Ankündigung

Einklappen
Keine Ankündigung bisher.

Bilbao

Einklappen
X
 
  • Filter
  • Zeit
  • Anzeigen
Alles löschen
neue Beiträge

  • Bilbao

    In Bilbao war ich zum ersten Mal und sehr positiv überrascht. Das Guggenheim Museum und ein um das Museum herum aufgelegtes Investitonsprogramm haben offenbar aus einem hässlichen Entlein einen Schwan gemacht (den Vergleich kann ich nur anhand der Lektüre eines Buchs über Bilbao früher ziehen). Ich würde sagen, Bilbao (Geschäftsstadt) verhält sich zu San Sebastian (Lifestylestadt) in etwa wie Porto zu Lissabon oder Madrid zu Barcelona. Beeindruckend ist, wie elegant sowohl die Männer als auch die Frauen jeden Alters zu jeder Tageszeit aussehen. Insgesamt erinnerte mich Bilbao tatsächlich etwas an Porto - moderne Kulturarchitektur (Guggenheim Museum vs. Case de Musica in Porto), der Gegensatz zwischen dem Geschäftsviertel und der Altstadt (Casco Viejo in Bilbao, Ribeira in Porto) und eine sehr grüne Umgebung.

    Als wir ankamen, war gerade Aste Nagusia (Semana Grande), die drittgrößte Fiesta Spaniens nach Madrid und Sevilla. Diese ist erheblich weniger kommerzialisiert als die meisten Feste bei uns. Die kulinarischen Stände (meistens Getränke) werden von lokalen Vereinen aufgestellt und interessant gestaltet. Insbesondere für die Alten gibt es zahlreiche Konzerte und baskische Tänze (unglaublich ästhetisch). Die Bars sind den ganzen Tag lang voll. Jedermann trägt ein blaues Halstuch mit dem Dreieck nach hinten. Unser Hotel war Schauplatz der Fernseh- und Radioübertragungen zur Aste Nagusia. Die Lokalzeitung hat während der Aste Nagusia jeden Tag über 20 Seiten Berichterstattung nur zur Fiesta.

    Kein Wunder, dass wir für das eigentlich auserkorene Restaurante Nerua neben dem Guggenheim Museum keinen Tisch mehr reservieren konnten. Auf Zortziko und Etxanobe (beide *) hatte ich keine Lust. Sehr gerne wäre ich zu Andra Mari (ebenfalls *) gegangen. Die Aussicht auf der Website sieht phänomenal aus. Ohne Auto war es aber etwas kompliziert, dorthin zu gelangen.

    Mehr per Zufall (tagsüber dran vorbeigelaufen, für gut erkoren, gleich reserviert) sind wir dann im El Colmado Ibérico unweit der Gran Via in einer Seitenstraße gelandet, das sich als ein absoluter Glücksfall herausstellen sollte. Es hat uns hier so gut gefallen, dass wir bei den Überlegungen über das Essen vor der Rückreise das Nerua links liegen ließen, weil wir unbedingt noch mal zum El Colmado Ibérico wollten. Recht typisch für Lokale im Baskenland ist der Raum getrennt in einen Barbereich im vorderen Teil und ein durch einen Paravent abgetrennten Restaurantbereich hinten Richtung Küche. Auch über Pintxos hinaus wird jedoch im Barbereich das Essen aus dem Restaurant serviert. Eine Enoteca und eine Wurst- und Schinkentheke zum Außer-Haus-Verkauf findet sich auch noch in dem großen Raum.

