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Navette*, Rüsselsheim (geschlossen)

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  • Navette*, Rüsselsheim (geschlossen)

    Wir waren kurz nach der Sternvergabe im Navette essen.
    Hier der etwas gekürzte Bericht. Bilder wie immer unter sternefresser.de

    Viel Spaß!
    b.


    Thomas Macyszyn fand erst nach vier Semestern Medizin und bestandenem Physikum zu seiner wahren Leidenschaft: Kochen. Auf höchstem Niveau. Das für diese Berufswahl nicht unvorteilhafte Talent kombinierte der gebürtige Hindenburger mit Zielstrebigkeit und reichlich Tempo – vielleicht, um die zwei "verlorenen" Jahre als Mediziner einzuholen. Nach der Ausbildung im "Le Jardin" in Baden-Baden ging er 2007 als Küchenchef ins "La Provence" im gleichen Ort – da lag die bestandene Prüfung zum Commis de Cuisine gerade fünf Monate zurück. Und schon im Juni 2008 ergriff er die nächste Chance: als Souschef von Volker Drkosch im Columbia-Hotel in Rüsselsheim. Noch gleichen Sommer übernahm er die Küche des hoteleigenen Gourmetrestaurants "Navette", denn Drkosch zog weiter nach Düsseldorf in Victorian. Und seine Kochkunst kommt an: Der Michelin verlieh ihm im November 2011 einen Stern, womit er auf der gleichen Stufe wie sein Kurzzeitchef Drkosch steht.

    Das Columbia-Hotel in Rüsselsheim an sich ist ein klassisches Tagungshotel in einer nicht sonderlich attraktiven Stadt und somit eher für den abendlichen Besuch geeignet. Doch nun zu den Protagonisten unseres Besuches, den Gerichten:

    Der Einstieg in den Abend gelingt: Die Sauce Rouille als klassische Begleiterin einer Bouillabaisse mündet mit den zart-milden Crevetten in eine Harmonie, welche durch Lardo sowie knusprigen Flammkuchen um rustikale Akzente bereichert wird.

    Von ähnlicher Natur ist auch das zweite Amuse: Mit Beeftartar, Kartoffel und Aalcreme haben wir einen grundlegend deftigen Dreiklang, der filigran und ausgewogen präsentiert ist, kein bisschen fettig wirkt und die jodige Frische des Ossietra-Kaviars pointiert.

    Der Abschluss der einstimmenden Trilogie ist ein Füllhorn: Paella mit Sot-l’y-laisse, Safranreis, Muschelcreme, Krustentiersüppchen, Gillardeau-Auster und Tomaten-Gin-Schaum. Dies wirkt zunächst überladen, ergibt aber dank der Zweiteilung durchaus Sinn, da sich zwischen beiden Elementen ein schönes Pendeln zwischen frischer Leichtigkeit und erfüllender Vollmundigkeit einstellt.

    Die Sardine mit Tomate, Artischocke und Sorbet von grünen Tomaten ist eines der vielen gelungenen Sardinen-Erlebnisse der letzten Monate und baut die angedeutete Stilistik des Arbeitens mit Gegensätzen zu einem wahren Highlight aus. Die markante Aromatik des kleinen Fettfischs wird von der Säure der Tomate gut ausbalanciert. Die angenehme Leichtigkeit dieses Gerichts am Gaumen aber entsteht durch die Artischocke und den gesondert servierten Chévre (Ziegenkäse), die den Protagonisten ihre Wucht nehmen und so erst zu diesem Gleichklang führen

    Mit Foie Gras, Quitte, Guanaja und Haselnuss folgt eine abwechslungsreich gearbeitete Zusammenstellung, die alle Gelüste auf ein Lebergericht befriedigt: Das Kernobst liefert Frucht, Säure und somit Leichtigkeit, Guanaja die schokoladige Reichhaltigkeit und die „Gemeine Hasel“ eine nussig-edle Differenzierung. Das Spiel mit Temperaturen und Texturen funktioniert zudem gut. Lediglich die Foie-Gras-Creme gerät für unseren Geschmack etwas überdimensional und dominiert quantitativ das Gericht. Dennoch gelungen.

