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El Celler de Can Roca, Girona

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  • #16
    Unsere Barcelona/Griona-Reise beginnt mit etwas Verzögerung. Am Frankfurter Flughafen bewegt sich am Abreisetag wenig, Generalstreik in Frankreich – will man im Gourmet-Mutterland verhindern, dass wir nach unserer Paris-Reise genau prüfen können, ob Spanien Frankreich auf den Fersen ist?
    Wir überlegen bereits, ob wir, für den Fall der Ausgabe von Hotelgutscheinen, schon mal die Verfügbarkeit von Tischen im Lafleur prüfen sollen, oder ob eine Bahnverbindung eine Anreise für den Lunch am Folgetag möglich macht - geht in der Tat: mit einem Umstieg in Avignon (acht Stunden Aufenthalt). Da wir dann genau 30 Minuten vor dem geplanten Beginn des Lunchs im El Celler de can Roca ankommen würden, merken die Damen der Gruppe an, dass es doch etwas knapp wäre, sich frisch zu machen. Die Überlegungen sind noch nicht abgeschlossen, da lässt der Pilot schon mal auf Verdacht einsteigen, damit er den nächsten freien Slot über Frankreich bekommt, was ihm dann auch gelingt.
    Die Maschine hebt mit gut zwei Stunden Verspätung am. Dann wird es am Flughafen nochmal spannend: die Koffer wollen zunächst nicht kommen, aber nachdem sich ca. 20 Minuten nichts tut, setzt sich das Band doch wieder in Bewegung und auch unsere Koffer sind vefügbar. Dann werden wir von einem bereits angereiten Teil der Gruppe und Hannes Buchner empfangen. Mit dem Gourmet-Club-Mobil und einem weiteren Mietwagen geht es dann nach Girona.

    Am Abend erleben wir eine Unabhängigkeitsdemo in der wunderbaren Altstadt – immerhin war der Puigdemont dort mal Bürgermeister. Entsprechend enttäuscht reagiert die Masse, als er in seiner Rede die Unabhängigkeit nicht ausruft. Wir haben uns vorher Plätze in einer Studentenkneipe mit baskisch geprägtem Angebot gesichert. Die Pintxos sind gut, aber die Miesmuscheln haben Ausnahmequalität. Seidig und aromatisch schmecken sie.


    So viel zur Einstimmung – der Höhepunkt der Reise sollte schon das erste Dinner sein – jedenfalls war es im El Celler de Can Roca am schwierigsten, den Tisch zu bekommen. Als diese Reservierung stand, hat Hannes Buchner die übrigen Termine für die Reise geplant. Uns sollte es ja schließlich nicht so gehen wie zwei Asiaten, die mit uns im Garten vor dem El Celler warten. Während wir zu unserem Tisch gehen konnten, verblieben sie dort, in der Hoffnung, das irgendwelche Gäste nicht erscheinen. Leider hatten die Herren kein Glück… Wir werden zunächst in die Küche geführt, bevor wir dann an einer Tafel Platz nehmen dürfen, die gerade so für die gesamte Gruppe reicht
    .

    Das Celler de Can Roca ist ein interessant gestaltetes Anwesen. In einem älteren Gebäudeteil ist die Küche untergebracht. Daran schließt sich ein in Dreiecksform gestaltetes Restaurant an. Im Innenhof und rundherum stehen Bäume. Durch die Glaswände entsteht der Eindruck, als säße man in einem Park oder gar Wald – gerade zur Mittagsstunde ist das ein gemütliches, lichtes Ambiente.



    Das Menü beginnt mit einem kleinen Spiel: Für The World wird für jeden von uns ein Globus serviert, unter dem dünne Metallärmchen angebracht sind, die sich bewegen lassen, was noch eine besondere Rolle spielen wird. An deren Ende befinden sich kleine Schalen, in denen die ersten Amuse Gueules liegen, die wie Monde um die Erde kreisen. Die Amuses sollen vier typische Gerichte aus vier Ländern repräsentieren. Am Ende gilt es zu erraten, welcher der kleinen Happen für die japanische Küche stehen soll.



