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Freustil* / Rügen

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  • Freustil* / Rügen

    Im Rahmen meines Kurzurlaubs Ende Oktober habe ich auch das Freustil besucht. Wie fast immer war ich mittags unterwegs.

    Das Freustil ist ein kleines Lokal, höchstens 25 Sitzplätze. Es ist stylisch-modern eingerichtet, auf mich wirkte es aufgrund des weiß gestrichenen Holzdecke aber auch gemütlich. Atmosphärisch genau das, was mir gefällt.

    Es gibt 2 Menüs, jeweils 6 Gänge, das eine davon ist vegetarisch. Ich habe 5 Gänge gewählt, es gab dazu 4 Grüße aus der Küche. Die Grüße aus der Küche wurden vom Koch selbst serviert, das fand ich eine schöne Idee.
    Man kann die beiden Menüs auch kombinieren, d.h. Gänge gegeneinander tauschen. So habe ich im ersten Gang aus dem vegetarischen Menü "Mozarrella, Schwarzbrot und Blaubeere" gewählt. Das war allerdings leider der schwächste Gang, es gab zwar den Mozarella in verschiedenen Varianten (fritiert, als Schaum und pur) Ansonsten waren aber doch wieder Tomate-Basilikum dabei, das Schwarzbrot passte dazu sehr gut, aber die Blaubeere kam kaum zur Geltung.

    Da ich damals noch nicht vorhatte, hier darüber zu berichten, kann ich mich leider nicht mehr an alle Komponenten erinnern. Was ich sagen kann, ist, dass es eine sehr subtile, auf die einzelnen Produkte ausgerichtete Küche ist. Natürlich war besonders der Fischgang (Zander) hervorragend. Als zweiten Gang hatte ich eine Kürbissuppe mit Jakobsmuscheln (die gut angebraten dazu gereicht wurden). Sehr fein.
    Beim hervorragenden Rind (besonders die Sosse sehr sehr gut) hat es der Koch mit der Größe des Fleischstückes so gut gemeint, dass ich hinterher Schwierigkeiten mit dem Dessert hatte .

    Auch an das Vordessert kann ich mich gut erinnern, es war ein Traum von Joghurtcreme. Das Dessert selber hieß Pflaumenkuchen, nicht fertig gebacken (Frischkäsecreme, eine Art Keks, rohe Zwetschgen), ganz gut, aber wie gesagt, ich war schon satt.

    Vom zum Cafe gereichten Eislolly habe ich dann nur noch versuchshalber abgebissen.

    Der Service war sehr aufmerksam, ich hatte eine kleine Weinbegleitung zum Menü, alles gut passende Tropfen, aber nichts ungewöhnliches.

    Kostenpunkt alles in allem: 121 Euro, die gut angelegt waren.

    Als besonderen Tipp: Es gibt auch ein Mittagsmenü in zwei Gängen (Hauptspeise und Dessert) incl. Wasser und Cafe für unschlagbare 19 Euro. Die Leute um mich herum, die das Menü hatten, wirkten sehr zufrieden.
    Zuletzt geändert von HeikeMünchen; 09.11.2013, 19:17.

  • #2
    Liebe Heike, vielen Dank für den Bericht - zu einem frisch besternten Haus lese ich das natürlich mit besonderem Interesse, daher habe ich dem Freustil auch einen eigenen Thread gegönnt..

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    • #3
      Nach den stressigen letzten Wochen und Monaten (siehe Thread über das „Gymkhana“ in London) komme ich erst jetzt während der Sommerferien dazu, einen Kurzbericht über das Restaurant „freustil“ in Binz auf Rügen, welches Frau Grande und meine Wenigkeit während unseres Osterurlaubs am Karfreitag dieses Jahres besuchten, ins Forum zu stellen. Da der Besuch schon fast ein halbes Jahr zurückliegt, beschreibe ich aufgrund leicht verblasster Erinnerungen nicht wie sonst detailliert jeden einzelnen von uns genossenen Gang, sondern gebe hier den von mir empfundenen Gesamteindruck wieder:

