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Hibiscus**, London

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  • rocco
    antwortet
    Zitat von merlan Beitrag anzeigen
    Das habe ich sehr gerne gelesen, was Sie da über das Hibiscus geschrieben haben ,lieber rocco! Bei der Beschreibung des Gegessenen fühlte ich mich sehr an unsere Eindrücke von vor drei Jahren erinnert. Den Service dagegen erlebten wir damals allerdings völlig anders. Da wir der englischen Sprache nicht perfekt mächtig sind, "spielte" der Oberkellner des Öfteren auf sehr charmante Weise mit uns. Und was die Ansage zum Wein angeht, haben wir die von Ihnen erlebten Übertreibungen nicht beobachtet; wir hatten allerdings auch keine Weinbegleitung, und zu einem Meursault kann man so viel auch nicht erzählen.
    Ich habe mir gerade noch einmal Ihren Bericht zu dem Restaurant angeschaut. Wir hatten ja ein relativ ähnliches Menü (ein Gang à la grenobloise, eine Vin Jaune Sauce, Krebs mit fruchtigem Gelée). Ihrem plastischen Bericht von damals nach zu urteilen hat sich an der Küche seit 2013 nicht viel verändert. Der Sommelier mit den langen Erklärungen zu den Weinen ist erst seit September 2015 da. Insofern konnten Sie damals nicht das Vergnügen mit ihm haben. Und ich denke, mit einer Flasche Meursault zum Essen haben Sie damals einfach alles richtig gemacht!

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  • merlan
    antwortet
    Das habe ich sehr gerne gelesen, was Sie da über das Hibiscus geschrieben haben ,lieber rocco! Bei der Beschreibung des Gegessenen fühlte ich mich sehr an unsere Eindrücke von vor drei Jahren erinnert. Den Service dagegen erlebten wir damals allerdings völlig anders. Da wir der englischen Sprache nicht perfekt mächtig sind, "spielte" der Oberkellner des Öfteren auf sehr charmante Weise mit uns. Und was die Ansage zum Wein angeht, haben wir die von Ihnen erlebten Übertreibungen nicht beobachtet; wir hatten allerdings auch keine Weinbegleitung, und zu einem Meursault kann man so viel auch nicht erzählen.

    Schönen Gruß, Merlan

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  • rocco
    antwortet
    Ich war jetzt auch mal im Hibiscus und fand es etwas schwächer, als ich mir es vorgestellt hatte, was vor allem an einem etwas problematischen Service und der Weinauswahl lag. Dazu gleich mehr.

    Sehr positiv sei erst einmal zu erwähnen, dass es eine Apéritifkarte gibt bzw. man die Weinkarte als erstes in die Hand gedrückt bekommt. Man kann natürlich Champagner trinken, aber was läge näher, als in England Sherry zu trinken, vor allem, wenn ein Sherry von den Equipos Navazos auf der Karte steht (hier Manzanilla No. 42)? Der Sherry war toll, diese Equipos Navazos Sherries immer ein Erlebnis. Die Snacks zum Sherry waren auch gut, ein Gougères mit Parmesanstaub, irgendwas mit Foie Gras, das Hibiscussorbet und Nüsschen.

    Es gibt zwei Menüs zur Auwahl: das Klassikermenü und ein Überraschungsmenü. Uns war eher nach dem Klassikermenü. Da in der guten Weinkarte die guten Flaschen schnell ins Geld gehen und das Hibiscus einen guten Ruf in Bezug auf Naturweine, Orangeweine, etc. hat, entschieden wir uns für die Weinbegleitung, was sich als Fehler herausstellen sollte.

