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Weinsinn - Frankfurt

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  • #16
    Zitat von merlan Beitrag anzeigen
    Auch diese Erklärung gefällt mir, allerdings nur bis auf die "livrierten Pinguine". Mir kommt bei solchen despektierlichen Äußerungen unsere Top-Gastronomie mit ihren meist hervorragenden Serviceleistungen einfach zu schlecht weg. Mich irritiert zuweilen die hier immer häufiger propagierte Lässigkeit. Ja, sie passt wohl in ein Bistro, aber bitte nicht ins Falco, Tantris oder Vendôme! Wenn wir uns da einig sind, dann möchte ich die dortigen Service-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen auch nicht als "livrierte Pinguine" betitelt wissen.
    Nun, werter Merlan, um das klarzustellen: ich bin vollkommen Ihrer Meinung, dass der Service dem Anspruch und Ambiente entsprechen muss und die 'propagierte' Lässigkeit in ein Bistro gehört. Ich selbst schätze viele Servicebrigaden (gerade die in den von Ihnen genannten Häusern) sehr und meine diese auch nicht mit meiner Wortwahl. Nimmt man die Entwicklung der Servicekultur landauf, landab in den letzten Jahren, dann muss man feststellen, dass sich sehr viel zum Positiven entwickelt hat, so dass hierzulande noch ganz wenige Häuser einen, sagen wir mal, angestaubten Service zelebrieren.

    Meine Aussage zielte aber auf einen ganz anderen Aspekt ab: in der Wahrnehmung vieler unerfahrene Erstlingstäter sind Brigaden per se einschüchternd: ein Kellner pro Tisch, bestimmte Floskeln, die wir als normal ansehen (man erinnere sich nur an den Posts unserer Erstlingstäters hier im Forum), man fühlt sich unter extremer Beobachtung, etc. Selbst wenn wir die Brigaden nicht als "steif" oder "überheblich" wahrnehmen, so tun das viele "normale" Esser, die aufgund des "Brimboriums" Schwellenangst haben und nicht in die Sternegastronomie gehen, obwohl sie es sich locker leisten könnten. Glauben Sie mir, ich habe diese Diskussionen immer wieder im Bekanntenkreis.

    Insofern war mein "livrierte Pinguine" als Wahrnehmung dieses wichtigen und neu zu erschließenden Klientels zu verstehen und ich hätte es in Anführungszeichen setzen sollen. Wenn ich damit irgendjemand zu Nahe getreten bin, bitte ich das zu entschuldigen! Ich selbst nehme keine Brigade in D derartig wahr!

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    • #17
      Zitat von ifs2008 Beitrag anzeigen
      ich bin vollkommen Ihrer Meinung, dass der Service dem Anspruch und Ambiente entsprechen muss und die 'propagierte' Lässigkeit in ein Bistro gehört. Ich selbst schätze viele Servicebrigaden (gerade die in den von Ihnen genannten Häusern) sehr und meine diese auch nicht mit meiner Wortwahl. Nimmt man die Entwicklung der Servicekultur landauf, landab in den letzten Jahren, dann muss man feststellen, dass sich sehr viel zum Positiven entwickelt hat, so dass hierzulande noch ganz wenige Häuser einen, sagen wir mal, angestaubten Service zelebrieren.
      Danke, lieber ifs, jetzt sind wir doch wieder ganz nah beieinander!

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      • #18
        Lieber ifs2008,

        da sind Sie ja glücklicherweise nochmal um einen Eintrag ins Klassenbuch herumgekommen.

        Zum Thema selbst kann ich mich nur für Ihre detailierten Ausführungen bedanken und hoffen, dass sie in den entsprechenden Kreisen Gehör finden. Die zahlreich zustimmenden Mitdiskutanten sprechen ebenfalls dafür, dass mit qualitativ hochwertigen Restaurants, die, wie Sie pointiert schreiben, "nicht nach Sternen jagen, sie manchmal aber trotzdem bekommen", eine große Marktlücke zu füllen ist.

        Für meinen nächsten Besuch in Rhein-Main sind "Weinsinn" und "Schaumahl" fest eingeplant.