      Das Restaurant selbst ist sehr stimmig eingerichtet. Die abwechslungsreiche Mischung aus floralen Tapeten mit neckischen Hirschmotiven, Vintage- und Retroelementen und fehlenden Tischdecken könnte auch einem aktuellen Ikeakatalog oder angesagten Einrichtungs-Magazinen entlehnt worden sein, sie ergibt aber zweifellos ein modern-gemütliches und zwangloses Ambiente, in dem man sich sofort wohl fühlt – also genau das, was man sich unter dem neuerdings gern zitierten Modebegriff „Casual-Fine-Dining“ vorstellt. Die Gästemischung an unserem Abend war ebenfalls sehr interessant: Neben einem bodenständigen Urlauberpublikum, das sich zwischen Fischbudeneinerlei und Convenience-Hotelküche einmal etwas gönnen wollte, saßen zwei Tische weiter ein „Sugardaddy“ mit seiner wesentlich jüngeren Gespielin, die mit ihrem weißen Schoßhündchen und ihrem wasserstoffblondem Haar als eine Kreuzung aus Jacob-Sister und Marilyn Monroe hätte durchgehen können. Auch in Punkto Publikum war also für Abwechslung gesorgt…

      Das von uns verköstigte Menü (vier Gänge: 70 Euro) setzte sich aus folgenden Gängen zusammen:

      Rindertatar / Jakobsmuschel / Champignon

      Kabeljau / Schweinebauch / grillierter Spitzkohl / Buttermilch / Dill

      Shortrib / Wiesenkräuteremulsion / Mirepoix

      Backmischung

      Was insgesamt beeindruckte, war der Aufwand, der beim Servieren und Anrichten der Speisen betrieben wurde: Einige der Gänge wurden – was heutzutage in der gehobenen Gastronomie ja des Öfteren praktiziert wird – von den Köchen aufgetragen und erläutert, was aufgrund der lockeren und unkonventionellen Art des kochenden Personals durchaus sympathisch herüberkam. Auch die Optik der Tellerarrangements wusste zu gefallen: Sowohl die kleinteilig-verspielten Amuses als auch die einzelnen Gerichte des Menüs wurden sehr ansprechend und kreativ auf und in verschiedensten Manufakturporzellantellern, Platten, Schüsseln, Gläschen und Tassen serviert, sodass es für das mitessende Auge eine wahre Freude war.

      Was leider etwas weniger beeindruckte, war die eigentliche Küchenleistung, die von Gang zu Gang etwas schwächer wurde: Während die Amuses und der erste Gang noch im sicheren bzw. sogar gehobenen Sternebereich zu verorten waren, „kratzten“ die restlichen Kreationen nur noch am Stern:

      Beim zweiten Gang war der Spitzkohl nicht nur grilliert, sondern regelrecht verkohlt. Dieses „Verkohlen“ von Gemüse (z.B. Lauch) ist in der nordischen Küche ja schon seit einiger Zeit sehr en vogue und kann durchaus auch gelingen, in diesem Fall schmeckte der Spitzkohl aber leider wirklich nur noch verbrannt.

      Beim Hauptgericht konnten das perfekt geschmorte Shortrib und die Wildkräuteremulsion durchaus überzeugen, das geröstete Wurzelgemüse („Mirepoix“) war aber leider hart an der Grenze zu „total versalzen“.

      Das Dessert war wie alle Speisen kreativ angerichtet, schmeckte aber etwas eindimensional und trocken.