    Lamb, Yourt, Cucumber, onions with mint schmeckt wie hochwertigster Döner und ist die für meinen Geschmack typischste Darstellung einer Landesküche in dem Reigen. Von der peruanischen Küche inspiriert ist „Causa limena“, das schön nach Kartoffel schmeckt und eine leichte Schärfe hat. Korea ist auch mi dabei und zwar mit pano fried bread, bacon with soya sauce, kimchi and sesame oil. Es ist aber nur dezent vom Kimichi-Kohl geprägt und auch lecker. Am wenigsten typisch empfinde ich beiden letzten Happen, von denen es zu erraten gilt, welcher Japan repräsentiert. Thailand: thai chicken, coriander coconut, curry and lime und Japan: miso cream with nyinyonyaki.

    Wenn die Entscheidung getroffen ist, soll man den Draht der das japanische Amuse gehalten hat in eine bestimmte Stellung schieben. In dem Moment springt der Globus mit einem Klack auf. Im „Erdinneren“ befindet sich eine aus Meerwasser (bzw. Austernwasse) gelierte Kugel mit etwas Forellenkaviar, die aber geschmacklich kein Highlight ist.



    Als nächstes wird eine, zwei Drittel der Platzteller einnehmende Pappe auf diesen gelegt und aufgeklappt. Es erscheint eine Illustration, die die alte Bar der Roca-Familie darstellen soll und mit Jugendfotos der drei Brüder ergänzt ist. Nach der großen Welt geht es nun also um das Zu Hause und die Küche Kataloniens. Ein Campari Bonbon als Erinnerung an die Bar in den Vororten von Giorna, Montse’s Meat Cannellono, ein intensives Pigeon Bonbon, Breaded Squid (besonders lecker), Kidney with Sherry – alle diese Kleinigkeiten sind sehr geschmackvoll, um nicht zu sagen deutlich besser als die vorherige Weltreise - und witzig ist die Präsentation obendrein.



    Die verspielten Variationen sind die einzigen „Zirkuseinlagen“ des Lunchs, die folgenden Kreationen sind alle ernsthaft, teilweise sogar fordernd, zeigen aber gleich, wie diese Küche angelegt ist: weltoffen und der spanischen Heimatküche verbunden.

    Starfish, also ein Seestern, ist ein feines, würziges Gebäck zu der dazu gereichten „Installation“ – Coral: escabeche mussels, Pesto razor Clam – sensationelle Textur und tollerer mediterraner, typischer Pestogeschmack kennzeichnen die beiden Löffel.


    Green Olive’s ice cream ist eine nicht allzu kalte Creme aus Olive(nöl), die von einer festen „Schale“umgeben ist. Es schmeckt intensiver als eine normale Olive und eher nach Olivenöl. Sehr gelungen.



    Truffeld bonbon und truffeld Brioche werden gemeinsam serviert. Das Bonbon hat einen sehr intensiven Trüffelgeschmack – in etwa so intensiv, wie dieses scheußliche Trüffelöl, nur dass es hier eben wirklich nach gutem Trüffel schmeckt. Die Brioche wir mit einer Mayonnaise neutralisiert.


    Consommé gelée of red mullet ist eine marinierte Rotbarbe, die mit Kombu, Safran, gegrilltem schwarzen Knoblauch, Tomaten und Fenchel aromatisiert ist. Die gelierte Consomée schmeckt sehr intensiv und leicht bitter. Die weiteren Aromen sind eher Randerscheinungen, nur der Knoblauch setzt noch mal weitere Akzente.



    Eine bittere Note wird sich nun durch die weiteren Fischgänge ziehen. Das macht sie durchaus etwas fordernder und führt auch dazu, dass nicht bei jedem bei uns die volle Begeisterung über die einzelnen Gänge ausbricht. Aber es ist ein roter Faden, der darüber hinaus dazu beiträgt, dass bei einem überaus umfangreichen Menü (Beginn 12.30 Uhr, Ende 17 Uhr, ohne größere Wartezeiten), zumindest bei mir nie die Lust am Essen aufhört. Aber es nimmt vielleicht auch an der ein oder anderen Stelle manchem Produkt die Brillanz…

    Oyster, fennel sauce, black garlic, apple, seaweed, mushrooms, distilled erth and sea anemone zeigt eine in fünf Teile geschnittene Auster mit fünf Aromen, die von vorn nach hinten immer kräftiger werden. Die Fenchel-Sauce und der Knoblauch (Bitterelement) geben dem Ganzen einen gelungenen Rahmen – auch wenn ich es bevorzugt hätte, das der pure Austerngeschmack stärker wahrnehmbar wäre.



