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Halbedels Gasthaus*, Bonn-Bad Godesberg

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  • Halbedels Gasthaus*, Bonn-Bad Godesberg

    71 Jahre und keine bisschen leise! 37 Jahre Michelin-Stern und immer noch ehrgeizig! 50 Jahre am Herd und immer noch der „schönste Beruf der Welt“!

    Die Rede ist von Rainer Maria Halbedel und seinem „Halbedels Gasthaus“ in Bonn-Bad Godesberg, das er mit seiner Frau in einer wunderschönen Gründerzeitvilla betreibt. Wir kommen durch einen gepflegten Garten und betreten die stuckverzierten und liebevoll dekorierten Räumlichkeiten. Irmgard Halbedel begrüßt uns herzlich und erwartungsvoll, da wir vermeintlich neue Gäste sind. Wir klären sie auf, dass wir vor 25 Jahren schon einmal da waren, und merken, wie sie kurz versucht ist, uns wiederzuerkennen. Es herrscht eine angenehme, fast familiäre Atmosphäre in den beiden Räumen des Restaurants. Alles geht ruhig vonstatten, wenngleich heute zwei der vier Mitarbeiter aus der Küche und die Auszubildende im Service fehlen. Man spürt, dass hier ein besonderer Abend für die Gäste zelebriert werden wird, dass man in ein wahres Gasthaus eingekehrt ist.

    Und schon kommt Herr Halbedel an den Tisch, die Karte unter dem Arm, ein Lächeln in den Augen (der Rest des Gesichtes ist leider durch die notwendige Corona-Maske verdeckt) und mit der Schilderung, was er an diesem Abend für seine Gäste vorbereitet hat. Und schon „flitzt“ er wieder in seine Küche, schließlich hat er heute nur noch einen Mitarbeiter, der mit ihm am Herd steht. Dennoch bleibt uns Herr Halbedel den ganzen Abend persönlich erhalten, denn er lässt es sich nicht nehmen, jeden einzelnen Gang mit seiner Frau an den Tisch zu tragen und seine Kreationen bis ins Detail zu erläutern. Und im nächsten Moment sieht man ihn schon wieder auf dem Weg in seine Küche, um wenig später am nächsten Tisch seine Gerichte zu präsentierten. Eine unglaubliche Energieleistung, die deutlich macht, wie wichtig ihm die Betreuung seiner Gäste ist und mit welch großem Engagement er auch noch nach den vielen Jahrzehnten im Beruf sein Handwerk auf höchst-möglichem Niveau betreibt.

    Und dann ist da ja auch noch Irmgard Halbedel, die eine souveräne Ruhe ausstrahlt, den Service an diesem Abend alleine bewältigt und lautlos mit ihrem Mann Hand in Hand agiert. Sie hat immer ein nettes Wort parat, ist jederzeit für ein „Schwätzchen“ gut und von einer sympathischen Schlagfertigkeit. Während Rainer Maria ein Norddeutscher ist, kommt sie aus der Gegend, das heißt aus der Eifel, wo beide auf dem elterlichen Bauernhof mit einem riesengroßen Garten wohnen und nach wie vor die Dinge selbst anbauen, die sie für ihr Restaurant in Bad Godesberg benötigen.

    Und damit sind wir endlich bei der Küche von Rainer Maria Halbedel. Ich muss gestehen, dass wir eher eine klassische, konservativ geprägte Küche erwartet haben, doch verrät schon die Karte, dass hier ein Meister am Herd steht, der auf der Höhe der Zeit kocht und die positiven Entwicklungen in den Küchen der Welt gerne aufgreift, ohne die Wurzeln seines Werdegangs zu verleugnen.

    Unser Menü:

    Grünes Gartengemüse mit Dümmer Aal
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    Yellow fin Thunfisch
    - Rettichspitzen, Avocado, Wasabi, jap. Barbecuesauce

    Jakobsmuscheln
    - Kohlrabi, Matchatee, Quinoa, Imperial Kaviar

    Angus-Beef
    - Tatar, Zitronenschaum

    Loup de mer
    - Maifelder Spargel, Mango, Kerbel, Kokosmilch

    Rosmarincrème, Limette, Erdbeere

    Himbeere, Juzu, Holunderblüte


    Das schmeckt alles – wie soll ich sagen - ausgezeichnet, wenngleich mir das Wort „lecker“ viel mehr auf der Zunge liegt. Es finden sich in jedem Gang kreative Ideen, und die Anrichteweise ist alles andere als „oldschool“. Das wird schon beim ersten Gang deutlich, wo wir in einem tiefen Teller zunächst 15 (!) kleinste Rettichscheiben sehen, die jeweils zu einem Trichter zusammengelegt sind; darin befinden sich drei verschieden Crèmes mit Avocado, Wasabi und japanischer Barbecuesauce. Jedes „Tütchen“ ist für sich eine kleine Köstlichkeit, bis man sich zum Thunfischtatar durchgearbeitet hat, das nicht minder fein abgeschmeckt ist. Dekoriert ist das Ganze mit kleinen Blüten und Kräutleins aus Halbedels Garten.