    Bei Carabinero, Kürbis, Bries, Miso fühlen wir uns stilistisch an Hans Horberth erinnert, was hier sehr positiv gemeint ist: Hauptprodukt trifft auf „Schäume“ trifft auf Nebenprodukt. Ersteres ist hier die Garnele (in Küchen oftmals „Karabiner“ genannt), der mit perfekter Garung glänzt und im butterzarten Bries einen kongenialen Begleiter findet. Zusammen sind sie in ein sehr spannendes Terrain voller Süße, Schärfe und Umami gesetzt, das aber so unaufdringlich im Hintergrund wirkt, dass zu keiner Zeit eine Überlagerung der „Surf-and-Turf“-Allianz droht.

    Rinderschulter, Gulasch, Boudin Noir, Perlzwiebel ist der erste Fleischgang und macht dieser Bezeichnung alle Ehre. Herzhaft, vollmundig, dennoch mit Raffinesse gekocht und von einer herrlichen Sauce begleitet – so wünschen wir uns ein Schmorgericht. Insbesondere sind es die süß-säuerlichen Anklänge der Perlzwiebeln und die deftige Note der französischen Blutwurst Boudin Noir, die einen richtigen Kick in dieses Gericht bringen. Mehr davon!

    Nantaiser Ente, Spitzkohl, Dörrpflaume, Rouennaiser Biskuit ist der finale Hauptgang und kann trotz des kraftvollen Vorgängers reüssieren – ohne diesen aber zu überflügeln. Die Begleiter der zarten Ente sind überaus schlüssig und rund kombiniert, hinterlassen aber gerade deshalb einen eher dumpfen Eindruck, bei dem wir uns ein paar Ecken und Kanten wünschen. Hier dürfte es etwas mehr Säure sein, welche diesem guten Gericht noch mehr Finesse verleihen und damit eben auch zu höheren Weihen verhelfen könnte.

    Zwetschge, Hefe, Vanille weckt Erinnerungen an Omas Hefekuchen und hinterlässt ein Lächeln in unseren Gesichtern. Einfach eine schöne Reminiszenz und Überleitung von den Hauptgerichten zum Dessert.

    Schlicht mit Orange, Fenchel, Honig annonciert, präsentiert sich uns ein durch und durch ungewöhnliches Dessert. Fenchel und Orange verhelfen meist marinen Produkten zu einer facettenreichen Grundierung, können aber auch als Dessert mehr als nur überzeugen. Dabei haben wir es mit unterschiedlichsten Temperaturen und Texturen auf dem Hauptteller zu tun, ein Orangensüppchen mit Honig-Joghurtschaum und einem Fenchel-Lolli in weißer Schokolade mit Fenchelsamenkrokant zur Seite gestellt wurde. Wir erfreuen uns Löffel für Löffel an der Vielfalt der uns gebotenen Kombinationen, die fast alle funktionieren, zum Teil komplex und gewagt sind – und gerade dadurch begeistern.

    Fazit: Nicht nur, dass Thomas Macyszyn gerade seinen ersten Stern im Michelin erkochte, wir erlebten auch eine überzeugende und zeitgemäße Küche, die weiteres Potenzial aufzeigt.

  • #2
    Mit den Perlen ist es so eine Sache. Sie schmücken die Trägerin gar wunderbar. Doch es gilt nach vielen Muscheln zu tauchen, um schliesslich - nach langer Suche - vielleicht eine solche Perle zu finden.

    Kulinarisch ist Rüsselsheim noch nicht auf der Muscheltaucher-Karte der Gourmet-Touristen aufgetaucht. Mutig haben wir dennoch die dortigen Gewässer erkundet und sind fündig geworden.

    Die Schale der Muschel war schwer zu knacken: Reservation via OpenTable & Co oder Email - Fehlanzeige. Am Telefon - nur mit Rückruf am nächsten Tag. Doch es hat sich gelohnt!

    Das Restaurant Navette ist im Rüsselsheimer Columbia Hotel beheimatet. Top-modern wäre das falsche Wort für das Hotel (der Service ist allerdings top). Doch in den Räumlichkeiten des Navette fühlen wir uns gleich wohl!

    Eine Muschel hat - mit Glück - genau eine Perle. Das Restaurant Navette bietet genau ein Menü an. Dieses kann in 3, 5, oder 7 Gängen genossen werden. Bei einem Glas Champagner haben wir dieses studiert und uns zum 7-Gänger mit Weinbegleitung entschlossen.