    Gemütliche Atmosphäre muss man woanders suchen. Es ist ziemlich laut, es läuft (ohne Ton) ein Fernseher, auch im Restaurant-Bereich, und das Licht ist grell. Es gibt immerhin Stofftischdecken und -servietten, aber keine Kerzen. Die Weingläser sind ungewöhnlich – ohne Stiel – aber sehr dünnwandig, gut geformt und durchaus für den gehobenen Weingenuss geeignet und wohl auch konzipiert (ich glaube, das ist die "O" Serie von Riedel). Wirklich herausragend für ein Restaurant dieses Zuschnitts ist die Weinkarte mit einem Schwerpunkt auf Rioja und Ribera del Duero und sicherlich 100 Positionen aus diesen beiden Gebieten. Die Preise entsprechen in etwa den deutschen Ladenpreisen. Ein 1997 La Rioja Alta 904 Gran Reserva kostet z.B. knapp 32 Euro. Zahlreiche Crianzas sind für unter 15 Euro zu haben und kommen gut gekühlt (um die 15° C) aus dem Klimaschrank (die etwas weniger oft nachgefragten Flaschen leider etwas zu warm, bei geschätzten 20° C aus dem Lager). Schade dass ich mich mit Rioja so gut wie überhaupt nicht auskenne. Bei beiden Besuchen habe ich einfach blind eine Flasche gewählt von Erzeugern, die ich nicht kannte (La Rioja Alta, Lopez de Heredia, Muga, usw. kriegt man ja in Deutschland ganz gut). Beide waren aber sehr gut: ein 2007 Crianza von Dominio de Berzal und ein 2001 Reserva Especial von den Bodegas Campillo.

    Neben der Weinkarte gibt es einen Grund, warum man hier hin muss: das Ibérico Schwein. Für Freunde des Eichelschweins ist dieses Restaurant wirklich ein Eldorado. Bei unserem ersten Besuch starteten wir klassisch mit einem Teller Jamon Ibérico Puro de Belotta 5 Jotas des großen Herstellers Sánchez Romero Carvajal (36 Monate gereift). Der Schinken war – wie nicht anders zu erwarten – ungemein fein, fruchtig, nussig und elegant in der Nase und im Mund. Bei unserem zweiten Besuch haben wir eine gemischte Platte probiert mit dem gleichen Schinken und zusätzlich verschiedenen Joselito Produkten (Paleta aus der Schulter, Lomo, Salchichón, Chorizo und die unglaublich delikate Longaniza). Anschließend hatten wir noch in Olivenöl eingelegte grüne Paprika – ebenfalls von Referenzqualität – mit Belotta Schinken. Das Brot wird hier laufend frisch gebacken. Alles ist natürlich sehr einfach, aber von einer derart guten Qualität, dass man wirklich in andere Sphären gerät.

    Als Hauptgerichte stehen verschiedene Kabeljaugerichte, ein Côte de Boeuf und ansonsten um die 10 Ibérico Schwein Gerichte auf der Karte. Die Krönung, zu der ich Mademoiselle rocco allerdings nicht überreden konnte, ist ein Mix von verschiedenen Zuschnitten, die man sich a la Plancha am Tisch selber zubereitet. Das raucht leider etwas den Raum zu, roch aber von den Nebentischen rüber ungemein attraktiv und sah ebenso aus. Wir haben stattdessen verschiedene Stücke einzeln probiert, nämlich Secreto, Presa und Solomillo. Als Beilage gibt es zu allen Gerichten Fritten und Pimientos. Das Secreto aus dem El Colmado Ibérico ist für mich jedenfalls zum jetzigen Zeitpunkt die Referenz für Schwein und ließ sämtliche zuvor gegessenen Stücke vom Ibérico-Schwein weit hinter sich. Mehr als ein paar Krümel grobes Meersalz braucht man zur Würzung nicht, auch keine Sauce. Das Fleisch hat für sich schon so einen vielschichtigen Eigengeschmack, dass ich mir kaum eine Würzung oder Sauce vorstellen kann, die dem noch etwas hinzufügen kann (gibt es sicher trotzdem, ich werde mich dann zu gegebener Zeit revidieren ).