        Viele Grüße,

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        • #19
          Das ist eine zu spannende Diskussion, um ihr nicht einen eigenen Thread zu widmen, http://forum.restaurant-ranglisten.d...read.php?t=932, an dem sich Diskussion wunderbar fortführen lässt.

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          • #20
            Weinsinn, Rutz und Bstronimics

            Wie schön, ein Forum mit solch hochstehendem Umgangston und gleichzeitig einer Menge Beiträgen, welche von Leidenschaft für Kulinarisches sprechen, gefunden zu haben!

            Das Weinsinn scheint auch mir eine wunderbare Kombination aus wirklich ambitionierter Küche (wie schön, die servierten Teller zunächst zu betrachten und dann einzutauchen in die Vielfalt der wunderbar kombinierten Komponenten) und Bistro-Atmosphäre; mit erfreulicher Preisstruktur. Ein paar weitere Bilder und Details auch unter Bericht Weinsinn.

            Das Rutz ist von der Atmospähre ein wenig ähnlich, das stimmt. Der Service erfrischend Locker; das Inspirationsmenü eindrucksvoll. Doch alles in allem vielleicht doch weniger Bistronomics, sondern ein "vollwertiges" Restaurant. Weitere Bilder & Kommentare auch unter Bericht Rutz.

            Beide absolut einen Besuch wert! So, soweit mein "Erstlings-Posting" in diesem Forum...

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            • #21
              Willkommen im Forum und bitte beteiligen Sie sich doch möglichst häufig mit Ihren Beiträgen!

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              • #22
                Hallo,