    Als Amuse Bouche nach den Snacks gab es etwas mit Erbsen, sehr erfrischend und gut gemacht. Dazu gleich den ersten Wein, bei dem wir allerdings dachten, dass er auch der Wein für den ersten richtigen Gang sein würde, so dass wir etwas verwirrt waren, als sogleich noch ein Glas auf den Tisch kam. Nun denn, der Wein war ein 2013 Pouilly-Fumé La Levée von Alexandre Bain, der die gleiche Farbe wie der Sherry hatte (bräunlich). Naturwein hin oder her, das geht besser. Der Wein war frischer als er aussah, wirkte aber sehr grobkörnig und unfein.

    Devonshire Crab, Yorkshire Rhubarb, Cardamom, Cucumber: ein guter Beginn, subtil im Geschmack, nicht zu sauer, der Kardamom hätte noch etwas prägnanter im Gesamtgefüge sein können. Als Wein dazu gab es einen 2012 Chablis Clos de Beru vom Château de Beru, ein sehr gelungener und typischer Chablis, jahrgangsbedingt etwas üppiger, aber gerade zu dem Gericht eine sehr gute Wahl.

    Green Asparagus, Smoked Hay Hollandaise, Hazelnut, Orange: das war der beste Gang des Menüs, ein toller grüner Spargel aus Südengland und eine großartige Begleitung dazu, die Räuchernoten dezent genug, alles in hervorragender Harmonie. Auch hier war die Weinauswahl noch ganz gut. Serviert wurde ein 2013 Anjou Blanc "Ephata" von der Domaine Clos de l'Elu, ein Chenin Blanc aus der Amphore. Wieder eine Sherry-Farbe, durchaus rebsortentypisch, wenn auch insgesamt etwas urwüchsig, unfein und auch unsauber. Trotzdem nicht schlecht.

    Sole à la Grenobloise: der Gang war aus meiner Sicht nur mittelmäßig gelungen. Das lag nicht an der Seezunge, die von hervorragender Qualität war und punktgenau gegart. Das lag eher daran, dass größere Mengen eines störrischen Schaums mit wenig Geschmack auf dem gesamten Gericht thronten und erst einmal weggelöffelt werden mussten, um den Rest des Gerichts zu genießen. Das lag zum anderen daran, dass unter der Seezunge noch eine Art stückiges Kartoffelpüree lag, das nicht recht zum Rest passen wollte. Auch die Grenobloise habe ich schon besser gegessen (hier fritierte Kapern und wenig Zitrone). So passierte (bei mir und meiner Begleitung), was ich in Gourmetrestaurants eigentlich vermeiden will - erst einmal alles Störende aufessen, damit am Ende noch der gute Teil (die Seezunge) bleibt. Ein Fehlgriff zu dem Gericht war der Wein, ein Vin de France La Maceration du Soula No. 13 von Le Soula. Die Weißweine von Le Soula kenne ich und schätze ich sehr. Dieser Orangewein aus Macabeu und noch weiteren Rebsorten war aber so, wie Orange Weine häufig sind: teeig spröde, tanninstark (tanninstärker als viele Rotweine), etwas grob. M.E. hätte man hierzu gut einen Weißwein von Le Soula servieren können, aber das scheint ambitionierten Sommeliers von heute zu pofelig zu sein.