      Insgesamt also ein Restaurant, bei dem das Drumherum mehr zu überzeugen weiß als die eigentliche Küchenperformance: Das „Design“ steht hier im Vordergrund, sei es beim schicken Wohlfühlambiente oder in Bezug auf die Optik und das Anrichten der einzelnen Teller. Gekocht wird hier trotzdem nicht schlecht und mit Sicherheit bei weitem besser als in fast allen anderen Insellokalen, dennoch hatte ich mir bei den vielen guten Bewertungen in den relevanten Guides (ein Stern im Michelin, 16 Punkte im Gault Millau, 7 Punkte im Gusto) ein wenig mehr Substanz erwartet. In Summe würde ich den nicht unsympathischen Betrieb, den ich aufgrund des gebotenen Gesamtpakets (und auch aufgrund von fehlender Konkurrenz in weiterem Umkreis) durchaus noch einmal besuchen würde, aber eher bei einem knappen Stern und 15 Punkten im Gault bzw. 6 Punkten im Gusto verorten!
      Zuletzt geändert von El Grande Gourmet; 11.08.2016, 15:32.

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      • #4
        Herzlichen Dank, lieber Grande, für den in allen Belangen anschaulichen Bericht !
        Das am Nebentisch ist jetzt der neueste Trend: "Guestpairing" vermeintlicher Gegensätze...

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        • #5
          "Insgesamt also ein Restaurant, bei dem das Drumherum mehr zu überzeugen weiß als die eigentliche Küchenperformance: Das „Design“ steht hier im Vordergrund ... "

          Vielen Dank für diesen Warnhinweis, werter EGG. Wissen Sie noch, wieviel Geld Sie ausgeben mußten?
          "Rintertatare" (RinTinTin?), "Schweinebauch", "Shortrib " ... und das am "Karfreitag diesen Jahres", da erkennt man deutlich, wie die Ostseeinseln vom christlichen Abendland abdriften.
          MkG
          s.
          PS: "Karfreitag diesen Jahres"
          Eigentlich wollt' ich Sie noch vor Sphérico , der zur Zeit auch als Germanist unterwegs ist, warnen. Pronomen, Genetiv ... Das hat sich aber erübrigt. Er zeigt sich da gerade sehr nachsichtig.

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          • #6
            Werter Schlaraffe,

            verkohlten Spitzkohl bzw. verkohlte Asche auf mein Haupt! Habe soeben beide grammatikalischen Schnitzer beseitigt. Während das "Rintertatar" einer Unkonzentriertheit meinerseits entsprang, bin ich bei meiner anderen Verfehlung anscheinend einem Irrglauben aufgesessen, der auch vor namhaften ehemaligen Tagesschausprecherinnen nicht Halt gemacht hat. Doch lesen sie selbst:

            http://www.spiegel.de/kultur/zwiebel...-a-325940.html

            Gruß

            El Grande

            P.S.: Zur Kostenfrage: Insgesamt haben wir zu zweit inklusive meiner Weinbegleitung (meine werte Gattin ist freundlicherweise gefahren...) knapp 200 Euro bezahlt, was ich für das Gebotene aber unter dem Strich für durchaus gerechtfertigt halten würde!
            Zuletzt geändert von El Grande Gourmet; 11.08.2016, 15:32.

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            • #7
              Zitat von Schlaraffenland Beitrag anzeigen
              Eigentlich wollt' ich Sie noch vor Sphérico , der zur Zeit auch als Germanist unterwegs ist, warnen. Pronomen, Genetiv ... Das hat sich aber erübrigt. Er zeigt sich da gerade sehr nachsichtig.
              Ja lieber Schlaraffe, im linken Vorhof hab ich auch ein Plätzchen für die Grammatik. Aber natürlich haben Sie recht, das mit dem Pronomen ging an mir vorbei, zumal inzwischen auch korrigiert.
              Ansonsten ist mein Monitor natürlich voller roter Striche

              Mit besten Grüßen !

