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Haerlin **

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  • #61
    Zitat von cynara Beitrag anzeigen
    ich befürchte, das liegt an der Sommerpause.
    Ein berechtigter Einwand !

    (leider möchten weder die Veranstalter noch die 5000 Teilnehmer die von mir zu besuchende Veranstaltung auf ein WE verschieben, an dem in der Elphi gespielt wird...das prangere ich an !)

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    • #62
      Beides an einem Abend - finde ich nicht passend, wobei ich an der Alster die Klassik und an der Elbe den Jazz genieße - aber ein wunderbares Wochenende in der Stadt wäre natürlich garantiert.
      Und gerade auf höchsten Niveau OT Brandford Marsalis Quartett und Kurt Ellington - ***

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      • #63
        Zitat von schnecke Beitrag anzeigen
        Beides an einem Abend - finde ich nicht passend, wobei ich an der Alster die Klassik und an der Elbe den Jazz genieße - aber ein wunderbares Wochenende in der Stadt wäre natürlich garantiert.
        Und gerade auf höchsten Niveau OT Brandford Marsalis Quartett und Kurt Ellington - ***
        Wir hatten nun eine schöne Südalternative, erst Atelier, eigentlich***, drei Tage später Joja Wendt im Prinze **...
        Aber Haerlin ist im Sommer nun reserviert.

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        • #64
          Gegen Abend lande ich in Hamburg und mache mich mitsamt Gepäck direkt auf den Weg an der Jungfernstieg zum Hotel Fairmont Vier Jahreszeiten, das das zweifach besternte Restaurant Haerlin beherbergt. Im Restaurant freue ich mich über einen schönen Platz mit Blick auf die Alster. Auf dem Tisch befindet sich auch schon ein kleines Kärtchen, das ganz vorbildlich über die angebotenen Aperitifs informiert.

          Zum erfrischenden Drink mit Gin, Tonic und Apfelsaft gibt es auch gleich das erste Häppchen in Form von Thunfisch mit Pfeffer, Quittenbaiser, eingelegte Quitte, Limonenblatt und Quittenessenz. Knusprig, frisch, schmelzig – ein guter Start.


          Die Wahl fällt auf das große Menü. Dabei geht es gleich weiter mit dem nächsten Gruß. Dieser ist ein Rindertatar in einem Kefir-Kapernsud. Obenauf Sauerrahmschaum, knuspriger Grünkohl und geeiste Feldsalatperlen. Das Rindertatar ist hervorragend abgeschmeckt. Der Sauerrahm bildet die Brücke zwischen dem würzigen Fleisch und dem sauer-frischen Sud. Texturelles Spiel geben dann die geeisten Perlen und der frittierte Grünkohl. Äußerst gelungen und ein Amuse wie es im Buche steht.


          Zum dritten Amuse gibt es auch schon das erste Glas Wein. Leider können die Hummermedaillons unter geschäumter Reismlich, Krustentier-Ingwersauce, Corail und gelber Bete das Niveau nicht halten. Der pochierte Hummer ist an sich tadellos, allerdings schmeckt mir die Kombination mit der Reismilch nicht sonderlich, hinzu kommt dann noch die saure gelbe Bete, die den Hummergeschmack letztendlich vollkommen negiert – schade um das schöne Tier. Zum Glück bleibt das aber der einzige Moment dieser Art an dem Abend.


          Der erste Gang des Menüs beginnt mit Gänseleber gebraten und als Terrine. Zur Terrine gibt es Räucheraal in Apfel-Fenchel-Gelee. Das ganze schwimmt in einem Sud aus Fenchel und Chardonnay-Essig. Zu guter Letzt geben noch kleine Radieschen Knack und Frische. Last but not least eine 96er Auslese Geisenheimer Rothenberg vom Weingut Wegeler und fertig ist der perfekte Start in eines klassisches aber trotzdem komplexes Menü.