    Frogs' Legs, Morels, Vin Jaune Sauce: Eine Variante des Poulet au Vin Jaune mit Froschschenkeln, gut gelungen mit einer sehr intensiven Vin Jaune Sauce. Wirklich köstlich. Nur der Wein war hier mal wieder eine Katastrophe. Ein Château Lassolle - 2010 Vin de France "Triple S" aus den Côtes du Marmandais bei Bordeaux, Sauvignon Blanc und Gris mit Semillon und Muscadelle, unsauber, schwammig, leicht brandig, völlig neben sich stehend. An dieser Stelle sprach ich den Sommelier, der eh mit weit ausholenden und langatmigen Erklärungen zu den Weinen und was man sich dabei gedacht habe, nervte, auf die Weinbegleitung an und sagte, dass ich die Auswahl zu den beiden letzten Gängen nicht gelungen finde und warum. Ich fragte auch, warum man zu den Froschschenkeln nicht einfach klassisch einen Savagnin aus dem Jura serviere. Die Antwort: zu langweilig, damit rechnet jeder, ausgelutscht. Eigentlich habe man ja einen anderen Wein im Kopf gehabt, der dann auch mit einer langatmigen Erklärung (Kultwinzer, schwefelfrei, seltene Rebsorte, nur xxx Flaschen, etc.) eingeschenkt wurde. Es war ein 2010 Vin de France "Savasol" von Julien Courtois, ein Menu Pineau von der Loire, der unter Florschicht mehrere Jahre ausgebaut wurde. Der roch penetrant nach Nagellackentferner und wurde von uns gleich brüsk abgelehnt, ohne ihn zu probieren (wer will schon Nagellackentferner in den Mund nehmen?). Der Sommelier war jetzt beleidigt und hatte den Rest des Abends sichtlich Mühe, noch die Fassung zu bewahren, was ihm aber immerhin gelang.

    Chicken & Tamarind: ein gutes Gericht, allerdings ohne den ganz großen Reiz. Auch der Wein hierzu war wieder besser. Es war ein Pinot Noir aus Oregon - Montebruno - 2011 Pinot Noir Crawford Beck Vineyard - der auch gut zum Essen passte.

    Gariguette Strawberry, Lemon Verbena Pannacotta: ein Prédessert, sehr erfrischend.

    Chocolate, Indonesian Basil: die Schokolade mit einem Roy Lichtenstein artigen Comic oben drauf. Ein klassisches Schokoladendessert, gut umgesetzt. Der Wein dazu war erneut nicht wirklich gut. Es war ein Domaine de Trapadis - Rasteau Grenat Vin Doux Naturel von der Rhône. Auch dieser Wein roch penetrant nach Lösungsmittel, worunter sich immerhin eine passable Frucht versteckte, so dass der Wein trinkbar war.

    Fazit: es war schon ein guter Abend, allerdings mit ein paar Problemen. Zum einen muss man m.E. nicht zu jedem Wein fünf Minuten was erzählen, gerade wenn der Sommelier sieht, dass sich die Gäste unterhalten. Auf Nachfrage kann man das ja gerne machen, aber das stoisch den ganzen Abend durchzuziehen, hat etwas Autistisches. Das Essen wirkte auf mich wie ein guter Mix aus klassischer französischer Küche, angereichert durch diverse Elemente der englischen bzw. Kolonialküche. Das hat definitiv was und war auch gut umgesetzt. Was allerdings auch bleibt, ist für mich ein generelles Problem mit ambitionierten Sommeliers. Die Weinkarte im Hibiscus wurde zusammengestellt und wird beraten durch Isabelle Legeron, MW, die die Veranstalterin der Raw Fair ist und sich aus meiner Sicht dem Naturwein in einer Art und Weise verschrieben hat, die nicht mehr genug an den "normalen" Gast denkt, dem es sch...egal ist, ob von einer Flasche Wein 300 oder 30.000 Flaschen erzeugt werden und ob von der Rebsorte Menu Pineau weltweit noch 30 ha oder 3.000 ha im Ertrag stehen. Bei der Weinauswahl schien es vor allem darum zu gehen, sich individualistisch und abseits der Norm zu präsentieren. Und zwar in einer so radikalen Weise, dass selbst ein oxidativer Savagnin aus dem Jura zu einem klassischen Jura-Gericht zu "normal" und ausgetreten ist. Wo bleibt da der Gast? Das ist für mich ein Egotrip.

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  • merlan
    antwortet
    Wären es nicht zwei Männer gewesen, die am Nebentisch saßen, hätte es auch das von Ihnen so trefflich beschriebene Pärchen sein können, werter El Grande Gourmet! Aber man weiß ja nie!

    Auch im Übrigen sprechen Sie mir sehr aus dem Herzen!

