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Villino*, Lindau (Bodensee)

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  • Villino*, Lindau (Bodensee)

    Wir hatten das große Vergnügen, für einige Tage im Villino verbringen zu können. Der Name des schmucken Hotels könnte treffender nicht sein, wirklich eine kleine Villa mit 21 Zimmern und Suiten, die individuell mit viel Charme und Geschmack eingerichtet sind. Das Haus, oberhalb von Lindau gelegen, ist in einen wunderschönen gepflegten Garten eingebettet, der mit vielen Details liebevoll ausgestattet ist. Kurz: ein mediterran gestaltetes Anwesen, das den guten Geist der Familie Fischer an allen Ecken und Enden spüren lässt und ein echtes Refugium am Bodensee darstellt, um dort ein paar Tage zu entspannen und sich verwöhnen zu lassen.

    Natürlich zieht es unsereins auch ins Villino, um die Küche von Reiner Fischer zu genießen, die eine Melange von asiatischen und klassischen Elementen bietet (den angeblich italienischen Einschlag der Küche haben wir nicht entdeckt). Wir haben an 3 Tagen jeweils ein 4-Gang-Menü gewählt und so einen guten Überblick über die Karte von Reiner Fischer bekommen, der seine Gäste aus zwei großen Menüs auswählen lässt.

    Die Vorspeisen:

    Asiatische Vorspeisenvariation
    Tempura vom kanadischen Hummer mit Mango, Maracuja, Limette und Minze
    Sashimi vom Thunfisch mit Wok-Gemüse


    Reiner Fischer kocht am stärksten, wenn er seine asiatischen Rezepte umsetzt; sehr authentisch und geschmacksstark mit wohldosierter Schärfe und harmonischer Feinabstimmung. Das Highlight, das man keinesfalls auslassen sollte, ist die asiatische Vorspeisenvariation, die auf einem Tablett mit neun Gefäßen, Schälchen und Tellerchen gereicht wird. Hier findet sich alles, was das asiatische Herz begehrt. Sehr gut!

    Von gleicher Qualität „Sashimi vom Thunfisch“ auf Sprossen-Gemüse mit leichter, angenehmer Schärfe, das durch ein Curry-Süppchen fein ergänzt wurde.

    Weniger gelungen: „Tempura vom kanadischen Hummer“. Hier waren drei lauwarme Hummerstücke in ein Glas gezwängt, die sich mit Gabel und Löffel nicht teilen ließen und so viel zu groß im Mund landen mussten. Der Tempura-Teig war in der Enge des Glases feucht geworden und damit nicht mehr knusprig. Die kalten Fruchtstückchen am Glasboden irritierten mehr, als dass sie den Hummer harmonisch unterstreichen konnten; aber die waren ja eh schon gegessen, als man am Boden des Glases ankam! Dieses Gericht wäre in tiefen Tellern sicherlich besser aufgehoben gewesen!

    Die Zwischengerichte:

    Ravioli vom schottischen Wildwasserlachs im Champignon-Sud
    Tomatenessenz mit geräucherter Jakobsmuschel
    Gebratener Zander und Sellerie


    Die Zwischengerichte waren sämtlich hübsch angerichtet, kamen aber etwas einfach daher. Dies gilt jedenfalls für die Jakobsmuscheln in Tomatenessenz und den einsamen Lachsraviolo im Champignon-Sud, wobei der Nudelteig arg dick und die Lachsstückchen im Sud arg trocken ausfielen.

    Aufwendiger und kreativer dagegen der Fischgang mit einem auf der Haut gebratenen Zander, der von vier Sellerievarianten begleitet wurde: feines Selleriepüree, sahniges Selleriesüppchen, leider nicht krosses Selleriestroh und ein zu stark frittiertes Stück Sellerie.

    Die Hauptgerichte:

    U.S. Roastbeef mit Frühlingsmorcheln
    Wachtelbrüstchen mit Gänseleber und Trüffel
    Kalbsfilet mit Tettnanger Spargel und Vinaigrette


    Die Hauptgerichte fallen sehr klassisch aus („la cucina dei sensi“, wie Fischer sie nennt!?), handwerklich untadelig und geschmacklich einwandfrei. Es fällt auf, dass Reiner Fischer sein Fleisch gerne auf Püree anrichtet, immer mit einer knusprigen Sesamstange krönt und seine Teller stets mit dem gleich undefinierbaren Soßenstrich verziert (das kommt davon, wenn man 3 Tage hintereinander im selben Restaurant isst!).

    Die Desserts:

    Valrhona-Schokoladensoufflé mit karamellisierter Banane
    Himbeer und Vanille
    Erdbeer-Millefeuille


    Vor dem süßen Abschluss serviert Fischer stets einen Becher mit heißem Eisenkrauttee (soll gut für den Magen sein!) und anschließend ein angenehm erfrischendes Smoothie, um auf die untadeligen, sehr klassischen Desserts einzustimmen.

    Fazit:

    Das Villino ist eine Reise wert! Dies gilt aber in erster Linie für das Hotel. Dass man in dessen Restaurant auch gut essen kann, macht einen Aufenthalt auf dem Hoyerberg doppelt angenehm.