          Ganz besonders freue ich mich anschließend auf den jungen Nienburger Spargel. Dieser wurde in Butterschmalz langsam gegart. Dazu gibt es ein confiertes Eigelb mit Imperial Kaviar, eine würzige Parmesan Schnittlauch Spargel Sauce, Kresse und knusprige Spargelchips. Der Spargel steht im Vordergrund, wird aber bestens ergänzt von dem buttrigen Geschmack, dem confierten Ei und der würzigen Sauce.


          Richtig klassisch geht es weiter mit Flusskrebsen. Dazu gibt es erst einmal ein traumhaftes Glas Egly-Ouriet Grand Cru – extrem lobenswert ausgeschenkt in einem Burgunder Glas. Der fantastisch buttrig frische Duft hat das verdient. Auf dem Teller dann ausgelöste Flusskrebse in einem Schaum aus Sauternes, Gemüse und Butter. Dazu perfekt sautiertes Gemüse. Ein ganz klassisches Gericht mit dem vollen Fokus auf den Wohlgeschmack, ermöglicht durch perfektes Handwerk.



          Der erste „richtige“ Fleischgang ist jeweils ein Stück Ferkelrücken und Bauch, dazu Gurkensalat, Blutwurstgnocchi, Dilljus und ein süffig würziges Zwiebelchutney. Bauch und Rücken auf den Punkt gegart und der Bauch mit knuspriger Kruste. Auch dieser Gang eine wahre Freude.


          Bei meiner Sättigungsgrenze angelangt, kommt dann der Hauptgang. Dieser besteht aus einem kross angebratenen Lammrücken. Als langer Strich angerichtet eine violette Auberginencreme, daneben ein Kartoffelblini mit jungem Spinat und eingelegter Salzzitrone. Als Praline gibt es geschmorten Lammbauch. Schlussendlich wird noch eine dichte Lamm-Ingwerjus angegossen. Auch hier zeigt sich wieder für mich die Linie des Haerlin. Im Herzen eine klassische Basis, die dann aber doch in komplexen Tellern mündet, auf denen der klassische Hauptdarsteller, um viele stimmige Aromen und Komponenten ergänzt und begleitet wird.


          Nach diesem Feuerwerk komme ich nicht umhin, mit außen kurz die Füße zu vertreten. Die Nachtluft ist noch angenehm warm und ich bummel eine Viertelstunde an Designerläden vorbei, bevor ich mich auf die Desserts von Christian Hümbs einstimme lasse. Das gelingt mit einem Pre-Dessert, das sich ganz dem Thema Salat widmet. In einem Glas befindet sich dazu Salat in unterschiedlichsten Texturen, als Chips, Eis, Bonbons, etc. Dazu ein echtes Salatherz, weiße Schockolade und eine Yuzu Vinaigrette. Oft kopiert, aber wohl selten erreicht – hier ist die Kombination aus Dessert und Salat oder Gemüse stimmig wie selten. Das Dessert kommt nie zu kurz, erhält durch den Salat aber viel Frische und grüne Noten. Sehr gut!


          Auch im süßen Finale wird dieses Können fortgeführt bei Johannisbeerstrauch, Vanille-Noireis, Sauerteig, Petersilienöl und Cassis in verschiedenen Texturen. Wie schon einmal im Atelier mit der Kombination aus Kirsche und Fichte, schmeckt dieses Dessert nach Wald und roten Früchten. Im Mund bietet es eine ganze Fülle an Texturen. Kongenial ergänzt es sich auch mit dem sehr kirschigen 2014er Regnie von Julien Sunier, der das Dessert nicht zu süß werden lässt, sondern die roten Früchte noch einmal betont.