    Schönen Gruß, Merlan

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  • El Grande Gourmet
    antwortet
    Werter merlan,

    chinesische Gastro-Touristen, welche sich den gesamten Abend durch ein gesamtes Menü fotografieren, scheinen in der Londoner Top-Gastronomie keine Seltenheit zu sein: Als meine Gattin und ich letztes Jahr im "Ledbury" speisten, saß am Nebentisch ein chinesisches Pärchen, welches wirklich jeden einzelnen Gang (damit meine ich auch das Brot vorweg sowie die Petit fours zum Abschluss) aus allen erdenklichen Perspektiven aufnahm. Der Clou an der Geschichte war, dass beide sich während der Menüabfolge eigentlich nur die Fotos ansahen und lautstark über die genialen Schnappschüsse diskutierten, während der Genuss des Essens selber eher weniger Begeisterung auszulösen schien, denn nachdem jeder Gang fotografiert worden war, aß man jeweils ein paar Bissen davon und ließ den Großteil des Gerichtes wieder in die Küche zurückgehen. Das Event des Fotografierens bzw. das Verschicken und Posten der Aufnahmen schien dem Paar wesentlich mehr Spaß zu bereiten als das Goutieren der Speisen; ein Verhalten, was meine Frau und ich zwar unterhaltsam, aber gleichzeitig auch sehr befremdlich fanden, treibt es doch die zur Zeit herrschende Kultur, aus allem und jedem ein oberflächliches Event zu machen, welches per Handy oder Facebook sofort in die Welt herausposaunt werden muss, auf die Spitze! Mit einem intimen Restaurantbesuch zu zweit, bei dem der Genuss im Vordergrund steht und der einem alleine gehört (und an dem man nicht gleichzeitig 300 andere Facebook-User oder Bekannte teilhaben lässt), hat dies nicht mehr allzu viel zu tun!
    Zuletzt geändert von El Grande Gourmet; 30.07.2013, 14:42.

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  • merlan
    antwortet
    Zitat von Mohnkalb Beitrag anzeigen
    Ach, und das Wetter?
    Natürlich wie bestellt! Bin braun geworden bei angenehmen 25 Grad. Bei so viel Dusel haben wir in Westminster Abbey auch zwei Kerzen angemacht, getreu dem rheinischen Motto:" Wer weiß, wofür et joot is!"

    Zitat von Schink Beitrag anzeigen
    Haben es dann wenigstens die Petit fours zum Schluß nochmals krachen lassen ?
    Überhaupt nicht! Ich erinnere mich schon gar nicht mehr, ob es überhaupt welche gab; aber das lag vielleicht an unserer weinseligen Stimmung.

    Zitat von rocco Beitrag anzeigen
    ... mich hatte vor allem die Weinkarte gereizt, die ich gerade noch einmal überflogen habe.
    Die Weinkarte ist in der Tat reizvoll, wenn auch sehr französisch-lastig; aber das ist bei einem französischen Koch ja auch in Ordnung so.

    Schönen Gruß, Merlan

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  • rocco
    antwortet
    Vielen Dank für Ihren Bericht. Das Menu hört sich wirklich gut an, vor allem die Strandschnecken und der Melonen-/Krebs-Gang.

    Wir wären vor 2 1/2 Jahren auch beinahe dorthin gegangen, mich hatte vor allem die Weinkarte gereizt, die ich gerade noch einmal überflogen habe. Wenn ich Weinkarten von Restaurants in London lese, werde ich immer ganz neidisch. Halbwegs vernünftige Preise (London ist schließlich keine ganz günstige Stadt), mutig, innovativ, mehr auf Inhalt als auf Etikett aus. Ein bisschen "The Grass is always greener..." ist bei der folgenden Einschätzung sicher dabei, aber in Sachen Weinkarten haben deutsche Sternerestaurants mit ein paar Ausnahmen nach meinem Empfinden noch Luft nach oben.