    Die Desserts sind nicht der Rede wert. Wir haben eine Patisserie aus Bilbao probiert (Canutillo de Bilbao), ein mit Vanillecrème gefülltes knuspriges Hörnchen. Weiter haben wir Mandarinensorbet mit Cava probiert, das uns erheblich besser gefallen hat. Sehr gut ist der Idiazábal Käse, ein Schafskäse aus der Region Gipuzkoa, nicht unähnlich einem Pur Brebis aus dem französischen Baskenland oder einem AOC Ossau-Iraty Pur Brebis, der in Bilbao mit Walnüssen und Quittenbrot serviert wird.

    Das Restaurant klingt vielleicht etwas banal. Aus meiner Sicht ist es aber in Bilbao fast schon ein Pflichtbesuch, nicht nur um die typische geschäftige Atmosphäre mitzunehmen, sondern v.a. wegen des Ibérico-Schweins und der Weinkarte.

  • #2
    Zitat von rocco Beitrag anzeigen
    Das Restaurant klingt vielleicht etwas banal.
    Banal?

    Mein lieber Rocco, wenn das banal ist, dann bin ich eine Mademoiselle...
    Oder so ähnlich.

    Kommentar


    • #3
      Ein toller Tipp!
      Danke.


      Gruß!

      Kommentar


      • #4
        Danke, auch wenn ich anderswo war macht ihr Bericht gerade großes Kopfkino.

        Schnecke

        Kommentar


        • #5
          Zitat von glauer Beitrag anzeigen
          Banal?

          Mein lieber Rocco, wenn das banal ist, dann bin ich eine Mademoiselle...
          Oder so ähnlich.
          Leider fehlt mir die Schlagfertigkeit des Schlaraffenlandes. Sonst hätte ich glatt eine lustige Antwort parat .

          Zitat von schnecke
          Danke, auch wenn ich anderswo war macht ihr Bericht gerade großes Kopfkino.
          Werte Schnecke, wo waren Sie denn in Bilbao unterwegs? Waren Sie (oder auch jemand anders) zufällig im Nerua? Mich würde wirklich brennend interessieren, was ich verpasst habe.

          Ein Nachtrag vielleicht noch zu Bilbao: Pintxos essen kann man hier auch an jeder Ecke gut. Eine auch von Reiseführern empfohlene Bar ist die Bar Gatz im Casco Viejo. Die Pintxos fand ich gut, aber nicht herausragend. Offenbar ebenfalls ein Klassiker ist die Bar El Globo nahe der Gran Via (sehr belebt, gute Weinauswahl, toller Txangurro Pintxo). Der Ultra-Klassiker dürfte das Café Iruna sein. Hier haben wir einmal mittags gegessen und waren noch zwei Mal für einen Apéritif da. Das Café gehört für mich zu den schönsten und stimmungsvollsten bisher besuchten Cafés. Das Essen ist zwar sehr minimalistisch (Fisch und Sauce), aber wirklich gut zubereitet. Der Merluzza (Seehecht) wird mit gulas (Miniaalen) und salsa verde serviert, der Bacalao mit einer angenehm fruchtigen salsa vizkaiana. Am Abend gibt es hier auch mal kleine Stände in der Bar, wo gulas serviert werden oder kleine Ibérico-Spieße gegrillt werden. Bitoque (ganz in der Nähe vom Café Iruna) hat Pintxos mit mehr Espumas, Airs, usw., konnte mich aber nicht wirklich überzeugen. Zahllose weitere, wahrscheinlich richtig gute Bars haben wir nicht besucht. 3, 4 Tage sind am Ende doch recht wenig.
          Zuletzt geändert von rocco; 05.09.2011, 22:06.

          Kommentar


          • #6
            Wir haben einen Abend im Etxanobe (die Erinnerung sagt gut) gegessen, waren im Guggenheim sind ansonsten durchs Rioja nach Santiago de Compostela.

            Schnecke

            Kommentar

            Lädt...
            X