          So beende ich einen wundervollen Abend im Haerlin bei einigen Pralinen zum Thema Winter in Hamburg. Dabei sticht vor allem ein Macaron mit 16-jährigem Lagavulin Single Malt hervor. Für mich baut die Küche im Haerlin stets auf einer klassischen Basis auf und erweitert diese dann doch recht komplex um weitere Aromen und Komponenten. Dabei fühlte ich mich aber nie überfordert oder hatte das Gefühl die Teller seien zu verkopft. Für meinen persönlichen Geschmack könnte ich mir noch etwas mehr Reduktion wünschen, wie ich das zum Beispiel bei dem perfekt ausgeführten Taschenkrebs hatte. Das wäre für mich auch das i-Tüpfelchen, das dem Haerlin noch zum Sprung in die Dreisterne Liga fehlt – verdammt nah dran ist es aber schon!

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          • #65
            Lieber Junggaumen,

            dieser tolle Bericht darf nicht unkommentiert bleiben Wenn in Hamburg, dann würde es mich auch nach deinen Eindrücken ins Haerlin ziehen. Schön auch die Weinbegleitung!

            M

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            • #66
              Ein Freund von mir war kürzlich auch sehr begeistert von dem Menü und der Weinbegleitung.

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              • #67
                Hallo zusammen,
                nachdem ich mich zuletzt aufgrund der Berichte der Herren merlan und Junggaumen für einen Besuch im Haerlin entschieden habe, möchte ich im Gegenzug an dieser Stelle noch eine dritte Meinung beisteuern. Zur kurzen Einordnung: Ich würde mich insgesamt eher als Laien hinsichtlich des Verständnisses der Gourmetküche bezeichnen und habe an besternten Häusern bisher nur das Stadtpfeiffer und das Falco (beides in Leipzig) besucht.

                Entschieden habe ich mich an diesem Abend für das große Menü. Auf die Weinbegleitung habe ich verzichtet, sodass ich dazu leider keine Aussage treffen kann. Der alkoholfreie Aperitif mit Quitte und Limette war dafür sehr fruchtig und lecker. Fand die Aperitifkarte auch sehr angenehm und kann allgemein nicht verstehen, warum in vielen Restaurants um Aperitif- und Wasserpreise ein kleines Geheimnis gemacht wird.

                Der erste Küchengruß war ein Anisbaiser gefüllt mit Mojo Verde und Avocado in Häppchenform. Der Star war aber eigentlich eine kleine geeiste Tomatenperle und im Gegensatz zu manchen Eiskomponenten in anderen Restaurants, war die hier auch nicht zu kalt. Gruß Nr. 2 ist das Meerforellentatar im Kefir-Currysud mit Sauerkarut. Das war eines meiner Lieblingsgerichte, wo mir besonders das Zusammenspiel zwischen dem süßen Curry und dem Sauerkraut gefallen hat. Der letzte Küchengruß ist der schon aus den anderen beiden Berichten bekannte Hummer mit Reismilch und Passionsfrucht. Allerdings muss ich hier Junggaumen in der Hinsicht Recht geben, dass der Hummergeschmackvon den anderen Zutaten irgendwie überdeckt wurde. Irgendwann zwischen diesen Amuse gueules kam dann auch die Dame mit dem Brotwagen, wobei ich besonders vom Croissant begeistert war.

                Der erste Gang war dann Gänseleber mit Champignons, Orange und Artishockensud. Sowohl die Gänseleber als auch die Champignons wurden dabei in unterschiedlichen Formen (wie bspw. Pilzgelee, Leberterrine bzw. -eis, Champignoncreme und -chips) angerichtet und obwohl ich Pilze sonst überhaupt nicht esse fand ich den Gang echt grandios.

                Über den zweiten Gang, Flusskrebse in Sauternes mit Estragon und kleinem Frühlingsgemüse (Bild im Bericht von Junggaumen) kann ich das leider nicht sagen. Prinzipiell fand ich die Idee hier viel mit Gemüse zu arbeiten sehr gut, aber wie schon beim Hummer kam es mir so vor als würde durch den Schaum alles gleich schmecken bzw. der Eigengeschmack der Produkte zu stark überlagert werden.