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  • Schlaraffenland
    antwortet
    und PS 2:
    die 797 Seiten Ackroyds sind dafür sehr kurzweilig geschrieben. Was das Londoner Englisch betrifft, zitiert er z.B. W.Matthews: "Nach Möglichkeit meidet der Cockney Lippen- und Unterkieferbewegungen." Später heißt es dann:
    Eine der lustigsten Ableitungen von "Cockney" führt auf coquina, das lateinische Wort für Kochkunst. Man sah in London einst eine riesige Küche und den Ort einer reichlichen und guten Kost. So wurde es zum "Cockaigne", zum Schlaraffenland ...

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  • Mohnkalb
    antwortet
    Zitat von merlan Beitrag anzeigen
    Links von uns zwei junge Engländer im T-Shirt mit nur einem Smartphone... rechts zwei hemdsärmelige junge Chinesen mit zwei Smartphones ... Wie soll er auch einem unwissenden deutschen Menschen „Cornish Winkles“ erklären? So mundeten uns die „Schwammerln in Rahm“ und wurden erst im Hotel mittels Wörterbuch als solche „mit Strandschnecken“ geoutet. Hätte meine Frau es vorher gewusst, sie hätte es nie und nimmer gegessen! Aber so war´s ganz lecker…!
    Das lese ich mal mit Augenzwinkern als ein Argument für null Smartphones am Tisch. Den kleinen Rest von Reue über die gegessenen Kleintiere hätten Sie sich auch noch ersparen können, wäre nicht die Welt der Wörterbücher und Enzyklopädien so unwiderstehlich. Kleiner Trost: Meistens schmeckt es ja doch besser, wenn man über das Aufgetischte Bescheid weiß. Ein ziemlich toller Bericht, lieber Merlan. Es kommt mir fast so vor, als hätte ich mit am Tisch gesessen. Vielen Dank!

    Grüße, Mohnkalb

    P.S. Ach, und das Wetter?

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  • Schink
    antwortet
    Vielen Dank für den informativen Bericht, werter Merlan. Haben es dann wenigstens die Petit fours zum Schluß nochmals krachen lassen ?

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  • merlan
    antwortet
    Eben noch im quirligen Trubel des Oxford Circus, schnell noch ein bisschen nostalgische Gefühle in der Carnaby Street zulassen, um dann in einer ruhigen Seitenstraße der Regent Street in ein von außen unscheinbares Refugium einzutreten, das den Zweisterner „Hibiscus“ beherbergt.

    Innen schlichte Eleganz, freundlicher Empfang und die schnelle Erkenntnis, dass man fein gekleidet zur Minderheit gehört. Links von uns zwei junge Engländer im T-Shirt mit nur einem Smartphone, das sie sich ständig hin- und herschieben, rechts zwei hemdsärmelige junge Chinesen mit zwei Smartphones, die alles fotografieren, was auf den Tisch kommt und sich gegenseitig Licht für eine gute Ausleuchtung des Bildes geben (ich wusste bisher nicht, dass ein iPhone auch eine Taschenlampe ist!). Ich „fremdele“ etwas. Meine Frau ist da deutlich entspannter. Ein Glas Champagner hilft und lenkt die Gedanken auf das Wesentliche, weshalb wir das Restaurant für diesen Abend ausgewählt haben.

    Der vielköpfige – übrigens fein gekleidete – Service ist sehr aufmerksam und freundlich, manchmal witzig und charmant bemüht, über die eine oder andere Sprachhürde hinweg zu helfen. In diesem Zusammenhang ist es bedeutsam, dass wir uns für das sechs-gängige Überraschungsmenü entschieden haben, da wir die Erläuterungen zu den einzelnen Gängen nicht immer ganz verstanden haben und, wie sich später bei Durchsicht des Wörterbuches im Hotel herausstellte, auch nicht alles erschmeckt haben (was für meine Frau in einem Fall auch gut war, aber darauf komme ich noch zu sprechen).