    Der Bericht mit allen Bildern wie üblich auf kuechenreise.com:
    http://kuechenreise.com/2013/03/20/r...russelsheim-d/


    Grüsse aus der Küche

    Als ersten Gruss geniessen wir zwei Macarons: Einmal mit Litschi & Taschenkrebs - wunderbar erfrischend und geschmacksintensiv; einmal mit Lachs & Lachskaviar.

    Anschliessend wird eine feine Auswahl von Brot an unseren Tisch gebracht, dazu Butter, Salz und Olivenöl. Besonders fein ist z.B. die Kapernbutter!

    Erneut grüsst die Küche. Diesmal mit Zweierlei von der Tsarkaya Auster (einmal roh, einmal gebacken) mit Espuma von der Roten Beete, Béarnaiseeis und Kaviar, gebettet auf Pumpernickel-Krümmel. Sehr fein, und auch optisch ein Genuss!

    Der nächste Gruss bringt uns in die Welt der Gaukelei, nein sagen wir der Zauberei. Es sind nicht Tournedos Rossini, nein es ist ein Beeftatar 'Rossini' mit geeisten Gänseleberkügelchen und einem 'falschen Trüffel'. Letzterer ist mit Trüffelschaum gefüllt. Alles in allem überraschend und wohlschmeckend.

    Noch ein Gruss soll es sein: Ein Schaumsüppchen vom Krustentier - wunderbar intensiv - und dazu ein Krabbenchip mit feinem Schweinebauch und Rotwein-Schalottencreme.

    Langoustino・Lauch・Speck

    2011er Grüner Veltliner Federspiel・Pichler・Wachau・Österreich

    So, her mit dem ersten Gang! Halt - zunächst gibt's eine Einstimmung darauf, ein wenig Matcha-Tee; der gemahlene japanische Grüntee.

    Danach wird's so richtig toll: Ein Langoustinen-Carpaccio, ein gebratener Langoustino, dazu eine geniale, ein wenig Säure gebende Lauchvinaigrette sowie ein Matchatee-Sorbet. Ein Genuss, dieser Gang!

    Pulpo・Marone・Passionsfrucht

    2011er Grauburgunder・Schloss Proschwitz・Meissen・Sachsen

    Der Pulpo mit intensiver Note, weich doch ein wenig 'faserig'; dazu ein Maronenschaum - spannende Kombination! Die Passionsfrucht-Würfelchen gaben mit ihrer Säure & Süsse einen angenehmen Kontrast.

    Safran Aal・Paprika・Djah Oftadeh

    2007er Jurancon Sec・Cauhapé・Frankreich

    Sehr fein ist der Aal, welcher jetzt der Hauptdarsteller auf unserem Teller ist. Wir schätzen die 'fettreicheren' Fische, und diese lassen sich auch mit intensiveren Geschmäckern wie in diesem Gericht kombinieren....

    Dazu gibt es Paprikapaste, Dattelpaste, einen Fischsud mit Djah Oftadeh (eine persische Gewürzmischung) und einen Muschelschaum. Gelungen!

    Black Cod・Artischocke・Parmesan

    2004er Viré Clessé blanc・Domain de la Bongran・Burgund・Frankreich

    Der Black Cod in unserem jetzigen Gang ist perfekt auf den Punkt geraten. Wie überhaupt die Küchencrew um Thomas Macyszyn immer wieder eine beeindruckende eine Perfektion hinsichtlich der Garpunkte hat.

    Dazu gibt es Artischocke in verschiedenen Texturen; als Creme, gegrillt auf Wachteleidotter, gekocht. Und einen tollen, intensiven Sud, welcher am Tisch angegossen wird. Ausgezeichnet!

    Milchkalb・Blumenkohl

    2011er Weissburgunder Spätlese Ihringer Winklerberg・Dr. Heger・Kaiserstuhl・Baden

    Als erster Fleischgang nun das geschmorte Bäckchen und das gebackene Bries vom Milchkalb; ersteres eher trocken. Dazu Blumenkohl und eine fruchtbetonte, ins Süsse gehende Sauce mit Tomaten und Tonkabohne.

    Auch wenn dieser Gang keinesfalls schlecht ist, so fällt er doch hinter den bisherigen zurück.