                Das Seezungenfilet mit jungen Radieschen in Zitronengras-Fencheltee ist dann aber wieder klasse und die Kombi Fisch mit Zitrone geht hier voll auf.

                Gang Nr. 4 ist die Taubenbrust in Molejus mit Aubergine und grünem Apfelchutney. Da ich absolut nicht an fettes Fleisch kann, bin ich bei solchen Gerichten immer sehr vorsichtig, aber hier hat es das Küchenteam tatsächlich geschafft mit einer so dünnen Fettschicht zu arbeiten, dass selbst ich die ohne Probleme essen konnte und zur Abwechslung mal nicht abschneiden musste. Das Apfelchutney hat zudem wunderbar als Erfrischung zum Gang gepasst. Während in anderen Restaurants die Erfrischung oft erst nach dem Fleischgang kommt hat mir Ansatz hier besser gefallen.

                Als nächstes gab es Angler Sattelschwein mit weißem Spargel und Dill-Hollandaise. Hier fand ich besonders gut, dass der Eigengeschmack des Spargels noch so stark vorhanden war. Insgesamt kein Highlight, aber dennoch ein schöner letzter Hauptgang.

                Bevor es mit den Desserts weiterging durfte ich mich überraschender Weise noch am Käsewagen bedienen, was so in der Speisekarte gar nicht aufgeführt war. Dazu gab es Feigen-Rotwein Kompott sowie Traubensorbet. Ein Dip zum Käsegang kannte ich bisher nicht, fand ich allerdings klasse und ist ein echter Mehrwert.

                Die drei Desserts entsprechen denen aus den anderen beiden Berichten. Während mich der "Salat" nicht ganz abholen konnte, da er mir mit zu vielen Bestandteilen etwas überladen schien, war der Johannisbeerstrauch mit Vanille-Noir, Sauerteig & Petersilie wirklich aller erste Sahne. Zusammen mit den noch folgenden sehr interessanten Pralinen ein toller Abschluss des Menüs!


                Insgesamt war es wirklich ein toller Abend, wobei mir das Meerforellentatar, die Gänseleber mit Champignons und der Johannisbeerstrauch am besten gefallen haben. Im Vergleich hat das Haerlin sowohl das Stadtpfeiffer als auch das Falco für meinen Geschmack an diesem Abend klar geschlagen! Während das Stadtpfeiffer sehr klassisch aber vielleicht auch etwas langweilig ist, fand ich das Menü im Falco persönlich doch etwas kompliziert und komplex. Das Haerlin geht deshalb für mich den perfekten Mittelweg.

                Hinsichtlich Ambiente und Service habe ich mich zwar nicht unwohl gefühlt, allerdings ist das luxeriöse Ambiente und der eher zurückhaltende Service nicht wirklich meine Welt gewesen. In der Beziehung hat dann wieder das Falco mit der "stylischen" Ausstattung und dem jungen, lockeren Serviceteam in den "Jedi-Ritter Kapuzenkleidern" (Zitat QUERTZ) die Nase vorn.

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                • #68
                  Freut mich, dass ich Sie zu einem Besuch animieren konnte und herzlich willkommen im Forum :-) Wie man an Ihrem Bericht deutlich sieht, muss man kein geübter Sterneesser sein, um ein schönen nachvollziehbaren Bericht zu schreiben. Weiter so!

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                  • #69
                    Mich freut es auch, dass Sie hier ins Forum eingestiegen sind und würde mich über weitere Berichte freuen.

                    Ich war kürzlich auch mit Freunden im Haerlin. Wir hatten auch die Weinbegleitung zu diesen Gängen. Einer meiner Freunde war bereits das zweite Mal dort, seitdem Herr Ribis dort als Sommelier tätig ist. Ich kann schon jetzt meinen noch ungeschriebenen Bericht vorweg nehmen: mit Herrn Ribis hat das Haerlin die Sommelierposition erneut sehr gut besetzt. Die Begleitung zu dem Menü war sehr harmonisch, bot interessante Weine, ohne freakig zu sein. Genau passend für dieses Haus.