    Und dann ging es auch schon los mit den Kreationen des Franzosen Claude Bosi:

    Hibiscus & Holunderblüte Soda
    Ein netter Schluck, der dem Restaurantnamen geschuldet ist, aber wegen seiner leichten Süße während des Aperitif-Champagners eher stört.

    Erbsenvelouté, Cochin Curry Royale & Buttermilch
    Ein sehr schöner Einstieg ins Menü. Serviert wird zunächst lediglich die Curry Royale mit Spänen von Buttermilcheis, um dann mit einer intensiven Erbsenvelouté umgossen zu werden. Sehr spannend der Dialog zwischen der warmen Gemüsecreme und der eiskalten Buttermilch; dazu der leichte Currygeschmack, wobei die als „Cochin Curry Royale“ annoncierten Nocken wohl noch mit einer Farce von „Irgendwas“ unterzogen war. Sei´s drum, gaumenschmeichelnd war es allemal.

    Krabbensalat, Melonensorbet, süßer & saurer Wasabi
    Der beste Gang im Menü! Das fein abgeschmeckte Tatar vom Taschenkrebs war auf einem Melonenkreis angerichtet und mit einem Melonengelee abgedeckt. Beide Melonenelemente waren klar herausschmeckbar und kongeniale Partner für den Salat. Auch das Melonensorbet war perfekt, fand aber keine Bindung zum Tatar (zu kalt) und musste alleine stehen. Das Ganze wunderbar kontrastiert durch süße und saure Wasabipunkte auf dem Teller.

    Strandschnecken, Pfifferlinge, Vin Jaune & grüner Speck
    Eigentlich muss man sich diesen Gang als wohlschmeckende „Schwammerln in Rahm“ vorstellen, wären da nicht diese grau-grünen gebogenen Teilchen, die wir nicht identifizieren konnten und zunächst als weiteren Pilz ausmachten. Auch der Dialog mit dem Oberkellner brachte uns nicht weiter. Wie soll er auch einem unwissenden deutschen Menschen „Cornish Winkles“ erklären? So mundeten uns die „Schwammerln in Rahm“ und wurden erst im Hotel mittels Wörterbuch als solche „mit Strandschnecken“ geoutet. Hätte meine Frau es vorher gewusst, sie hätte es nie und nimmer gegessen! Aber so war´s ganz lecker…!

    Pochierter Rochenflügel, braune Butter, Kapern & Zitrone
    Sehr gute Fischqualität mit einem feinen Butter-Zitrus-Kontrast. Besonders apart waren die dazu gereichten angeschwitzten und dadurch knusprigen Kapern. Herausgeschmeckt haben wir als verbindendes Element auch noch etwas Kartoffeliges. Passte gut!

    Gegrillte Ente, geröstetes Tomatenpürée, Karotte, Kumquat, Minze & Koriander
    Reicht eigentlich als Beschreibung dessen, was auf dem Teller lag und harmonieren sollte. Tat es auch, nicht mehr und nicht weniger!

    Erdbeeren, Sellerie & Szechuan Pfeffer
    Als Pré-Dessert gab es pürierte Erdbeeren mit „irgendeinem“ Schaum obendrauf. Dass dessen Basis aus Selleriesaft bestand, wurde uns erst hinterher klar als uns die Menükarte übergeben wurde. Annonciert wurde der „seleriac“ jedenfalls nicht; geschmeckt haben wir ihn auch nicht.

    Tarte von neuen Erbsen & marokkanischer Minze, Kokosnuss-Sorbet
    Die Enttäuschung des Abends! Da liegt ein kleines Schokokuchenförmchen auf dem Teller und darin befindet sich pürierte Erbse mit Minze. Daneben ist ein Kokos-Sorbet gesetzt. Fertig! Wie hat Alfons Schubeck vor 30 Jahren schon zu uns Kochenthusiasten gesagt: „Am Anfang und am Ende des Menüs müsst ihr´s krachen lassen. Daran erinnern sich die Leute; was dazwischen war, haben sie am nächsten Tag sowieso längst vergessen.“. Leider hat Claude Bosi diese Regel nur zur Hälfte beherzigt und es nur am Anfang krachen lassen.