    Taube・Birne・Tompinamur

    2009er Pinot Nero・Franz Haas・Südtirol・Italien

    Vor der Taube bekommen wir noch ein Sorbet, dies soll ja den Appetit wieder anregen und den Magen entspannen für neue Höhepunkte. Im Navette ist dies ein Ruinart Champagner-Sorbet, Champagnerschnee, ein Himbeer-Rosengranité und kandierte Rosenstückchen.

    Doch nun zur Taube: Diese wurde an der Karkasse gegart, ist schön rosa und wieder wunderbar auf den Punkt gegart. Dazu gibt es Rouladen mit den Innereien der Taube, Topinambur-Creme & Chips sowie Birne. Und einen wunderbar intensiven Fonds. Ausgezeichnet!

    Ananas・Mandel・Kokos

    2010er Rieslaner Beerenauslese・Ökonomierat Joh. Geil・Bechtheim・Rheinhessen

    Vor dem Dessert wird noch ein Pre-Dessert eingeschoben. Uns soll's recht sein!

    Eine Orange aus feinem Zucker, gefüllt mit einem Schaum mit Orangen/Limettengeschmack; irgendwo unten ist auch noch das Knistern des gerade modernen 'popping candy' auf der Zunge. Fein, doch der oben hauchdünne Zuckerkörper wird unten zu dick und erschlägt dann alles andere mit seiner Süsse.

    Danach dann eine köstliche Variation zum Thema Ananas und Kokos - sehr ansprechend!

    Petit Fours

    Wir sind satt und zufrieden; doch keinesfalls überfüllt - die Portionsgrössen sind der Anzahl der Gänge perfekt angemessen.

    Und dürfen zum Abschluss noch einige leckere Petit Fours geniessen.


    Unser Resümee:

    Wir haben nach Muscheln getaucht. Und eine Perle gefunden.

    Die Küche von Thomas Macyszyn überzeugt durch Kreativität, durch starke & klare Aromen, durch perfekte Garpunkte, durch gelunge Umsetzung. Die Speisen, wie auch optisch oft mit prächtigen Farben und kreativen Anrichte-Techniken glänzend, überzeugen durch harmonischen Geschmack.

    Der Service brilliert durch Charme und Know How, wir haben uns sehr wohl gefühlt. Die Weinbegleitung war gleichfalls sehr treffend gewählt.

    8 Gusto-Pfannen hat das Navette bereits. Der Michelin Stern, die 16 Gault Millau Punkte überraschen uns nach diesem Abend nicht mehr. Wir trauen diesem Team noch mehr zu uns sind gespannt!
    Zuletzt geändert von kuechenreise; 23.03.2013, 00:41.

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    • #3
      Vielen Dank für Ihren Bericht. Ich will den jetzt auch nicht mit irgendetwas zweitrangigem verwässern, aber, da ich gerade , quasi zeitgleich, über ein Reservierungserlebnis geschrieben habe, mußte ich über diese Zeile schon etwas schmunzeln:
      "Die Schale der Muschel war schwer zu knacken: Reservation via OpenTable & Co oder Email - Fehlanzeige. Am Telefon - nur mit Rückruf am nächsten Tag. Doch es hat sich gelohnt!"
      Gruß
      s,

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      • #4
        Zitat von Schlaraffenland Beitrag anzeigen
        Vielen Dank für Ihren Bericht. Ich will den jetzt auch nicht mit irgendetwas zweitrangigem verwässern, aber, da ich gerade , quasi zeitgleich, über ein Reservierungserlebnis geschrieben habe, mußte ich über diese Zeile schon etwas schmunzeln:
        "Die Schale der Muschel war schwer zu knacken: Reservation via OpenTable & Co oder Email - Fehlanzeige. Am Telefon - nur mit Rückruf am nächsten Tag. Doch es hat sich gelohnt!"
        Gruß
        s,
        Hab's gerade gelesen und muss auch schmunzeln ;-) Schön, wenn Reservieren auch so einfach und unkompliziert sein kann!

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        • #5
          Zitat von kuechenreise Beitrag anzeigen
          einen Fischsud mit Djah Oftadeh
          Mich würde ja mal interessieren, ob unsere Köche bei den in letzter Zeit in Mode gekommenen Djah Oftadeh-Gerichten die Gewürzmischung tatsächlich selber zusammenstellen oder einfach auf die (sehr gute) von Ingo Holland zurückgreifen.