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                    • #70
                      Vielen Dank für die positve Rückmeldung! Ich bin Anfang Oktober in Frankfurt und dort hat man ja eine große Auswahl - bzw. "leider" auch die Qual der Qual - an sehr guten Restaurants. Gerne werde ich dann dazu wieder ein paar Zeilen verfassen.

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                      • #71


                        Als ich hier im Forum las, dass Christian Hümbs das Haerlin verlässt und ich mit Freunden darüber sprach, haben wir sofort einen Tisch reserviert, weil wir seine Dessertkunst nochmal in Hamburg erleben wollten. Wir wussten allerdings nicht, dass der Wechsel bereits Anfang Mai vollzogen wurde, so haben wir zwar noch ein von ihm kreiertes Dessert erlebt, umgesetzt haben es aber seine ehemaligen Mitarbeiter. Das war der Anlass für diesen Besuch des Haerlins, bei dem es das gleiche Menü gab, wie es Stardust schon beschrieben hat, ich habe aber zwei Gänge getauscht…

                        Mojo Verde mit Anis & Avocado – der Anisgeschmack ist präsent, durch die Avocadocreme und die Tomate empfinde ich den Snack als recht mediterran.


                        Meerforellentatar im Kefir Currysud mit Sauerkraut gefällt mir ganz hervorragend. Die Sauerkraut-Sauerrahmcreme zeichnet eine Säurenote des fermentierten Kohls aus, die sich perfekt mit der Säure des Kefirs verbindet. Gleichzeitig hat der Sud wegen des Currys eine feine, exotische Note. Das mit Wachholderholz geräucherte Forellenfleisch hat durch diesen Geschmack einen dunkleren Geschmack, die dem Amuse eine schöne Tiefe gibt.


                        Hummer, Reismilch & Passionsfrucht wirkt auf den ersten Blick recht klassisch, da gewisse süßliche und fruchtige Komponenten enthalten sind. Doch in die Reismilch sind Ingwer und Limonenblattaromen eingearbeitet, auch die Shisokresse ist hier nicht nur aus optischen Gründen dabei. Die Säure der Passionsfrucht verbindet sich mit der feinen Ingwerschärfe, vor allem aber mit der vegetabilen Schärfe der Kresse zu einem Geschmack, der den klassischen Eindruck bricht. Gerade diese Note nimmt der 2012er Rebholz Weißburgunder Im Sonnenschein GG perfekt auf. Der Wein wirkt noch recht jung und vor allem mit seiner mineralischen Struktur wahrnehmbar. Gerade aber dieser noch leicht verschlossene erscheinende Eindruck des Weins passt aber perfekt zur Kresse und der Schärfe.


                        Den Gänselebergang habe ich ausgetauscht gegen Gillardeau Auster mit grünen Erbsen & geröstetem Zwiebelsud. Die Auster auf dem Hauptteller ist in Champagner-Butterfond pochiert. Sie wirkt tatsächlich cremig, der Eindruck wird aber auch durch die begleitenden Aromen gefördert. Sie ist unter anderem mit einem Meerwassergelee überzogenen und unter dem grünen Erbsenschaum versteckt. Dadurch hat die Auster schon eine Verschiebung weg vom iodig-frischen, die dann durch die angegossene Schalotten-Misovinaigrette noch verstärkt wird. Ich finde das sehr gelungen, denn trotz der Vollmundigkeit ist der Muschelcharakter noch präsent. Dafür nicht unbedeutend ist das Austerntatar unter einen Apfel-Dillgranité, das in einer Austernschale serviert wird und sehr frisch ist. Abwechselnd gegessen, ergeben beide Gerichte einen Kontrast aus Frische und Kraft, aus Wärme und Kälte und aus typischer und etwas untypischer Austernzubereitung.
                        Als Wein gibt es dazu einen Sauvignon Blanc von Muster aus Österreich, der zu beiden Tellern exzellent passt. Auch hier ist es wieder die mineralische Struktur des Weins, die den präsenten Aromen des Gerichts mehr Kraft geben.
                        Bezüglich des Weines bedauere ich etwas nicht den eigentlich vorgesehenen Gänselebergang zu wählen, denn es gibt einen 1945er Vouvray von der Domaine Huet-Lieu. Ich probiere aber trotzdem ein Glas – wäre sicher ein toller Genuss zu den vegetabilen Aromen und der Süße der Gänesleber gewesen.