                die durchweg positiven Kritiken hier im Forum und auch in anderen Internetblogs hatten uns überzeugt, und so saß letzte Woche der Babysitter beim Kind und wir im Weinsinn. Als Eltern eines kleinen Kindes kommt man ja nur noch selten in den Genuss eines Restaurantbesuchs, umso glücklicher und gespannter ist man, wenn es dann mal klappt. Und vielleicht lag es an genau dieser hohen Erwartungshaltung, daß wir ein wenig enttäuscht waren.
                Die folgende kurze Schilderung ist also streng subjektiv.
                Fangen wir mit dem Positiven an: dem Interieur. Eine stimmige Mischung aus schlichten Holztischen, Designerstühlen, warmen Farben, angenehmer Beleuchtung, und Blumen als Farbtupfer. Den Tisch mit dem Portraitfoto der jungen Maria Schell (glaube ich zumindest erkannt zu haben) hätte meine Frau am liebsten gleich vor Ort abgebaut und bei uns zu Hause wieder aufgebaut.
                Das fing schon mal gut an.
                Nach Studium der Karte, entschieden wir uns für das Vier-Gang-Menu, das aus tagesfrischen Komponenten besteht, die an einer Tafel stehen, die wir aber nie zu Gesicht bekamen. Die freundliche Bedienung zählte sie uns ungefragt auf und wir bestellten.
                Die erste Enttäuschung kam dann in Form eines Brotkorbes mit zweierlei Baguettebrot, das offensichtlich bereits länger an der Luft lag. Es war trocken und die dazu gereichte Creme konnte da nicht mehr viel ausrichten.
                Das erste Amuse war ein kleines Tortilla-Quadrat am Zahnstocher – schmeckte wie jede andere kalte Tortilla auch.
                Das zweite Amuse, wenn ich mich richtig erinnere, Ochsenbackenragout unter Bohnenmousse in einer Espressotasse. War ok, aber hier zeigte sich bereits ein Problem, das an diesem Abend noch öfter auftauchen würde. Es fehlte hier und da die Würze. Fast alles, was unseren Tisch erreichte, schmeckte ein wenig fade. Da fehlte der Pep, die interessante Komponente, die ein normales Gericht zu einem außergewöhnlichen macht.
                So auch beim ersten Gang, Jakobsmuscheln und Miesmuscheln an Chorizoscheibe auf einem Algenbett (hier kann ich nur noch vermuten, da der ansteigende Lärmpegel und die undeutliche Aussprache des französisch-stämmigen Sommeliers die Verständlichkeit erheblich beeinträchtigte). Der Teller, der rein optisch beeindruckte, verströmte einen deutlichen Fischduft, und geschmacklich blieb es auch bei dieser einen Farbe - bis auf die Chorizoscheibe, die dem Gericht eine kleine Note Knackigkeit und Würze verleihen konnte. Dazu gab es eine separat gereichte Currysuppe im Glas, die, im Gegensatz zu den Jakobsmuscheln, heiß und scharf war, aber irgendwie nicht zum Fischgericht passen wollte.
                Gang Nummer zwei war eine Artischockensuppe mit Rotbarbe. Die Suppe wurde am Tisch angegossen und schmeckte mir persönlich einfach nur sauer. Mir fehlte eine zweite Komponente, die der Säuerlichkeit etwas entgegensetzte. Meine Frau war da gnädiger und kürte dieses Gericht zu ihrem Lieblingsgericht des Abends.
                Als Zwischengang ein kleines leckeres Sorbet von tropischen Früchten, bevor es mit dem Hauptgang weiterging, einem perfekt gegarten Lammrückens und einem Stückchen Lammwurst an Bulgurgemüse und separat gereichtem Tellerchen, dessen Inhalt ich wiederum nur vermuten kann, da der Sommelier inzwischen nicht mehr gegen die Geräuschkulisse ankam und ich vergessen habe, nachzufragen (ich vermute, es waren Innereien).
                Lamm und Soße waren wunderbar, das Bulgurgemüse ein ordentlicher Begleiter.
                Auch hier hätte ich mir wiederum die eine oder andere Farbe gewünscht, die dem Gericht den nötigen Biss verliehen hätte. Auffällig, daß das inzwischen der zweite Teller war, den diese unsinnige Mode zierte, eine cremige Zutat als kunstvollen Strich zu pinseln. Das Resultat war nämlich, das die Hälfte dieses Pinselstrichs bereits angetrocknet war und nicht mehr wirklich verzehrt werden konnte.
                Als süßen Abschluss wählten wir den Schneeball, eine mit Fruchtsoße gefüllte weiße Kugel aus Halbgefrorenem auf Ananasstückchen. War schön anzusehen und auch ganz lecker, aber, vielleicht lag’s an mir, so richtig umgehauen hat mich auch das nicht.
                Insgesamt also ein eher durchwachsener Abend, an den ich ratlos und voller Selbstzweifel zurückdenke. Hatte die Küche einen schlechten Tag? (Gibt es ja hin und wieder) Hatte ich einen schlechten Tag? (Gibt es häufiger) Oder bin ich durch meinen, von Vaterschaftspflichten okkupierten Alltag schon nicht mehr in der Lage, in Ruhe und Dankbarkeit ein gutes Essen zu genießen?
                Lassen Sie sich also nicht von meinen Erlebnissen im Weinsinn runterziehen. Gehen Sie selber hin und machen sich Ihr eigenes Bild. Die vielen positiven Resonanzen im Internet und der Presse (und in meinem eigenen Freundeskreis) können so falsch nicht liegen. Wie gesagt, ich hab wohl einen schlechten Tag erwischt.

                Liebe Grüße, spumante
                Zuletzt geändert von spumante; 23.02.2012, 13:36.

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                • #23
                  Zitat von spumante Beitrag anzeigen
                  Lassen Sie sich also nicht von meinen Erlebnissen im Weinsinn runterziehen. Gehen Sie selber hin und machen sich Ihr eigenes Bild. Die vielen positiven Resonanzen im Internet und der Presse (und in meinem eigenen Freundeskreis) können so falsch nicht liegen. Wie gesagt, ich hab wohl einen schlechten Tag erwischt.
                  Keine falsche Bescheidenheit, lieber spumante! Von der Meinungsvielfalt lebt dieses Forum, und ich gehe demnächst wesentlich neugieriger und mit einer gemäßigteren Erwartungshaltung ins Weinsinn. Hat doch was!

                  Danke dafür und beste Grüße, Merlan

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                  • #24
                    Danke Spumante, für Ihren Bericht.
                    Ich persönlich mag die Art, wie Sie schreiben, sehr.

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                    • #25
                      Das freut mich, liebe Morchel. Danke.

