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Ratsstuben, Haltern am See

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  • Ratsstuben, Haltern am See

    Als bekennender (El Grande) Gourmet ist es natürlich mein Ziel, die besternten Häuser der näheren Umgebung besucht zu haben, um mir ja nicht nachsagen zu lassen, eine gastronomische Perle nicht entdeckt bzw. ausgelassen zu haben. So war es zu meinem Geburtstag am 01. Februar an der Zeit, sich endlich einmal gen Haltern am See (nördliches Ruhrgebiet bzw. südwestliches Münsterland) aufzumachen und die „Ratsstuben“ zu beehren, welche (für mich damals eher unerwartet, da ich sie überhaupt nicht „auf dem Zettel“ hatte) im (immer noch…) aktuellen Guide Michelin für 2018 mit ihrem ersten Stern ausgezeichnet wurden.

    Das Restaurant befindet sich im Erdgeschoss des „Ratshotels“, welches im fußgängerberuhigten Innenstadtbereich in unmittelbarer Nähe (der Name deutet es schon an…) zum Rathaus zu finden ist. Frau Grande Gourmet und ich nahmen im hinteren, etwas eleganter gehaltenen Raum Platz, aber auch der vordere Restaurantbereich, der mit seiner Theke ein wenig rustikaler daherkam, machte einen durchaus ansprechenden Eindruck. Da die Tische relativ eng gestellt waren, war das „Palaver“ der achtköpfigen Gruppe am Nebentisch durchaus recht lautstark vernehmbar, was mich aber spätestens nach dem dritten Glas der (mit 39 Euro für sechs Offene sehr preisgünstigen, aber durchaus respektablen) Weinbegleitung (Frau Grande als Fahrerin konnte sich mit der von ihr genossenen Rhabarbersaftschorle leider nicht „betäuben“) nicht mehr großartig störte… Nach einem gelungenen dreiteiligen Gruß aus der Küche nahm das von uns georderte sechsgängige Menü folgenden Verlauf:

    Mild gebeizter Ora King Lachs / Gurke / Liebstöckel / Algen

    Robiola Tris Frischkäsecreme / Balsamessig / Zwiebel / Schnittlauch / Kartoffel

    Blumenkohlsuppe / Wildgarnelen / Curry / Gewürzöl

    Terrine von der Gänsestopfleber / Süßwein / Quitte / Brioche / Crumbles

    Filet und Bauch vom Ibericoschwein / Asiasud / Wildbrokkoli / Ingwer / Steckrübe / Enokipilze

    Blutorange: Panna Cotta / Crumbles / Baiser / Eis / Sorbet

    Insgesamt waren Frau Grande und ich vom Gebotenen sehr angetan. Eine besondere bzw. spezielle Ausrichtung der Küche war zwar nicht direkt zu erkennen, da verschiedenste Stile und Länderküchen in das Menü integriert bzw. munter miteinander kombiniert wurden (klassisch-französisch präsentierte Gänsestopfleberterrine, asiatisch angehauchter Hauptgang, eine für die deutsche Gourmetküche typische, da sehr kleinteilig gearbeitete Dessertkreation mit vielen Einzelkomponenten etc.), was dem Genuss aber keinen Abbruch tat, da eigentlich alle Gänge nicht allzu verkopft präsentiert wurden, einen so nicht zu sehr forderten und einfach nur Spaß machten, da die Produktqualität durchgehend überzeugend war, die Kombinationen passten, gelungene Texturkontraste vorhanden waren, handwerklich sauber gearbeitet und auch das Auge durchaus erfreut wurde. (Westfälisches) Gourmetherz, was willst du mehr!

    Die Sternewertung kann ich somit durchaus nachvollziehen, auch wenn man die Attribute, die ich eben als positiv beschrieben habe, natürlich auch negativ auslegen könnte, indem man das Dargebotene als ein wenig beliebig bzw. profillos einordnen würde, ein Tatbestand also, den man vielen Einsternern in Deutschland (und auch darüber hinaus…) vorwerfen könnte. Damit macht man es sich aber meiner Meinung nach vielfach etwas zu leicht, denn gerade in der (westfälischen) Provinz muss ein Sternerestaurant, um wirtschaftlich überleben zu können, einen relativ großen Gästekreis ansprechen, und das schafft man eher über eine leicht zugängliche, vielleicht etwas weniger profilscharfe Küche ohne allzu viele Ecken und Kanten, die es vielen (aber nicht allen, siehe unten…) recht macht, dabei aber trotzdem kompositorisch und qualitativ überzeugt!

    Wie uns der Inhaber und Küchenchef später bei seinem Rundgang durch das Lokal erzählte, eckt man aber selbst mit solch einer relativ mainstreamnahen Küche in einer der Gourmandise anscheinend ein wenig fremdelnd gegenüberstehenden Provinzgemeinde wie Haltern an, denn viele Bewohner der Stadt würden sein Lokal gar nicht erst betreten, da es – wie sie aus „sicheren“ Quellen erfahren hätten – für viel zu viel Geld viel zu kleine Portionen mit viel zu viel Chi-Chi geben würde, also genau das Gegenteil von dem, was man sich als „strammer“ Westfale von einem Restaurantbesuch versprechen würde. Die „Halterner Zeitung“ würde ins gleiche Horn stoßen, sodass man in der Stadt einen schweren Stand hätte.

    Leider ist dies in meinen Augen kein Einzelfall, sondern ein gesamtdeutsches Problem, denn mit diesen Vorurteilen müssen immer noch viele ambitionierte Restaurants in unserem – in weiten Teilen genussfeindlichen – Land, (über)leben… Zum Glück haben die „Ratsstuben“ ein großes Einzugsgebiet, welches Städte wie Münster oder Agglomerationen wie das Ruhrgebiet umfasst, sodass das Lokal an dem besagten Freitagabend trotzdem nahezu ausgebucht war.

    Mir bleibt als Fazit nur noch, den „bockigen“ Bürgern aus Haltern Folgendes mit auf den Weg zu geben: Besucht dieses Restaurant, denn es ist mit Sicherheit das mit Abstand Ambitionierteste in eurem Städtchen, und ihr werdet bei einem hervorragenden Preis-Leistungsverhältnis (85 Euro für sechs Gänge) eine zugängliche und überzeugende Küche vorfinden, die einen keineswegs halbverhungert vom Tisch aufstehen lässt (im Gegenteil, ich war mehr als gut gesättigt, und das ist bei mir wahrlich nicht immer der Fall…).

    So, das musste dringend einmal gesagt werden, jetzt seid ihr am Zug, Bürger aus Haltern…

  • #2
    Danke für den Bericht. Da meine Eltern wohnen etwa 45 Minuten mit dem Auto von Haltern entfernt wohnen, hatte ich das Restaurant auch schon mal ins Auge gefasst... Das hört man in der Tat ja immer wieder, das ambitionierte Restaurants es in der Heimatgemeinde besonders schwer haben. Neidische Konkurrenz und die Geiz-ist-Geil-Mentalität vieler ist schon eine Belastung. Zumal dort, wie ich sehe, auf der Speisekarte Steaks und Burger zu zivilen Preisen als Alternative zu finden sind.
    Zuletzt geändert von QWERTZ; In den letzten 2 Wochen.

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