    Auch der Jakobsmuschel-Gang ist höchst spannend, da Halbedel hier den Kohlrabi von seinem Hof in unterschiedlichen Texturen intensiv herausarbeitet und ihn zu verschiedenen Aromen kontrastiert.

    Das Tatar vom Angus-Rind ist der „Knaller“ schlechthin! Fein geschnittenes Fleisch, perfekt abgeschmeckt und bedeckt mit einem intensiven Zitronenschaum. Mehr braucht es nicht, um den Gast kulinarisch zu beglücken! So habe ich ein Rinder-Tatar noch nie gegessen und genossen!

    Gleiches gilt für den Fischgang, der durch die ungewöhnliche Kombination von Mango, Kokosmilch und Kerbel zum Spargel besticht. Den Loup hat Halbedel kross auf der Haut gebratenen und serviert ihn als kleine Variante noch roh mariniert.

    Die beiden Desserts zeichnen sich durch ihre Süffigkeit und die gute Betonung der harmonischen Komponenten aus.

    Rundum zufrieden bestellen wir noch einen Kaffee und können gegen Mitternacht kaum begreifen, wie schnell der Abend verflogen ist.

    Was macht denn nun die Küche von Rainer Maria Halbedel aus, dass man an einem Abend in seinem Restaurant kulinarische Glücksmomente erlebt, obwohl man weder bei einem lupenreinen „Klassiker“ noch bei einem ausgewiesenen Avantgardisten gegessen hat? Es ist die Kombination von beidem, der stete Drang des Küchenchefs, bewährte Geschmackskombinationen noch einmal neu zu arrangieren und überraschend darzubieten. Es ist die Neugier auf seinen kulinarischen Reisen, um Neues mit nach Hause zu bringen, das in seine Küche passt. Es ist die Erkenntnis, nur das machen zu wollen, was man kann, und nicht das können zu wollen, was man nicht kann. Es ist das Harmoniebedürfnis des Kochs, das jede Provokation auf dem Teller ausschließt. Es ist die spürbare Leidenschaft des Kochs, für jeden Gang alles aus seinem Garten zusammen zu tragen, was seinem Hauptprodukt zuträglich ist. Es ist die Erfahrung Halbedels, die ihn gelassen und verantwortungsbewusst mit seinen Produkten umgehen lässt und dabei seinen sicheren Instinkt für neue harmonische Kreationen ausspielen lässt.

    Und was macht den Charme dieses Restaurant als solches aus? Auch das ist die Harmonie, die ein gemütliches Wohnzimmer ausstrahlen kann, die Liebe zum Detail, für die Irmgard Halbedel Verantwortung trägt. Ihr gelingt es, allen Gästen das Gefühl zu geben, dass sie sich mit ihrem Mann nur für sie fast jeden Tag von der Eifel aus auf den Weg nach Bad Godesberg macht, um groß aufzukochen und einen unvergesslichen Abend zu zelebrieren. Hier spürt man auch die Unabhängigkeit der beiden, denen das schöne Godesberger Haus und der Hof in der Eifel gehören. Sie müssen sich niemandem mehr beweisen oder die Schäfchen noch ins Trockene bringen. Sie öffnen ihre Villa, weil es ihnen unbändigen Spaß macht – auch noch in der siebten Dekade des Lebens. Von Ruhestand ist keine Rede. Gut so, denn wir wollen wiederkommen, und das nicht erst wieder in 25 Jahren! Obwohl – ich würde es uns und den Halbedels durchaus zutrauen!



  • #2
    Werter merlan, Ihren Bericht habe ich mit großem Genuss gelesen – danke dafür. Gibt es nur dieses Menü auf der Karte und welcher Preis wird dafür aufgerufen?

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    • #3
      Herr Halbedel schreibt jeden Monat eine neue Karte (wirklich noch handgeschrieben!) mit einem 7-Gang-Menü. Hierfür ruft er derzeit 130 € auf. Wir haben den Fleischgang (Rehbock-Rücken mit Pastinake, Spitzkohl, Mispeln) und den Käse (von Bernard Antony) weggelassen und lediglich 92 € gezahlt; ich halte das für unglaublich preiswert! Darüber hinaus gibt es noch ein Überraschungsmenü mit 4 und 6 Gängen.

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      • #4
        Danke, lieber merlan, dass sie mal wieder eine Lücke im Forum geschlossen haben!

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