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                      • #26
                        Ein sehr schöner Bericht. Kritisch, aber charmant und erhrlich.
                        Finde ich gut.


                        Gruß!

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                        • #27
                          Wine bar with a twist

                          Eine Weinbar, ein Weinbistro ist das Weinsinn. Die überdurchschnittliche Küche und unkomplizierte Atmosphäre geben den zusätzlichen "twist" und heben das Restaurant von vergleichbaren Angeboten ab.

                          Stellen Sie sich ein kleines Bistro vor: Hell die Räume, warme Farben, die Beleuchtung setzt schöne Akzente. Unkompliziert der Rahmen, Holztische ohne weisse Tischtücher, liebevoll zusammengetragene Einrichtungsstücke - ob vom Designer oder vom Flohmarkt.

                          Links hinten das Lachen einer Gruppe an einem grossen Tisch, rechts vorne ein verliebtes Pärchen, an einem anderen Tisch jemand aus der Nachbarschaft mit Hunger und Lust auf ein gutes Glas Wein.

                          Und alle geniessen ausgezeichnetes Essen, wählen aus einer umfassenden und spannenden Weinkarte. Und das ganze noch zu ansprechenden Preisen.

                          Gibt's nicht? Schon gar nicht in Frankfurt? Besuchen Sie doch mal das Weinsinn im Westend, vielleicht kommt es Ihrer Vorstellung ja nahe!

                          Die übersichtliche Karte bietet neben in Summe knapp 10 Vorspeisen, Zwischengängen, Hauptgängen und Desserts auch ein 3- bis 5-gängiges Weinsinn Menü (EUR 46 bis 62) an. Dieses besteht grösstenteils aus tagesaktuellen Gerichten abseits der Standardkarte - eine gute Gelegenheit, die Küche kennenzulernen. Das Menü war an diesem Abend auch unsere Wahl.

                          Grüsse aus der Küche

                          Der Einstieg - ein gerösteter Brot-Chip, darauf eine Paprikacreme und ein Stückchen Serrano-Schinken - stimmt auf den Abend ein. Die darauf folgende Tasse mit Cous-Cous, einer Garnele, Spargel und Spargelschaum macht Lust auf mehr.

                          Wildlachs - Schmand - Gurke

                          Nun der erste Gang des Menüs mit den Schwerpunkten Lachs und Gurke. Wie hat Weinsinn Chef André Rickert diese klassische Kombination interpretiert? Auf dem Teller angeordnet fand sich Wildlachs (als Würfel, als Tatar) und Gurke (z.B. als Gurkeneis, aber auch als feine Scheibe vom Essiggürckchen). Schmand gab dem ganzen eine geschmackliche Verbindung, feine Radischenscheiben eine nicht nur optisch ansprechende Ergänzung. Ein toller Start in das Menü!

                          Kartoffelcannelloni - Spargel - San Daniele

                          Das (am Bild unter den anderen Zutaten versteckte) Kartoffel-Cannelloni gross und wohlschkeckend. Dazu Karotte, weisser und grüner Spargel (alles schön 'knackig') und wiederum Schinken (diesmal San Daniele) - eine sehr gute frühsommerliche Komposition.

                          Weisser Helibutt - Blumenkohl - Grüner Spargel - Curry

                          Fisch ist anspruchsvoll. Frisch muss er sein, von guter Qualität. Den optimalen Garpunkt gilt es zu erwischen - zu lange unter dem Salamander oder zu weit der Weg zum Tisch, und schon kann aus wunderbar glasig leicht übergart werden. Unser Heilbutt hat all die angeführten Kriterien erfüllt - perfekt auf den Punkt! Schön knackig und eine gute Ergänzung der Blumenkohl, der Currysud gab dem ganzen eine angenehme leichte Schärfe. Unser Lieblingsgericht an diesem Abend!

                          Rhababer-Ingwer Sorbet

                          Als Zwischengang wurde uns ein Sorbet aus Rhabarber und Ingwer gereicht, die Geschmäcker dezent und gut harmonierend.