                        Kaisergranat in Sauternes mit Pfifferlingen & Karotten erscheint relativ brav. Der Kaisergranat und die Jus aus den Schalen und dem Sauternes sind für den Wohlgeschmack verantwortlich. Ein kleiner Kick ergibt sich durch eine Karotten-Ingewercreme. Da diese aber eben cremig ist, bleibt es bei dem sehr runden Geschmacksbild. Die Pilze verschieben diesen stellenweise in eine etwas erdigere Richtung. Ein Gang zum Entspannen.
                        Das gibt die Möglichkeit, sich intensiver dem 2009er Abtserde von Keller zu widmen. Der Wein präsentiert sich sehr schön, noch eher frisch, aber zugänglich mit einer großen Länge. Zum Gericht vielleicht eine Spur zu frisch, aber wer will sich beschweren, wenn solche Tropfen in der Weinbegleitung landen…


                        Seezungenfilet mit jungen Radieschen in Zitronengras-Fencheltee wirkt deutlich fenchelbetont. Vom Fenchel sind nicht nur die geschmorte Knolle, sondern auch Öl und ein mit Zitronengras aromtisierter Sud mit Fenchelgeschmack vertreten. Dadurch ist das Aroma in jedem Gang deutlich präsent, das heißt die Feinheit der Seezunge steht weniger im Mittelpunkt. Die Radieschen knüpfen da an mit einer frischen Schärfe. Die Zitronen sind mit einem Lack mit Ingwer mit der Seezunge verbunden und bleiben ebenso eher im Hintergrund.
                        Dazu gibt es Champagner und zwar Egly Ouriet Grand Cru, der extrem gut passt, da er relativ kräftig und saftig ist.


                        Taubenbrust mit Moeljus mit Aubergine & grünen Apfelchutney hat Stardust schon gut beschrieben. Der Kontrast aus dem Chutney aus Apfel, Basilikum und Tamerinde hat eine so durchdringende Säure, dass das klassische Geschmacksbild immer durchbrochen wird. Die Auberginencreme und der Jus mit Mole ist schön würzig und schmiegen sich gut an die an der Karkasse gebratenen Taube an. Ein ganz und gar nicht langweiliger Taubengang.
                        Dazu gibt es einen Burgunder, Savigny le Beaune, der vielleicht nicht die allergrößte Filigranität hat, aber beide Geschmackswelten des Gerichts sehr gut verbindet.


                        Leicht geräuchertes Kalbsfilet mit Mocheln & Kablszunge in Madeira glaciert klingt leider spannender, als sich das Gericht präsentiert hat – im Grund war es nämlich nichts anders als ein in den Proportionen verschobenes, klassisches Spargelgericht. Das Kalbfilet war mit seinem dezenten Raucharoma der Schinken. Die Morcheln waren so, wie sie zum Spargel passen und die Spargelspitzen und der Schaum bilden eben den etwas dezenter dosierten Spargel ab. Ein Spannungselement ist dann aber doch dabei: die Rolle aus gerösteten Wirsing geben den anderen Aromen einen anderen, etwas deftigeren Zusammenhang. Das ist nicht schlecht, aber eben auch nicht besonders interessant.
                        Dazu gab es einen Weißwein, Chenin Blanc wenn ich mich richtig erinnere, der sehr gut gepasst hat.


