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Die Ente*, Ketsch

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  • Die Ente*, Ketsch

    Das Seehotel in Ketsch bei Schwetzingen ist hübsch an einem Anglersee gelegen, der Rhein mit seinen ruhigen Armen ist ganz in der Nähe und zahlreiche Spazierwege laden zum Verweilen ein. In den letzten Jahren wurde das Haus um einen Anbau erweitert, der nunmehr auch zeitgemäße, moderne Zimmer mit etlichem Komfort bietet. Eine ideale Anlaufstelle also für einen Kurztrip in der Spargelsaison oder einen Seminaraufenthalt in ruhiger Umgebung.

    Seit fünf Jahren schmückt sich das Seehotel auch mit einem Sternerestaurant, das sicherlich auch noch einmal eine andere Klientel anzieht. Tommy R. Möbius ist Küchenchef der „Ente“ und brachte als Referenz Stationen bei Wissler und Karrer ein; in Wien hatte er die Verantwortung für die Küche des Restaurants „Walter Bauer“*.

    Und mit diesen Vorschusslorbeeren wirbt das Seehotel ziemlich kräftig, und das ist im Prinzip auch absolut in Ordnung. Was uns nicht so sehr gefallen hat, ist, wie ein regelrechter „Starkult“ um Möbius aufgebaut wird, der darin gipfelt, dass von seiner Küche als einer mit dem gewissen „Möbius-Faktor“ (was auch immer das ist) gesprochen wird. In einer hauseigenen Publikation liest sich das so: „Der Möbius-Faktor wird in einer geradlinigen und kraftvollen Küche deutlich, die ebenso provokant wie puristisch geprägt ist und die jede Kreation des begnadeten Sternekochs zu einem Erlebnis macht.“ Wau! Und wenn man Tommy R. Möbius im Restaurant die Honneurs machen sieht, dann wir überdeutlich, wie sehr er diese Einschätzung mit großem Selbstbewusstsein auch selber lebt. Nicht verwunderlich ist daher auch seine hochtrabende eigene Website „dermoebius“.

    Egal! Entscheidend ist, was hinten, sprich, aus der Küche, rauskommt! Um es kurz zu machen: Wir würden die Küche von Tommy R. Möbius mit keinem der zitierten Adjektive umschreiben, noch halten wir ihn für einen „begnadeten“ Koch. Im Vergleich mit den uns bekannten Einsternern wird die Küche der „Ente“ gerade so dieser Klassifizierung gerecht. Wir haben weder einen besonderen „Möbius-Faktor“ entdeckt, noch fanden wir Ansätze, die den Meister aus der Masse der guten Köche herausheben. Das versucht er zwar durch eine gewisse Wortakrobatik in der Karte (z.B. „Samba in der Gamba“, „Quietsche Ente“ oder „der stramme Lachs“) zu suggerieren, doch müssten den flapsigen Worten dann auch seriöse Taten folgen. Aber schauen wir mal:

    Zur Einstimmung gab es auf einem Porzellan-Löffel ein Stück Räucheraal (na ja!) und als Amuse bouche Mini-Shrimps mit Miso und Gurke. Die Shrimps waren ungeschält und mit Kopf frittiert. Muss man mögen!

    ENTE IN DER SEMMEL
    [englisch auch Burger! genannt : Koriander | Confit]

    Genau so steht das wirklich auf der Karte! Der kleine Enten-Burger wurde in dieser Burger-typischen Pappschachtel serviert. Na ja! Er bestand aus etwas nachlässig parierter, gebratener Stopfleber, gepresstem Entenconfit und einem Korianderblättchen. Na ja! Tausendmal probiert, tausendmal ist nichts passiert!

    ZAREN.FRÜHSTÜCK
    [geschnittenes Beef-Tatar | Eigelb | Wodka]

    Ein gut abgewürztes Rindertatar mit etwas Eigelb obendrauf und einem kleinen Brotchip. Das war´s! Irgendwo muss noch der Wodka gewesen sein. Na ja! Sterneküche?