                          Perlhuhn - Pilze - Apfel - Hollunder

                          Perfekte Garpunkte sind eine Wissenschaft und eine Kunst noch dazu. Auch beim Hauptgang brilliert hier die Küche - das Perlhuhn war wunderbar zart und saftig, die Haut intensiv und geschmacksreich. Dazu gute Pilze, Kartoffelpüree, Pumpernickelbrösel und eine tolle Sauce. Ein Genuss!

                          Schokolade - Erdbeere

                          Intensiv das Schokoladesoufflee, wohl mundend die Erdbeere: Ein guter Abschluss des Menüs.

                          Kaffee, Petit Fours

                          Zum Abschluss noch ein Espresso aus wunderbaren alten Meinl Tassen (welche über einen Flohmarkt ihren Weg ins Weinsinn gefunden haben) sowie eine kleine Süssigkeit.


                          Unser Resümee:

                          Ein Restaurant ohne Sterne und bisher konsequent ignoriert vom Gault Millau. Aus unserer Sicht damit klar unterbewertet. Einzig der Gusto Führer vergibt 7 Pfannen.

                          Nach einem etwas durchzogeneren Besuch im vergangenen Herbst (ohne Bericht) haben wir diesmal wieder einen tollen Abend erlebt: Von Atmosphäre, Essen und Weinangebot. Wichtig - das Weinsinn sieht sich als eine Art Bistrot: Erwarten Sie sich keine weissen Tischdecken, kein Hering Porzellan (wenn auch ein Stück von anderem Anbieter dem Hering Design sehr nahe kommt), keine Ansammlung von Luxusprodukten auf dem Teller.

                          Dafür ein gelungenes Beispiel, wie man Sternegastronomie für ein "Bistrot" adaptiert - anspruchsvoll noch immer die Küche, doch attraktiv die Preise und unkompliziert der Rahmen. Eine "wine bar with a twist" sozusagen. Wir kommen unbedingt wieder mal vorbei. Ach ja, und manchmal sind es Restaurants wie diese, welche dem Besucher die Scheu vor der Spitzengastronomie nehmen. Was wir gut finden.


                          Der Bericht mit allen Bildern auf: kuechenreise.com
                          http://kuechenreise.com/2012/07/08/r...3-frankfurt-d/

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                          • #28
                            Das Weinsinn hat uns etwas ratlos zurück gelassen! Nicht, dass wir uns nicht wohlgefühlt hätten. Nicht, dass es etwa nicht geschmeckt hätte. Nicht, dass wir das gute PLV übersehen hätten. All das war es nicht. Ich glaube, es ist der Stern, der uns irritiert. Wären wir „einfach so“ ins Weinsinn gegangen, wären wir wohl angenehm überrascht gewesen, wie sich das Restaurant aus der Masse der Mainstream-Bistros heraushebt. Der Stern aber, der uns ins Weinsinn gelockt hat, hat die Erwartungen doch ein Stück höher geschraubt, und die sind ein Stück enttäuscht worden.
                            Das Restaurant gibt sich jung, locker, ungezwungen. So ist der Service, so ist das Publikum. Die Tische sind blank und mit einer leeren Vase dekoriert. Nun ja! Es herrscht geschäftiges Treiben; der Laden läuft!

                            Zur Einstimmung wird ein feines Schälchen serviert:

                            Raviolo mit Meeresfrüchten, Safran, Paprikacrème.
                            Sehr guter, hauchdünner Nudelteig mit einer „schmeckbaren“ Fischfüllung. Sehr angenehm dazu die leichte Paprikacrème und ein paar geschmorte Zwiebel; der Safran fällt nicht weiter auf.

                            Wir haben uns für ein 4-Gang-Menü entschieden, das nicht in der Karte steht, sondern vom Service annonciert wird:

                            Wachtel, Garnele, Feta, Erbse
                            Um die Wachtelbrust war eine Garnele drappiert; daneben lag ein in Sojasauce pochiertes Wachtelei mit Fetabröckeln, etwas Geschmortes von der Wachtelkeule und eine Erbsenschote mit ihrer Crème.
                            Handwerklich alles bestens, aber kaum ein Bestandteil auf dem Teller konnte eine Beziehung zu einem anderen herstellen. Warum wird Wachtel mit Garnele kombiniert? Weil es so schön aussieht? Weil es vielleicht kreativ wirkt? Man kann das hin und her probieren, es macht keinen Sinn! Man isst Garnele, man isst Wachtel und fragt sich, warum dies in einem Gang sein muss. Kulinarisch jedenfalls kein Gewinn! Genauso das von der Sojasauce dunkel gefärbte Wachtelei. Sieht vielleicht noch gagig aus, geschmacklich bringt das aber nichts. Und die Fetabröckel sind nur was für die Optik, knüpfen aber kaum an irgendeine Komponente auf dem Teller an. Für mich ein „Schauteller“, der Eindruck schinden soll!