                        Mädelsuß mit jungem Rhabarber & Lavendelaromen ist das Predessert, dass die Nachfolger von Christian Hümbs bereits verantworten. Es wirkt blumig-säuerlich. Die Säure des Rhabarbers ist markant, aber nicht übermäßig gemüsig-hart. Die Lavendelaromen sind mir persönlich etwas zu kräftig. Schön zum Rhabarber ist der Geschmack der Sonnenblumenkerne, der die Säure etwas hemmt. Für Rhabarber-Verhältnisse ist es recht differenziert.


                        „Black“ Johannisbeerstruch mit Vanille-Noir, Sauerteig & Petersilie ist das Hauptdessert, das noch Christian Hümbs kreiert hat. Für das Gericht wird Johannisbeerstrauchholz mehrere Wochen in Johannisbeersaft eingelegt. Das ergibt einen tollen Geschmack, der die durchdringende Säure der Frucht abmildert und ihr sowas wie Tannin gibt. Der Strauch findet sich dann nur in der Sauce wieder. Für alle übrigen beerigen Konsistenzen auf dem Teller wird Cassis verwendet, der einen nicht so strengen Geschmack hat . Großartig dazu die intensiv dazu kombinierte Vanille, als Eis, Mousse und Creme. Die Vanille schmeckt nur ganz dezent süß, eher „würzig“. Das gibt dem fruchtigen Cassis ungefähr die Struktur, wie die Holzauszüge der Sauce. Das Dessert ist wirklich großartig, frisch und kaum süß, aber dennoch verströmt er wegen der Vanille das befriedigende Gefühl, das ein süßer Menüabschluss haben sollte.
                        Dazu gibt es einen trockenen Rotwein, der hier perfekt passt. Leider habe ich mir nicht genau gemerkt, was es für einer war.


                        Zum Schluss gibt es noch eine Reihe von Petit Fours. Warum aber für vier Leute nur vier unterschiedliche Praline serviert werden, kann ich nicht ganz verstehen.


                        Die Küche von Christoph Rüffer ist spannend genug, um klassische Kombinationen von einer ungewöhnlichen Seite zu zeigen. Einige Gänge betonen dies etwas stärker, andere etwas weniger. Aber immer sind die Aromen sehr präzise konstruiert und man kann sich stets wohl fühlen. Das macht das Haerlin zu einem Wohlfühl-Restaurant, ganz egal ob nun der dritte Stern kommt oder nicht. Die Desserts haben bei diesem Menü nochmal ein Ausrufezeichen gesetzt.
                        Durchweg Top-Niveau bietet die Weinbegleitung von Marcel Ribis. Mit österreichischem Charme serviert er die Weine, darunter auch solche aus der Kategorie der „gemäßigten“ Naturweine. Sie können in allen Fällen die Gerichte interessanter machen, ohne sich zu dominant in das Gericht „einzumischen“. Für mich ein klarer Pluspunkt dieses Abends. In der Qualität der Kombination von war die Weinbegleitung naher meiner Favoriten im Falco, Aqua oder Vendôme.
                        Das Haerlin hat mal ausdrücklich drei Sterne angestrebt. Brauchen tut es dies sicher nicht. Das Restaurant gilt ja als extrem gut ausgelastet. Außerdem passt es perfekt in als Kontrast zu Kevin Fehling und mit Cornelius Speinle kommt sicher demnächst noch ein weiterer interessanter Koch hinzu, der Hamburg als Gourmet-Reiseziele eher interessanter macht. Bei der Preiegestaltung sollte man allerdings aufpassen: Das große Menü liegt schon jetzt auf der Augenhöhe mit Kevin Fehling. Die Weinbegleitung hat zum Glück ein sehr gutes Preis-Leistungsverhältnis, auf eine Flasche hätte ich angesichts der Auswahl (kaum wirklich reife Rieslinge) UND der dort verlangten Preise keine Lust.
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                        • #72
                          Wir waren aus sportlichem Anlaß (damit ist nicht der Zimmerumzug im Atlantic zwischen zwei uns nicht angekündigten Abiturball-Nächten gemeint) in Hamburg, natürlich kam ich diesmal nicht am Haerlin auf der anderen Alsterseite herum. Im Grunde ist das meiste bereits oben geschrieben.