    Langoustine with , vanilla oil and toasted butter – ist fein konstruiert, aber nicht besonders ungewöhnlich. Die Langoustine ist mariniert und von guter Qualität. Lecker, man erinnert sich nicht ewig daran.


    Mackerel with tempeh of „gaxnet“ beans ist deutlich fordernder bzw. ungewöhnlicher. Die fermentierte Bohne (nach Art der Sojabohne) ist in vier verschiedenen Reifestadien auf dem Teller. Die wirklich kleinen Makrelen-Stücke verhindern, dass das Fisch im Vordergrund steht. Es geht in dem Gericht eher um die fermentierten Bohnen. Aromatisch interessant, aber schon etwas speziell – muss man mögen (oder auch nicht), aber interessant ist der Gang auf jeden Fall.


    Prawn marinated with a rice vinegar – Prawn’s head sauce, crispy prawn legs an seaweed veloute zeigt wie geschmacksintensiv selbst die Antennen der Garnele sein können. Sie sind knusprig und haben ebenso wie die Sauce einen starken Garnelengeschmack. Auch hier ist wieder ein Tick Bitterkeit dabei. Insgesamt hat mir das Gericht sehr gut gefallen, auch wenn das Garnelenfleisch ruhig ein bischen wärmer hätte sein können. Aber es zeigt, wie viel Geschmack in einer Garnele steckt und, dass der Genuss keinesfalls nur auf den Schwanz begrenzt werden sollte.


    Cuttlefish with sake lees and black rice sauce. Der Tintenfisch ist von sehr guter Qualität und hat einen schönen Geschmack. Hier hat die Sauce ein volles, aber wieder mit leichten Bitterstoffen „abgerundetes“ Aroma. Leider ist sie von diesem Teller nicht so einfach abzukratzen


    Turbot with vegetables fermented in brine. Bei diesem Gang geht für mich das Fermentieren. Er nimmt die damit einhergehenden “strengen” Aromen bislang am stimmigsten auf. Der Steinbutt ist sehr gut, die Sauce vollmundig und cremig, ohne die kleinen sehr sauren Gemüse wäre das eine klassische Kombination. Mit dem Gemüse bekommt es den Twist, den es auf die Linie der vorherigen Gerichte bringt, gleichzeitig aber einen schönen Genussmoment ermöglicht und weniger verkopft wirkt, als etwa die Makrele.


    Duck with corn and figs ist der erste, allerdings kalte, Fleischgang. Der Mais, die Feige und die Sauce passen gut zusammen.


    Iberian suckling pig with salad of green papaya, Thai grapefruit, apple, coriander, chilli-peper, lime and cashew gefällt mir ausnehmend gut. Das Stück Schweinebauch könnte gut und gerne etwas größer sein. auch im Verhältnis zur Kruste. Es ist ehr aromatisch und hat eine schöne Fetttextur und eine extrem leckere, knusprige Kruste. Die frischen Aromen dazu sind puristisch und passend und sind somit ein optimales Gegenstück zum Fett. Die Brücke bildete die Nusscreme mit etwas Süße und Schärfe. Es ergibt sich so ein komplettes und hochklassiges puristisches Gericht.


    Charcoal-grilled lamb consommé, lambs tongue, vinaigrette and lamb scratching with lamb brain und tripe knüpft qualitativ nahtlos an. Die Deklinationen der Innereien und verschiedenen Lamm-Teile sind– etwas nachteilig für das Foto – in einzelnen Schalen auf einem welligen Teller angerichtet. Alle Zubereitungen sind so aromatisiert, dass der pure Fleisch- bzw Lammgeschmack voll zur Geltung kommt.