                            Zweierlei vom Thunfisch im Ingwer-Kartoffelsud
                            Schon besser! In einem tiefen Teller liegen ein Stück Thunfisch sowie eine kleine halbierte Kartoffel, auf der ein schmackhaftes Thunfischtatar angerichtet ist. Am Tisch gießt der Service den Sud an, der ein starkes Ingweraroma hat. Eine feine Harmonie! Zur Krönung thront auf dem Tatar ein Stück fermentierte Zwiebel, die dem Ganzen einen leicht süßlich-lakritzigen Kick gibt.

                            Bretonische Scholle, Kräutersaitlinge, Champignons, Blattspinat
                            Ein typisches Bistrogericht ohne Wenn und Aber, jedoch auch ohne „Duftmarke“ eines Sternekochs.

                            Pina Colada (Ananas, Crumble, Eis, weiße Schokolade)
                            Na also, geht doch! Wunderbare Komposition, harmonisch miteinander verbunden, verschiedene Texturen, anspruchsvoll. Ein Stern für den Patissier!

                            Fazit:
                            Das Weinsinn ist ein sehr gutes Bistro, das hier und da Gerichte einstreut, die das offenbar vorhandene Potential des Küchenchefs aufblitzen lassen. Das Haus muss sich auf Dauer nur entscheiden, ob es ein möglichst breites Publikum ansprechen oder sich in der gehobenen Gastronomie etablieren möchte. Meine Prognose ist, dass es sich – nicht zuletzt aus wirtschaftlichen Gründen – für das Erstere entscheiden wird.

                            Beste Grüße, Merlan

                            Kommentar


                            • #29
                              Vielen Dank für Ihren differenzierten Bericht. Was mich etwas wundert ist, dass keiner der letzten drei Berichte zum Weinsinn (das ja schließlich ein Weinbistro ist, oder?) ein Wort über Wein verliert. Was haben Sie denn getrunken? Gibt es einen Sommelier oder einen weinkundigen Chefkellner und wie ist die Beratung? Gibt es viele Weine im Glas?

                              Die online einsehbare Weinkarte sieht jedenfalls vielversprechend und auch preislich attraktiv aus und würde mich auch unter kleinen Abstrichen beim Essen durchaus in das Weinsinn locken.

                              Vielen Dank, rocco

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                              • #30
                                "Genauso das von der Sojasauce dunkel gefärbte Wachtelei. Sieht vielleicht noch gagig aus, geschmacklich bringt das aber nichts."
                                Das wundert mich aber, lieber Merlan. Selbst diese marmorierten Eier, die zwar meist mit Tee, durchaus aber auch mit Sojasauce zubereitet werden, fand ich, trotz der nur wenigen dunklen. spinnwebeartigen Verfärbungen immer nicht nur optisch, sondern geschmacklich sehr charmant. Kenneth Lo beschreibt in seinem 1980 erschienenen Kochbuch Soja-Eier; dort werden allerdings hartgekochte Eier in der Sojasauce nachgeköchelt. Da erscheint einem das in der Sauce pochierte Wachtelei wie eine Umgestaltung eines traditionellen Rezeptes.

                                "Das Haus muss sich auf Dauer nur entscheiden, ob es ein möglichst breites Publikum ansprechen oder sich in der gehobenen Gastronomie etablieren möchte."
                                Wieso sollte es das müssen? "Es herrscht geschäftiges Treiben; der Laden läuft!"

                                Vielen Dank übrigens für Ihren , wie immer, elegant formulierten Bericht
                                schlaraffenland

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