          Werte küchenreise, vielen Dank für Ihren wahrlich appetitweckenden Bericht! Jetzt hätte ich nicht übel Lust, demnächst auch nach Rüsselsheim zu fahren. Ich habe auch schon eine Idee, wie ich das in meine Reisepläne einbauen könnte...

          Und eine andere Nebensächlichkeit erwähne ich jetzt doch noch. Die Foodfotografien an den Wänden des Restaurants finde ich irgendwie befremdlich. Vielleicht weil ich die Speisen im Lokal ja tatsächlich essen und nicht an der Wand betrachten möchte. Ist ja fast so wie ein Teller, der serviert wird, aber dann nicht gegessen werden darf. Und erinnert mich an das Standardbeispiel für kulinarische Perversion: Bilder aus Kochbüchern essen.

          Grüße, mk

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          • #6
            Mit dem Navette scheint es leider zu Ende zu gehen. COLUMBIA will es wohl Ende Juni schließen.

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            • #7
              Wirklich schade! Wobei die Location - "verstaubtes" Business-Hotel - vielleicht nicht so der optimale Platz für das Restaurant war. Fand den Besuch im Navette aber wirklich sehr überzeugend!

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              • #8
                Nun kocht Thomas Macyszyn demnächst im Columbia Travemünde, also quasi als Nachfolger von Kevin Fehling. Andererseits will man dort nach eigenem Bekunden aber keine Sternegastronomie mehr betreiben. Wie geht denn das zusammen? Macyszyn auf Sparflamme, unter seinen Möglichkeiten? Wenn das mal gutgeht!

                Schönen Gruß, Merlan

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                • #9
                  Herr Macyszyn wird ja Küchendirektor in Travemünde. Ich hatte einen Artikel in der örtlichen Zeitung von Rüsselsheim gesehen, seine Aussagen dort habe so verstanden, dass das Engagement eher so als Zwischenlösung gedacht sei und er von Sterneambitionen langfristig nicht lassen möchte, aber - so wie ich das verstanden habe - wohl es dann anderswo.

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                  • #10
                    Wenn man sich fragt, warum es einem Restaurant schwer fällt, die nach der Küchenleistung verdiente Beachtung zu finden, ist es nicht selten so einfach zu benennen, wie im Fall des Navette im COLUMBIA-Hotel in Rüsselsheim. Das Haus versprüht von außen den Charme eines Plattenbaus und von innen der 90er Jahre. Es ist zwar alle gepflegt, aber eben nicht mehr auf dem neuesten Stand der Dinge. Für die meisten Gäste ist sicher die verkehrsgünstige Lage, zumindest wenn man mit dem Auto unterwegs ist, ein wichtiger Grund, dort zu übernachten. Wer würde da ein Gourmetrestaurant vermuten?
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ID: 49720

                    Vor dem Club-Abend im Sra Bua hatten wir die Möglichkeit, eines zusätzlichen Club-Abends dort. Leider war der Zuspruch an dem Abend nicht zu groß, aber soweit ich höre, gibt es bis zur Schließung noch einige aus den Reihen des Clubs, die die Küche von Thomas Macyszyn kennenlernen oder sich von ihr verabschieden wollen. An alle, die es noch erwägen, sage ich: es lohnt sich.
                    Bei meinem Besuch nahm sich Herr Macyszyn schon bei meiner Ankunft ausführlich Zeit für ein persönliches Gespräch. Wir unterhielten uns über die Umstrukturierungsprozesse, die gegenwärtig in der Spitzengastronomie stattfinden – leider ohne eine Lösung für die vieldiskutierten Probleme zu finden…