    Fazit:
    Die Küche des Franzosen im Londoner Hibiscus ist handwerklich ohne Fehl und Tadel. Sie schwankt zwischen klassischen Geschmacksbildern (Pfifferlinge, Rochenflügel, Ente) und Positionen der Moderne (insbesondere Krabbensalat mit Melone, Erbsenvelouté mit Buttermilcheis-Spänen), ohne aber das Terrain der Avantgarde zu tangieren. Insofern geht Bosi auch keinerlei Risiken ein, bedient tradierten Wohlgeschmack und reizt hier und da mit geschmacklichen oder Produktbesonderheiten, die man nicht überall serviert bekommt. Das sind auch die Kreationen, für die man die vom Michelin vergebenen ** nachvollziehen kann. Alles andere bleibt unseres Erachtens im sicheren *-Bereich, wobei dies jedoch nicht für die allzu schlichten Desserts gelten kann.

    Es war ein Abend, den wir zweifelsohne unter den „sehr guten“ verbuchen werden, doch ist dieses herausragende Prädikat weniger der Küche des Hibiscus geschuldet, als vielmehr unserem persönlichen Wohlergehen an einem für uns bedeutsamen Tag.

    Beste Grüße, Merlan

    PS: Gerne möchte ich noch die Empfehlung von Schlaraffenland unterstreichen, nach Möglichkeit den wunderbaren Borough Market zu besuchen. Die London-Biographie von Peter Achroyd liegt zur Nacharbeit bereit (797 Seiten!).
    Zuletzt geändert von merlan; 31.07.2013, 11:29.

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  • Sphérico
    antwortet
    Zitat von Mohnkalb Beitrag anzeigen
    Ein guter Draht zu CHATEAU Petrus wäre mir persönlich lieber.
    Ein schlechter, jedoch besonders günstiger Draht wäre mir ausreichend. So muß ich seit Jahren auf eine leere 90er am Küchenfenstersims schauen...

    Zurück zu London, ich war leider lange nicht mehr vor Ort, habe aber das "Maze" (-örtlich- nicht so weit weg vom Hibiscus, gehört zu der Ramsey-Kette) sehr schön und leger in Erinnerung, nicht zuletzt wegen des sehr guten Preis-Leistungsverhältnisses.

    MkG, S.
    Zuletzt geändert von Sphérico; 03.07.2013, 19:02.

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  • QWERTZ
    antwortet
    Zitat von Mohnkalb Beitrag anzeigen
    Ein guter Draht zu CHATEAU Petrus wäre mir persönlich lieber.
    nice.:cheers:

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  • Mohnkalb
    antwortet
    Zitat von merlan Beitrag anzeigen
    ist aber allein auf den guten Draht zu Petrus zurückzuführen
    Ein guter Draht zu CHATEAU Petrus wäre mir persönlich lieber.

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  • merlan
    antwortet
    Ach, Sie sind immer so aufmerksam, lieber Schlaraffe! In diesem Zusammenhang auch Dank an Sphérico für das :cheers

    Ad1: Es ist ein runder, aber noch keiner, bei dem Bürgermeister und Pfarrer nach Hause kommen.

    Ad2: Im Rhein-Main-Gebiet sind wir doch alle ein wenig wetteraffin, liegt in ihm doch die Wetterstadt Deutschlands (Offenbach am Main). Die angestellte Langfristprognose ist aber allein auf den guten Draht zu Petrus zurückzuführen.

    Beste Grüße, Ihr Merlan

    PS: Ja, S.P. ist ein ganz Guter: Fachmann (was man nicht zu allen Wettermoderatoren und -moderatorinnen sagen kann) und Showtalent.

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