    Squab civet and its parfait kommt bei uns mit eher lauer Temperatur auf den Tisch. Sicher ist es gewünscht, dass der Gang nicht richtig heißt ist, aber so kühl hätte meines Erachtens vor allem die Brust nicht sein sollen – auch die Teller sind kühl, so dass mir nicht klar war, ob das seitens der Küche so gewünscht ist, oder ein Fehler vorliegt. Das Fleisch schmeckt gut und mit dem Parfait kommt auch hier wieder ein klarer Fleischgeschmack dazu. Aber wenn das so gewollt ist, ist dies doch ein zwar eher schmackhafter, aber auch etwas simpler Gang.


    The plant, from roots to flowers distilate of sand, tomato leaf, cucumber, chartreuse, red fruit, melon orange, blossom and violett ist eine schöne Deklination von kühlen Zubereitungen, die der Erfrischung dienen soll. Vor allem das florale Aroma bleibt lange im Mund stehen. Die Idee dahinter ist es, mit allen Aromen eines Baums von den Wurzeln bis zur Blüte zu arbeiten. Das ist durchaus geschmacklich erkennbar. Auf dem Bild ist der Baum - der besseren Optik wegen - aber von der Blüte zur Wurzel zu sehen.


    Pine wood, ice cream of pine honey, thyme, rosemary and oregano ist klar vom Pinienaroma geprägt und hat eine angenehme, dezente Honig-Süße, aber auch ein deutliches Bitteraroma. Für mich ein gutes, eher ungewöhnliches Dessert.


    Old book, puffed pastry of butter cookies, cream and darjeeling soll tatsächlich so was wie Staub und altes Papier in Dessertform bringen. Durch das Teearoma, gelingt diese Assoziation auch auf der Zunge. Optisch wird sie mit Esspapierseiten 'rübergebracht. Auch hier ist die Süße nicht allzu groß, das Aroma aber durchaus vollmundig.


    Zum Schluss gab es noch eine Auswahl vom reichlich bestückten Petit Four-Wagen im Kirmes Design.



    Die Fisch- und Seafood-Gerichte fand ich insgesamt gut, aber ein echtes Highlight fehlte für mich. Zu sehr zog sich Linie der Bitter- und Säuretöne infolge von Fermentierung durch die Gänge. Die Fleisch-Sektion des Menüs hat mir wesentlich besser gefallen, teilweise sogar begeistert, auch wenn vielleicht wir bei der Taube und der Ente nicht die meiner Meinung nach notwendige Temperierung auf dem Teller bekommen hatten. Die Desserts sind ungewöhnlich im Geschmack, aber nicht hyperkomplex in den Aromenkombinationen und machen somit Spaß. Aber man muss eines im Auge behalten: das Menü ist äußerst lang. Wir saßen von 12.30 Uhr bis gegen 17 Uhr im Restaurant, aber durch diese Aromen verspürte ich nur ein leichtes, angenehmes Sättigungsgefühl. So ist für mich die Menügestaltung der beste Teil des Menüs.

    Perfekt war die Dramaturgie und der Spannungsbogen über die vielen Menüpositionen. Viele Gänge waren – durchaus überraschend für die spanische Küche – recht ernsthaft. Vieles war sehr gut, aber fehlte das absolute Highlight, dass ein großartiges Menü unvergesslich macht.

    Wir wählten einige Flaschen aus der sehr umfangreichen Weinkarte – tranken einige Flaschen Belondrade & Lurton 2015, sowie zwei Clos Modador (2010 sehr gut, 2012 etwas unreif). Alle Flaschen der Weinkarte schienen uns günstig kalkuliert. Bemerkenswert ist übrigens die Rieslingauswahl namhafter Erzeuger und teilweise auch nicht nur junge Jahrgänge zu Preisen, die deutlich unter denen in deutschen Top-Restaurants liegen.

    Am Abend war ich ich nochmal in der wunderbaren Altstadt unterwegs, samt sehr schönem Sonnenlicht bzw. Untergang.
    Zuletzt geändert von QWERTZ; vor einer Woche.

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    • #17
      puh - da hatte ich etwas mit den Bildformaten zu kämpfen, auch ich muss mich noch auf die neue Forumssoftware einstellen. Nun ist der Bericht aber komplett...

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