    Die Küche von Reiner Fischer ist dann am besten, wenn er asiatisch kochen kann; meine Empfehlung wäre, sich auf diese Gänge zu konzentrieren. Alles andere birgt kaum Überraschendes, so dass man diese Gerichte so auch schon vor 10 oder 15 Jahren irgendwo hätte finden können. Hier wäre eine zeitgemäße Weiterentwicklung wünschenswert.

    Noch ein Wort zum Wein: Die Karte ist außerordentlich gut bestückt und von Herrn Hörmann vorbildlich verantwortet und interpretiert. Ihm kann man sich bedenkenlos anvertrauen und wunderbare Gespräche über Wein und Winzer führen.

    Der äußerst freundliche und sympathische Service wird von der Patronne Sonja Fischer geleitet, eine aufgeschlossene, herzliche Gastgeberin, die das ganze Haus mit geschickter Hand führt.

    Beste Grüße, Merlan

  • #2
    Danke für diesen Bericht. Ich bin ein Fan Ihrer Kompetenz, die man genau aus diesem, Ihrem Beitrag wieder lesen kann.

    M.

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    • #3
      Auch von mir ein grosses Dankeschön für diesen Bericht!

      Ende der 90iger Jahre und meines Wissens gerade mit einem Stern ausgezeichnet, bin ich im Zuge eines Bodenseeurlaubs mit meiner Familie einmal dort gewesen.

      Damals hatte ich allerdings noch andere Interessen im Kopf und war weit davon entfernt, mich mit gutem Essen zu befassen!

      Beste Grüße, Schmackofatz

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      • #4
        Schön mal wieder was vom Villino zu lesen. Dankeschön!

        Meine Erfahrungen sind schon ein paar Jahre her.
        Das Hotel ist wunderbar, wenn auch bei entsprechenden Preisen, das Essen dagegen habe ich schwächer in Erinnerung. Es war alles irgendwie belanglos, wobei auch damals schon der asiatische Einschlag deutlich spürbar war und auch der geschmacksintensivere Teil.

        Die Atmosphäre war damals recht trubelig und der Service wirkte immer etwas gehetzt, besonders als der Restaurantleiter nicht anwesend war.

        Ist der Restaurantleiter noch immer der ehemalige Mitarbeiter von A. Jaeger in Schaffhausen? War m.W. der Bruder der Chefin. War für mich jahrelang, als wir ihn noch aus Schaffhausen kannten, der Inbegriff eines freundlichen und kompetenten Serviceleiter.


        Gruß!

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        • #5
          Zitat von fragolini Beitrag anzeigen
          Ist der Restaurantleiter noch immer der ehemalige Mitarbeiter von A. Jaeger in Schaffhausen? War m.W. der Bruder der Chefin.
          Ja, so ist es! Letzteres ist er auch heute noch; drum darf er die Chefin auch Sonja rufen!

          Beste Grüße, Merlan

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          • #6
            Zum Eisenkrauttee noch eine Anmerkung: Besorgt man sich Eisenkraut in einer Apotheke, bekommt man Verbena officinalis, das sog. "echte Eisenkraut", in der Volksmedizin als entwässernd aber auch milchfördernd beschrieben. Da der Aufguss doch recht bitter schmeckt, war die von mir gerade noch annehmbare Trinkmenge wohl nicht ausreichend, um die erste Wirkung zu erfahren, die zweite war in jedem Fall negativ.
            In dem - allen Kräuterteeliebhabern übrigens unbedingt zu empfehlenden - Handbuch "Teedrogen" von Max Wichtl heißt es: "Es sei jedoch darauf hingewiesen, daß Verwechslungen mit einer anderen Verbenacee vorkommen, nämlich mit den unter der Bezeichnung "Echte Verbene" oder "Verbenenkraut" im Handel befindlichen getrockneten oberirdischen Pflanzenteilen von Lippia citriodora ... Diese Droge wird vor allem in Frankreich als Sedativum und Stomachicum verwendet"
            Ich hoffe, werter merlan, daß ich mit diesem Beitrag Ihren schönen Bericht nicht zu sehr verwässert bzw. verteet habe
            Gruß
            s.
            PS: Sashimi mit Wok-Gemüse und Curry-Suppe ist natürlich genauso schön asiatisch wie Pizza mit Köttbullar und Zarzuela europäisch ist.

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            • #7
              Zitat von Schlaraffenland Beitrag anzeigen
              Zum Eisenkrauttee noch eine Anmerkung: Besorgt man sich Eisenkraut in einer Apotheke, bekommt man Verbena officinalis, das sog. "echte Eisenkraut", in der Volksmedizin als entwässernd aber auch milchfördernd beschrieben. Da der Aufguss doch recht bitter schmeckt, war die von mir gerade noch annehmbare Trinkmenge wohl nicht ausreichend, um die erste Wirkung zu erfahren, die zweite war in jedem Fall negativ.
              Verblüffend!

              Gruß!

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