                    Das Menü selber begann mit zwei schönen Kaviar-Happen.
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                    Das Brot wurde mit einer Auswahl von ACHT Buttervarianten gereicht, jede davon in Daumennagelgröße portioniert. Angeordnet war es ein bisschen wie bei einem Scrabble-Spiel: Auf einem aufgelegten Pergamentpapier war aus dem NAmen jeder Sorte ein Buchstabe hervorgehoben, die Reihe ergab dann NAVETTE. Ganz nett, aber auch irgendwie unpraktisch, die Butter bei der kleinen Größe sortenrein auf die vier gereichten Brotsorten zu transferieren. (Das Brot war übrigens sehr gut).
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                    Dann ging es mit einem 3er-Reigen von Amuses los: Pulpo & Alge – ich kann mich hier leider nicht mehr genau den an den Geschmack erinnern, ist mir also weder positiv noch negativ im Gedächtnis geblieben.
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                    Klarer war dann schon das Rindertatar Rossini, wie es in der Karte heißt, dass mir mit einer Spargelsuppe mit Trüffel serviert wurde. Die Präsentation mit den zwei Teilen fand ich schön, der Geschmack war es auch. Der Trüffel war jedenfalls nicht zu intensiv, was hier gut passte.
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                    Die Auster Bloody Mary folgte dann mit den iodigen und vegetabilen Aromen, ein runder Abschluss der Einstimmungen.
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                    Der erste Gang war Makrele, Tomate, Feta. Die Makrele gab es als Sashimi und als geflämmte Variante. Die geflämmte Ausführung blieb leider ziemlich blass gegenüber den anderen Aromen. Das Sashimi hatte hingegen von der Textur her eine klare Aufgabe auf dem Teller – die Hauptkombination war jedoch eine ganz andere: das Tomateneis und der Schaum des Feta-Käse. Das Eis war sehr schön süßlich-säuerlich vom Tomatengeschmack geprägt. Durch die Darbietung als Eis wirkte es im Zusammenspiel mit den Kugeln und dem flüssigen weißen Tomatenwasser sehr kräftig. Das erinnerte mich an absolut reife Gartentomaten zur besten Erntezeit. Der Feta war dann für Würze und Breite des Aromenbildes verantwortlich. Brauchte ich den Fisch? Ich möchte fast sagen nein, der Sashimi aber war, wie schon angedeutet, dann mit seinem dezenten Aroma, aber vor allem wegen der texturellen Präsenz definitv kein Störenfried.
                    Dazu trank ich ein Glas Riesling Federspiel von Knoll, der sehr gut passte.

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ID: 49726


                    Danach gab es Langustino, Birne, Seeigel. Hier war es das Zusammenspiel aus dem Birnengel und der Sauce das, was den Gang prägte. Die Birne schmeckte sehr unverfälscht und intensiv. Dies passte gut zu der Würze der Sauce. Der Langustino ergänzte diese süßliche Wirkung natürlich, der Raviolo war dann eher das Gegengewicht. Gelungen.

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                    Nun folgte Fois Gras, Aal, Sauerkraut, Dattel. Hier war wirklich alles drin: viel Säure durch die Sauerkrautsauce, Süße durch die Dattel, Textur von der Foie Gras und den Aal. Ein perfektes Gericht, das einfachste von der Optik her bislang das reduzierteste diesem Menü, das wirklich alles bot. Viel Geschmack, tolle Textur und Cremigkeit. Ein Highlight dazu war ein 2005er Mosel-Riesling von Wegeler, genaue Lage weiß ich nicht mehr. Aber der Wein hatte eine tolle kräutrige Note, die hier besonders gut passte. Toll, toll, toll.

