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Lido 84, Gardone Riviera

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  • Lido 84, Gardone Riviera

    Alle Jahre wieder…weile ich, wie der geneigte Leser vielleicht schon mitbekommen hat, kurz vor den Herbstferien (meist in Italien…) auf Kursfahrt mit einem meiner zahlreichen Erdkunde-Leistungskurse, bezüglich derer mir „die Ehre“ zuteil wurde, sie für jeweils zwei Jahre bis zum (hoffentlich…) bestandenen Abitur betreuen zu dürfen.

    Diesmal verschlug es mich und zwei Kolleginnen an die westlichen Gestade des Gardasees nach Saló, einem pittoresken Örtchen mit einer endlos langen Seepromenade und beschaulichen Gässchen, die (meine beiden Begleiterinnen…) zum Shoppen und (mich…) zum Einkehren in grandiose Gelaterias animierten. Weniger pittoresk war (ebenfalls wie alle Jahre wieder…) unsere Unterkunft, eine Zwei-Sterne-Herberge mitten im Ort, deren Ambiente und Küchenleistung einen schon nach zwei Tagen förmlich dazu veranlassten, schnellstens das Weite zu suchen, um sich wenigstens für einen Abend dem wahren norditalienischen „dolce vita“ hinzugeben…

    So entflohen eine Kollegin und ich diesen ungastlichen Niederungen italienischer Hotellerie für einen Abend per Taxi (der Fahrer rieb sich verwundert die Augen, als er vernahm, dass wir von jener Unterkunft in das gleich näher beschriebene Etablissement gefahren werden wollten, was für ihn augenscheinlich überhaupt nicht zusammenpasste…) ins nahe gelegene Gardone Riviera, um dem besternten „Lido 84“ unsere Aufwartung zu machen!

    Angekommen, betrat man sogleich eine andere Welt: Ein geschickt illuminierter Garten direkt am See bot das Entree für das eigentliche Restaurant, welches in den sehr geschmackvoll und gemütlich in einer Mischung aus Shabby Chic und klassischer Eleganz eingerichteten ehemaligen Räumlichkeiten einer Seebadeanstalt seine Heimat gefunden hatte. Nach einer freundlichen Begrüßung und teilweise extravaganten, dabei aber immer wohlschmeckenden und perfekt austarierten Amuses, wurde uns das Menü „I Classici“ nebst Weinbegleitung serviert, welches folgenden Verlauf nahm:

    Orangen-Tapioka – Saiblingskaviar – Pfirsich

    Hartweizen-Schneckennudeln – Sardellen - gerösteter weißer Mais – Limette – Feigenblätter

    Risotto – Sellerie – Schwertmuscheln – Anis aus der Romagna

    Seebrasse – Honig – Jus aus konzentrierten Tomaten – Schalotten

    Geschmorte Rinderwange – Püree von La-Ratte-Kartoffeln

    Torta di Rose – Zitronen-Zabaione – Eis aus heimischer Milch

    Meine Kollegin, deren erstes Sternemahl dieses Essen darstellte und die im Vorfeld der Sternegastronomie (aufgrund vieler kursierender Vorurteile, die wir hier im Forum wohl alle aus unserem direkten Umfeld kennen…) ein wenig skeptisch gegenüberstand, war sich nach dem genossenen Menü sicher, noch niemals in ihrem Leben besser gespeist zu haben. Ganz so weit würde ich jetzt mit ein wenig mehr Erfahrung in diesem Bereich nicht gehen, aber auch ich war teilweise hingerissen von der hier gezeigten gastronomischen Gesamtperformance, die sich – passend zum vordergründig uneinheitlich, aber in seinem Zusammenspiel dennoch gelungen gestalteten Ambiente – auf der einen Seite aus klassischen Kreationen und auf der anderen Seite aus sehr modern interpretierten Kompositionen der lombardischen Küche zusammenfügte. Waren z.B. die (unglaublich mürbe) Rinderwange, die man mit einem Löffel hätte zerteilen können, sowie die Torta di Rose (die dazu gereichte Zabaione war zum Niederknien und wurde bis zum Grund des Töpfchens geleert…) eher auf der puristisch-klassischen Seite, waren die anderen Gerichte teilweise schon ein wenig fordernder, aber trotzdem (bis auf die auf Tapioka basierende, von der Textur her ein wenig indifferente Vorspeise, der ich nicht allzu viel abgewinnen konnte, aber ich bin nun auch wahrlich kein Tapioka-Verehrer…) immer hervorragend abgeschmeckt und kompositorisch rund.

    Die beiden Karten, die hier unorthodox und selbstbewusst kombiniert bzw. gespielt werden, also sowohl die klassische, als auch die innovative, ergeben ein homogenes Ganzes, das eine ganz eigene Handschrift trägt und sich von vielen Restaurants der Ein-Sterne-Kategorie, die ich bisher besucht habe, wohltuend abhebt! Der Stern ist wohlverdient, innerhalb der Gault-Millau-Skala würde ich die Küchenleistung zwischen 16 und 17 Punkten einordnen. Ob der seit einem halben Jahr andauernde Hype nun berechtigt ist, der ausbrach, nachdem das Restaurant dieses Jahr auf Platz 78 in die (ja aufgrund ihrer Subjektivität und nicht immer ganz transparenter Voting-Praktiken durchaus umstrittene) "Pellegrino-Liste" einstieg (immerhin nur einen Platz hinter dem legendären „Chef´s Table at Brooklyn Fare“ ) und den "Miele One To Watch Award 2019" einheimste, mögen andere entscheiden. Ich fand das Gesamtpaket aus vorbildlicher Gästebetreuung (vor allem auch durch den Restaurantchef und Bruder des Küchenchefs, der uns herzlichst verabschiedete), relaxter Stimmung bzw. entspannter Atmosphäre, einem günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis (80 Euro für das Menü, 40 Euro für die gut harmonierende Weinbegleitung) und last, but not least einer recht unverwechselbaren Küchenstylistik sehr überzeugend, sodass ich einen Besuch im „Lido 84“ jedem der hier Mitlesenden vorbehaltlos empfehlen würde, sollte er sich in der Gardaseeregion aufhalten und auf der Suche nach – auch wenn es sich widersprüchlich anhört – (ent)spannender Kulinarik sein!
    Zuletzt geändert von El Grande Gourmet; In den letzten 2 Wochen.
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