                          Das Essen war aus meiner Sicht gute **, das mit den kleinen Kärtchen zu den Amuses und Gängen eine nette Spielerei. Wir hatten das kleine Menue (149€). Das Mojo verde-Amuse war für mich ein großes highlight. Der Rest fein und solide gemacht. Allein im Hauptgang war das Wagyu etwas zu fest, zwei dünne auf der Rückseite angebratene Scheiben. (lieber ein mittleres Stück rundum angegrillt mit 60°Kerntemperatur, hatten wir neulich ein super Ergebnis). Man bekommt aus meiner Sicht im Haerlin auf jeden Fall mehr fürs Geld als bei Fehling...jaja, "nicht vergleichbar" istr natürlich ein Totschlagargument.

                          Leider waren die meisten Flaschenweine mindestens mit Faktor 4. Offen Ch.Musar 20€ das Glas bei EK unter 30/Fl. bzw. Einzelhandel 30-35€. Der Ruinart rosé lag bei 22€. Den Preis des Musar sah man natürlich erst auf der Rechnung. Dafür die Weinkarte völlig durcheinander (z.B. diverse Pfälzer und Rheingauer unter Mosel aufgeführt, so kommt kein dritter Stern !). Der Service war freundlich zugewandt und nett. Ich weiß nur nicht, wielange sich die Gäste derart veralbern lassen...
                          Einziger Lichtblick auf der Trinkenseite ein kleines Apérokärtchen inkl. Preisen.

                          Nächstes Mal würde ich wohl zu Hauser auf den Süllberg ins Seven Seas gehen. Oder eins von den vielen neuen einfacheren (Boathouse usw.).
                          Zuletzt geändert von Sphérico; 17.07.2017, 13:36. Grund: Weinpreis-Hetze

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                          • #73
                            Zitat von Sphérico Beitrag anzeigen
                            Den Preis des Musar sah man natürlich erst auf der Rechnung.
                            Bei Interesse soll es auch schon mal geholfen haben vorher zu fragen. Merci für ihren Bericht!

                            Kommentar


                            • #74
                              Zitat von Mohnkalb Beitrag anzeigen
                              Bei Interesse soll es auch schon mal geholfen haben vorher zu fragen!
                              Macht irgendjemand das bei zwei Gläsern offenem Wein ? Sollte ich vielleicht zukünftig.

                              Übrigens fand ich es schon erstaunlich, daß außer unserem an einem Samstagabend nur drei weitere Tische besetzt waren, einmal vier, einmal drei und einmal zwei Gäste. Das Restaurant wirkte gähnend leer.

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                              • #75
                                Zitat von Sphérico Beitrag anzeigen
                                Macht irgendjemand das bei zwei Gläsern offenem Wein ? Sollte ich vielleicht zukünftig.

                                Übrigens fand ich es schon erstaunlich, daß außer unserem an einem Samstagabend nur drei weitere Tische besetzt waren, einmal vier, einmal drei und einmal zwei Gäste. Das Restaurant wirkte gähnend leer.
                                Ich frage meist auch nicht die Preise für offene Gläser vorab aber das ist schlicht in Kauf genommenes "Risiko". Hin und wieder frage ich aber auch "wo bewegt sich das preislich?" - mir geht es dann aber eher darum rauszuhören in welchen Bandbreiten wir uns bewegen, d.h. €10, €20, €30, ...

                                Das vorab zu fragen sollte immer erlaubt sein.

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