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ID: 49729

                    Das nächste Gericht, Black Cod, Artischocke, Parmesan, konnte da gut anschließen: Der Fisch war sehr schön fleischig. Dazu kamen die frischen Noten von den Blättern am Rand und die Intensität der Artischockencreme. Der Hit war aber der Parmesansud. Mit der großen Umami-Wirkung des Käses, noch verstärkt durch das Wachtelei, dass man in der Sauce verrühren konnte, wurden alle Aromen sehr schön verstärkt. Gleichzeitig konnte der Fisch dagegen halten, um eine tolle Harmonie der Kräfte zu erzeugen.
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                    Jugenvil Ferkel, Sellerie, Pfeifentabak konnte da leider so gar nicht mithalten. Dabei hatte die Kreation Potenzial: das Fleisch war saftig, gut gegart, das Arrangement mit Sellerie wirkte würzig und knackig im Mund und die Creme passte auch. Aber dennoch plustere sich alles im Mund auf. Mit jeder Gabel wirkte die Kombination trockener und trockener und gleichzeitig fülliger. Es fehlte einfach etwas Flüssigkeit. Sei es, dass die Creme eher als Sauce angeboten, oder noch etwas Fond mit bzw. um das Fleisch angegeossen würde, so könnte das Gericht nach meiner Meinung viel, viel mehr gewinnen, so war es leider der Schwachpunkt des Abends.
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                    Als Erfrischung folgte nun Prince of Wales, Cognac, dry Orange, Angostura Bitter, Champagner, serviert in einem Mini-Sektkühler, der voll mit gefrorenem Wasser war. Dies hatte die Folge, dass die essbaren Eisteile mit der Zeit nicht schmolzen, sondern immer fester wurden und dadurch auch zunehmend alkoholischer und schwerer wirkten, was schade war.
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                    Der Hauptgang Maibock, Topinambur, Kumquat überraschte mit einem kleinen Küchlein, dass die Kumquat eher dezent einsetzte. Somit war der Hauptakzent auf das Fleisch und die Sauce gesetzt, was sicher kein Fehler war, denn die Sauce war mehr als ein klassischer Fond allein, sie war deutlich leichter und mit feiner Säure abgeschmeckt, dadurch frischer und sehr gelungen. Dazu gab es einen Spätburgunder von Thörle aus Rheinhessen – eine ordentliche Kombination.
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                    Eine schöne Idee und Reminiszenz an die Region war das Predessert: Süße Kartoffel, Apfel, Grüne Sauce. Der Apfel war – etwas neben der Jahreszeit, aber trotzdem lecker - eher bratapfelig, die Kartoffel-Umsetzung nur leicht süß.
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                    Waldbeeren, Litschi, Weiße Schokolade war das vielgesichtige Dessert.

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                    Dies zeigt schon den hohen handwerklichen Aufwand, der im Dessert geleistet wurde. Auch im kleinteiligen Süßen Ausklang setzte sich das fort:
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                    Diese Varianten mit Rhabarber waren ein schöner frischer Abschluss.
                    Mit einigem zeitlichen Abstand muss ich feststellen, dass ich vor allem bei den Amuses und den süßen Tellern viele Details vergessen habe. Mein Eindruck ist, dass dies daran liegt, dass diese etwas zu detailverliebt waren. Ganz anders hingegen die Foie Gras und der Black Cod und mit leichten Abstrichen die Makrele, sowie das Reh. Diese Gerichte hatten die aromatische Klarheit und den Schliff, der mir sehr gefallen hat. Aber alle Gänge, selbst das von mir deutlich kritisierte Schwein, waren sehr durchdacht komponiert. Ich denke, da liegt das Potenzial von Thomas Macyszyn, dass, wenn es sich auf einige bzw. weniger Punkte auf dem Teller konzentriert, sein volles Potenzial zeigt. Ich habe Ideen und Eigenständigkeit erlebt und kann nur hoffen, dass er die Chance erhält, sein Können bald in optimalerer Umgebung zu zeigen, als es in dem Hotel am Rande der Autobahn möglich war.

                    Schade, dass er – wo er doch vorübergehend als Küchendirektor nach Travemünde geht - das La belle Epoque nicht weiterbetreiben darf. Ich wäre sehr daran interessiert gewesen, wie sich seine Küche an einem Ort präsentiert, der ein etwas kontinuierlicheres Publikumsinteresse versprechen würde.
                    Ich weiß, dass einige Club-Mitglieder den letzten Abend der Navette zu erleben werden. Ich bin mir sicher, das wird sehr großartig.
                    Angehängte Dateien
                    Zuletzt geändert von QWERTZ; 18.06.2015, 09:46.

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                    • #11
                      Freue mich auf die Fortsetzung lieber Qwertz. Bitte tausche dann auch gleich das doppelte Foto aus. Aber auch so läßt Dein Bericht auf ein kulinarisches Erlebnis hoffen ...

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                      • #12
                        Ich musste gestern Abend schlafen gehen, jetzt ist der Bericht komplett. Viel Spaß beim Lesen!

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                        • #13
                          Danke lieber Qwertz und der Bericht hat viel Spaß gemacht.

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                          • #14
                            Zitat von Schink Beitrag anzeigen
                            Danke lieber Qwertz und der Bericht hat viel Spaß gemacht.
                            Bei der Danksagung möchte ich mich anschliessen!

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                            • #15
                              Ich kann die Eindrücke von unserem lieben Qwertz nur bestätigen. Ein tolles Menü mit Weinbegleitung, ein symphatischer Chefkoch, ein angenehmer Service. Es ist ein Verlust für das Rhein-Main-Gebiet.

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