    NIMM 2
    [Mimolette | Salbei | Radicchio]

    Drei zu Bonbons gedrehte Ravioli waren mit flüssigem Käse gefüllt und auf geschmortem Radicchio angerichtet. Und da war noch ein Salbeiblatt. Na ja! Der gute Italiener von nebenan lässt grüßen!

    WILD.WASSER
    [St. Pierre aus Palamós | Misobutter | Yuzu]

    Angesichts eines St. Pierre-Filets (egal, ob es aus Palamós oder der Tiefkühlung kommt) gibt es bei vielen Köchen einen offenbar unvermeidlichen Reflex: Knallheiße gusseiserne Pfanne!!! So eine muss auch Herr Möbius benutzen. Ergebnis: Die Haut ist so „schockgebraten“, dass sie sich nicht mehr vom Fischfleisch lösen lässt und letzteres trocken und zäh ist. Begleitet wurde dieses totgebratene Filet von drei dicken Soßentupfen, die arg cremig und mächtig aufgeschlagen waren. Der Fisch war auf einem Wurzelgemüse angerichtet (Petersilienwurzel?), dem noch eine Nocke laschen Spinats beigeben wurde (warum auch immer). Na ja! Ein Gang, der nun wirklich nicht gut gemacht war und von einer nachvollziehbaren „Komposition“ weit entfernt war.

    STRO.GA.NOFF 
    [RinderFilet | Knusperzwiebel : Pfeffermüsli]

    Ja, Originalton! Zwei ganz gut gegarte Scheiben vom Rinderfilet mit viel „Pfeffer-Knusper“ und einer ordentlichen Sauce. Die „Knusperzwiebel“ war ein stark paniertes und frittiertes Zwiebelbällchen. Na ja!

    VACHERIN MONT D´OR
    [Pumpernickel : Granatapfel]

    Nanu, kein Gag in der Schreibweise?! Auch nicht im Glas, in dem der flüssige Käse serviert wurde. Der angegossene, stark prägende Pumpernickel-Sud tat dem eigentlich tollen Käse nicht sonderlich gut. Die Granatapfelkerne spielte nur optisch eine Rolle. Na ja!

    SCHNIIIICKERS
    [Karamell | Erdnuss]

    Das Dessert sollte wohl eine Dekonstruktion des bekannten Snickers-Riegels sein. War´s wohl auch mit seinem Karamell- und Erdnussgeschmack. Das Ganze wurde auf einem weißgepuderten Backstein serviert. Na ja! Aus dieser Gemengelage stach für uns noch ein Erdnuss-artiges Gebilde hervor, das wir zuletzt in perfekter Ausführung im Vendôme gegessen hatten: eine feine Erdnusscreme im knackigen Mantel. Bei Möbius war der Mantel weich. Na ja!

    Fazit:

    An meinem häufig verwendeten Ausdruck „na ja!“ mag man erkennen, dass die „Ente“ eine Küche präsentiert, die einiges vorgibt, einiges möchte, aber nach unserem Erleben leider zu wenig einlöst. Bei jedem Gang hat man das Gefühl, so etwas schon besser oder raffinierter, kreativer erlebt zu haben. Würde sich das Marketing um Herrn Möbius ein Stück bescheidener geben, würde man vielleicht auch nicht mit einer höheren Erwartungshaltung in das Restaurant gehen. So aber können die im Vorfeld hochgepushten Erwartungen beim erfahrenen Esser nur enttäuscht werden. Wer gerne die Show mag, ist bei Tommy R. Möbius wohl ganz gut aufgehoben.

    Der Service ist unaufgeregt freundlich, die Weinkarte ordentlich bestückt mit vorwiegend deutschen und französischen Gewächsen.

    Schönen Gruß, Merlan
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