Ankündigung

Einklappen
Keine Ankündigung bisher.

Friedrich-Wilhelm*, Potsdam

Einklappen
X
 
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

  • Friedrich-Wilhelm*, Potsdam

    Wenn es einmal nicht das brummende Berlin sein soll, dann bietet sich Potsdam als reizvolle Alternative in nur 20 Minuten Zugentfernung an. Das gilt sicherlich für die zahlreichen Sehens- und Freizeitmöglichkeiten der Stadt, doch wie sieht es kulinarisch aus? Ein Blick in den Michelin verrät, dass es in Potsdam ein paar ordentliche Lokale, aber auch ein Sternerestaurant gibt: Das „Friedrich- Wilhelm“ im „Bayrischen Haus“. Das hört sich einerseits preußisch, andererseits aber bajuwarisch an und irritiert zunächst. Nun gut, das Hotel ist ein „Relais&Chateau“, also sicher ein verlässliche Adresse; das Restauarnt wird von Alexander Dresse geführt, der zurzeit Präsident der „Jeunes Restaurateurs“ ist; also auch ein Fingerzeig dafür, dass hier ein engagierter junger Koch am Herd steht.

    Das Hotel liegt ein Stück draußen, mitten im sogenannten Wildpark von Potsdam und muss erst einmal erreicht werden (mit dem Taxi circa 20 Minuten vom Bahnhof). Hat man das geschafft, genießt man einfach nur noch die Idylle und dieses bezaubernde Refugium mitten im Wald. Das Bayrische Haus wurde vor gut 10 Jahren als Top-Hotel hergerichtet und bietet alles, was man in dieser Klasse erwarten darf. Und es ist tatsächlich ein bayrisch anmutendes Haus mitten in Preußen, das Friedrich-Wilhelm IV. für seine aus Bayern stammende Frau Elise in nur sechs Wochen hat bauen lassen, als diese zu einem Kuraufenthalt in ihrer geliebten und so sehr vermissten Heimat weilte. Das ist Liebe!

    So, jetzt aber flugs zum Restaurant, das in der ersten Etage des Hauses liegt; unten befindet sich das Zweitrestaurant, das man hier dem Ambiente wenig entsprechend „Bistro“ nennt. Das „Friedrich-Wilhelm“ ist ein sehr elegantes Restaurant, das eine luxuriöse Ausstrahlung hat. Der „gentlemanlike“ Maître begrüßt seine Gäste sehr freundlich und lässt sofort eine Wohlfühl- und Willkommensatmosphäre aufkommen. Dem steht der junge Sommelier in nichts nach, der ein wenig lockerer auftritt und auch schon mal einen „Spruch“ auf Lager hat, der für heitere Stimmung sorgt. Beide zusammen – ein kongeniales Duo.

    Und die Küche von Alexander Dressel? Sie passt in dieses gediegene Haus! Sie ist grundsolide, klassisch, hier und da mit asiatischen Einsprengseln, aber immer am Grundprodukt orientiert, um dieses zu verfeinern, aber keinesfalls zu verfremden.

    Und so geht´s dahin:

    Amuse-Bouches:

    Carpaccio vom Kalbskopf mit Quinoa, Calamaretti-Törtchen, Gazpacho
    Letztere wird in einem Gläschen serviert und flankiert die beiden Appetithappen, die durch den Einsatz von Quinoa (Inkareis) und Koriander einen gewissen Biss bzw. „Parfum“ erhalten.

    Sot-l´y-laisse vom Perlhuhn, Karotte, Wachtelei
    Variationen von der Karotte sind offenbar zurzeit angesagt. Man kann ja auch allerlei aus so einer Möhre machen. Dazu das zart sautierte Pfaffenstück vom Perlhuhn und ein gebackenes Wachtelei. Unspektakulär, aber zum Einstieg durchaus gefällig.

    Menü:

    Gänseleber, Kohlrabi, Verbene
    Die Gänseleber wird als zylindrisches Stück aus der Terrine mit einem grünen Verbene-Gelee gereicht. Dazu bissfeste, kleine Kohlrabischeiben und Schafsyoghurt als Parfait und als Eis. Dieser Gang ist schon große Küche! Die leichte Säure vom Eisenkraut (das Gelee findet sich auch in weniger fester Konsistenz in der Mitte des Tellers) kontrastiert zu ganz leicht süßlichen Briochebröseln, um beim Schafsyoghurt in eine herbere Note abzugleiten, der wiederum durch seine Cremigkeit und Temperatur zu einer feinen Spannung dieses Ganges führt.

    Ikaramilachs, Sobanudeln, Senf, Seeigelschaum
    Zwei Komponenten, die nicht in der Beschreibung dieses Gerichtes stehen, geben diesem das besondere Gepräge: Ein „Aal-Lack“, der auf die confierte Lachstranche aufgetragen ist und sie damit ein Stück deftiger macht (sehr gut!) sowie eine Meerrettich-Creme, die sich auf dem Teller mit dem feinen Seeigelschaum abwechselt (weniger gut!). Leider dominiert der scharfe Meerrettich und gibt dem zarten Schaum einfach keine Chance zur Entfaltung. Und die Sobanudeln? Na ja, halt dünne Buchweizennudeln, die etwas schwer zu „gabeln“ sind. Hier hätte man sich vielleicht eine spannendere Komponente gewünscht.

    Maibock, Saitlinge, Cima di Rapa, Pfefferkraut
    Zwei sehr ordentliche Stücke vom Maibockrücken werden getoppt durch einen wunderbar dichten Pfeffer (Ragout) vom Maibockherzen. Wow! Und da wir schon beim Pfeffer sind: Tupfen vom pürierten Pfefferkraut und Rübstiel (Cima di Rapa) geben diesem sehr guten Fleischgang noch die grüne Note.

    Rhabarber, Vanille, Himbeere
    Die Ansage der Komponenten reicht schon aus, um den Geschmack auf der Zunge zu haben. Also, keine Überraschung, aber durchaus ein gelungener Abschluss dieses klassischen Menüs im Bayrischen Haus.

    Fazit:

    Alexander Dressel kocht im Friedrich-Wilhelm einen sicheren Stern, ohne Gefahr nach unten, aber auch ohne bemerkbare Ambitionen nach oben. Damit entspricht er wohl am ehesten der Klientel, die im Bayrischen Haus absteigt und kulinarisch etwas mehr sucht, als es in dem ebenfalls von Dressel geführten Bistro auf gutem Niveau geboten wird.
    Ich sehe dieses Haus als Gesamtpaket für ein paar Tage in der reizvollen Potsdamer Gegend vor den Toren Berlins. Top-Hotel, gutes Bistro, sehr gutes Restaurant.

    Beste Grüße, Merlan

  • #2
    Vielen Dank werter Merlan für den schön zu lesenden Bericht. Das Menü kam aber dann doch ohne bayerische Einsprenkeln aus.

    Kommentar


    • #3
      Vielen Dank, lieber merlan, dass Sie mal wieder eine Lücke im Forum geschlossen haben.

      Kommentar

      Lädt...
      X