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              • #8
                Im Spätsommer hat es meine Frau und mich an die Ostseeküste verschlagen. Genauer gesagt auf Usedom (eine kulinarische Diaspora) und Rügen. Das Freustil in Binz auf Rügen ist das zweite besternte Restaurant an der Ostseeküste neben dem Friedrich Franz in Heiligendamm, welches ich besuchen konnte. Die Region ist ja insgesamt nicht wirklich gesegnet mit einer großen Anzahl besternter Restaurants. Das Freustil ist sehr modern eingerichtet und versprüht auch durch den lockeren und herzlichen Service gleich eine Casual Fine Dining Atmosphäre. Meine Frau und ich wählten das Menü in 8 Gängen (für meine Frau leicht abgewandelt) zu je 80€. Mit Wasser zahlt man also für das volle Programm immer noch etwas weniger, als für eine Vorspeise (Kaviar Trilogie) in Heiligendamm (solche Gedanken kommen einem irgendwie automatisch, wenn man länger als 3 Jahre in Schwaben wohnt...). Da unser Besuch schon einige Wochen her ist, nenne ich hier nur die Gänge und beschreibe den Gesamteindruck unseres Lunchs. Ein paar Fotos habe ich auf meinem Instagram (http://www.instagram.com/muck_eats/).

                KOI
                Karotte / Orange / Ingwer

                REHVOLTE
                Rehtatar / Hagebutte /Radieschen

                Granny Fisch
                Faröer Lachs / Gurke / Granny Smith

                FLASCHENKOST
                Jakobsmuschel / Hafersand / Joghurt / Blumenkohl

                MOLKE 7
                Parmesanmolke / Kartoffel / Hüttenkäse

                WALDEMAR
                Waldillusion / Seeteufel

                VOGELFUTTER
                Landhuhn / Körner

                WURZELSEPP
                Petersilienwurzel / Sauerteig / Honigcrumble / Sellerie

                DEATH BY CHOCOLATE
                Schokolade / Himbeeressig

                Die Beschreibung der Gänge zeigt schon die Richtung auf: Im Freustil steht Kreativität und Individualität im Vordergrund. Die Gänge waren sehr schön auf zum Gericht passendem "Geschirr" (oder Stein, Heu etc.) angerichtet. Optisch beeindruckend waren vor allem der Karotten-Koi in Ingwerbier, oder auch das Death by Chocolate Dessert. Allerdings waren genau das die Gänge, die mich am wenigsten überzeugt haben. Für mich am stärksten waren die klaren, auf das Produkt fokussierten Gänge, allen voran das Rehtatar mit Hagebutte (eine ganz feine, ausgewogene Kombination), die Parmesanmolke mit wunderbar austarierten Räuchernoten, sowie das Landhuhn mit Mais.

                Der Lunch hat großen Spaß gemacht, wobei das Gesamtkonzept aus lockerer Atmosphäre, tollen und günstig kalkulierten Weinen (z.B. der frische Bründlmayer Kamptal Grüner Veltliner aus 2016) und dem netten Service bei mir vollkommen aufging. Dass einige Gänge eher durch Optik beeindrucken als durch Wohlgeschmack, nehme ich dann auch in Kauf. In Summe ist für mich das Friedrich Franz nach wie vor ganz klar die erste Adresse an der Ostsee. Das Freustil liegt aber, mit dem spürbar höheren Maß an Kreativität, nicht so weit dahinter.

                M

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                • #9
                  Werter Muck, vielen Dank für ein aktuelles Update zum "Freustil". Insgesamt wird von Ihnen das bestätigt, was ich vor über einem Jahr hier auch schon im Forum konstatieren musste, nämlich dass die Optik einiger Gerichte eher im Vordergrund steht als der Wohlgeschmack der Kompositionen. Auch ansonsten muss ich Ihnen hinsichtlich Ihres Gesamtfazits beipflichten: Trotz dieser Tatsache ein insgesamt gelungenes Casual-Fine-Dining-Konzept, welches durch eine lockere Atmosphäre sowie ein günstiges Preis-Leistungs-Verhältnis besticht und somit für Rügen bzw. ganz Mecklenburg-Vorpommern eine gastronomische Bereicherung darstellt!

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                  • #10
                    Lieber EGG, habe jetzt erst Ihre Eindrücke von damals gelesen. Klingt ja tatsächlich sehr ähnlich zu meinen. Auf Rügen (und die Insel ist ja nicht klein) ist das Freustil die Anreise auf jeden Fall wert.

                    M

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