu einem erneuten Besuch motivieren würde. Die verantwortlichen Herren in Küche und Service tanzen vielleicht inzwischen auf zu vielen Hochzeiten... Jedenfalls müsste ich es mir sehr gut überlegen, ob ich noch einmal ins EMP gehe; es gibt ja in NJ so viele interessante Alternativen, besternt und unbesternt.

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                            • #59
                              Ich werde Anfang Oktober knapp eine Woche in NY sein, bin schon sehr gespannt.
                              Einige Tipps von hier (Jean Georges Lunch) haben mir die Entscheidung leichter gemacht.
                              Ansonsten geht es ins Chefs Table, EMP, Le Bernadin, Ichimura at Bushstroke, Blanca, NoMad und Marea.
                              Es gehen kulinarische Träume in Erfüllung und bin sehr gespannt, wie gut die Restaurants im direkten Vergleich sind.

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                              • #60
                                Und wir freuen uns dann hoffentlich von den spannende Restaurantberichten hier zu lesen. Da stehen wirklich ein paar sehr interessante Adressen auf der Agenda.
                                Bei Zeiten müssen Sie mal berichten, wie sie an so viele begehrte Plätze innerhalb einer Woche gekommen sind.

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