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Dinner by Heston Blumenthal, London

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  • Dinner by Heston Blumenthal, London

    Mitte September waren meine Frau und ich zu einem Kurzurlaub in London. Wir entschieden uns im Vorfeld, das „Dinner by Heston Blumenthal“ aufzusuchen, nicht zuletzt der zahlreichen Presseveröffentlichungen, des großen Namens und des Michelinsterns wegen. Blumenthals Hauptlokal „The Fat Duck“ kennen wir nicht.
    Die Reservierung erledigten wir online, was selbst zwei Monate vorher nur mehr zu einem Spättermin um 21.45 Uhr (an einem Dienstag) reichte. Wenige Tage vor dem Dinner wurde der Termin nochmals telefonisch bestätigt. Absagen ab 72 Stunden vorher werden mit 50 £ pro Person berechnet.

    Dinner by Heston Blumenthal bietet laut Ankündigung die Neuinterpretation alter britischer Rezepte, deren Entstehungszeitraum und Ursprung auf der Speisekarte (online einsehbar) vermerkt wird.

    Das Lokal liegt im Mandarin Oriental Hotel mitten in Knightsbridge. Man gelangt durch die Lobby dorthin, es sind nur wenige Schritte (einfach dem Lärm folgen!), bis man vor der Rezeption steht und sich anmelden kann. Hier werden die Mäntel und Jacken abgenommen.
    Wir waren etwas zu früh, so wurden wir in die „Mandarinbar“ platziert, durch die ausschließlich man ins eigentliche Lokal gelangt. Die Bar war zu diesem Zeitpunkt restlos voll mit der üblichen It-Crowd, arabischen Geschäftsleuten und Bankern, entsprechend auch die Lautstärke eines Pubs zu vorgerückter Stunde. Wir bestellten ein Glas Billecart Salmon Rose (21 £) und wurden wenig später an unseren Tisch geführt. Das Restaurant wirkt speisesaalartig mit hohen Fenstern zum Hydepark hin, die Tische in verschiedenen Größen ohne Stoffdecke aus dunklem Holz, drum herum reichlich wuselndes Servicepersonal - und inmitten des Geschehens wird ein schiffartiges Gefährt mit einer Eismaschine obenauf umher gerollt, das vor den Gästen immer wieder Station macht, um mittels flüssigem Stickstoff und mit großem
    Gewölk Eis zu produzieren.

    Als wir Platz nahmen, lag die Speisekarte bereits auf dem Tisch, rasch wurde Wasser serviert, die Weinliste gab es auf Nachfrage.
    Prinzipiell gibt es ein 3-Gänge-Menü aus Starter, Main und Dessert. Wir entschlossen uns zu "Meat Fruit" und "Frumenty", als Hauptgericht Filet vom Aberdeen Angus und ein Hereford-Ribeye. Dazu hatten wir eine Flasche spanischen Rotweins (was genau nicht mehr erinnerlich) für etwa 90 £.

    Amouse bouche gab es keines, als Brot wurden je 2 Scheiben dunkles und helles Baguette mit etwas Butter gereicht. Es handelte sich um ganz normales Weißbrot ohne Besonderheit.
    Über die Meat Fruit wurde ja schon oft geschrieben. Auf einem Holzbrett wird eine täuschend echt aussehende „Mandarine“ gebracht, die sich als mit einem Fruchtgelee überzogene Foie gras entpuppte. Dazu wurde einzig eine Scheibe (sehr heftig) getoastetes Weißbrot gereicht.
    Die Foie gras war ausgesprochen cremig mit einem schönen zarten Geschmack, das dünne Fruchtgelee schmeckte tatsächlich intensiv nach Mandarine, was die Leber elegant begleitete. Die (molekular aufgepeppte?) Cremigkeit beeindruckte zwar, dennoch haben wir Gänseleber schon besser gegessen, die Kombination mit einem Fruchtgelee ist ja auch nicht wirklich neu.
    Frumenty war ein Oktopussalat mit Speisealgen, Liebstöckel und einer (Fisch?-)Suppe – für uns das beste Gericht des Abends mit schönem Kontrast von Räucheraromen des Oktopus und der Frische der Seealgen.

    Zum Hauptgericht gab es das erwähnte Fleisch.
    Auf dem Teller fand sich das Stück (einmal Ribeye, einmal Filet) mittig plaziert, darauf ein kleiner Klecks Knochenmark. Die Beilagen – Pommes (!), eine Art Pilzketchup und ein Salat - wurden in kleinen Schälchen beigestellt. Das wars. Hört sich sehr nach Steakhause an und nicht anders war denn auch das kulinarische Erlebnis. Das Filet war trocken (wenngleich medium rare), das Ribeye durch den Fettanteil etwas saftiger. Auch hier dominierten Räucheraromen, von denen wir bis heute nicht ganz sicher sind, ob sie wirklich dem Grill oder doch dem Chemiekasten entsprangen.
    Auch die Teller auf den Nachbartischen mit anderen als unseren Gerichten wirkten relativ simpel arrangiert.

    Zum Dessert hatten wir den „Tipsy-Cake“, eine Art Rohrnudel in einem kleinen Gusseisenbehältnis mit reichlich Butter, begleitet von gerösteter Ananas mit Streuseln darauf. In einem Bistro wäre das ganz in Ordnung, für ein Lokal dieser Preisklasse war es einfach zu simpel.
    Auf das Stickstoffeis haben wir verzichtet.

    Der Service war professionell und freundlich, angesichts der fortgeschrittenen Zeit und der Lautstärke im Lokal war eine weitere Kommunikation nicht möglich. Die von meiner Frau angesprochene Trockenheit des Filets wurde mit dem „dry-aged meat“ erklärt, was wohl Unsinn ist.

    Die Rechnung belief sich am Ende auf knapp 300 £, zu den Speisekartenpreisen wird zusätzlich eine „Service-Charge“ von 12,5% abgerufen.

    Was wir bekamen, war letztlich gehobene Bistro- und Steakhause-Küche, mehr jedoch nicht. Aus unserer Sicht ist das „Dinner by Heston Blumenthal“ völlig überhyped und überteuert. Es ist uns ferner unbegreiflich, wie hier der Michelinstern zustande kommt, wenn man bedenkt, welche Standards dafür in Deutschland nötig sind.
    Von Juan Amador stammt sinngemäß die Äußerung, dass man schon sehr gut kochen können müsse, um mit schlechten Essen reich zu werden. Die Aura der drei Sterne aus Bray genügt offenbar, das „Dinner“ zu füllen und dafür absurde Preise abzurufen.

    Unser Taxifahrer zum Flughafen kommentierte das zwei Tage später soweit, dass er meinte, das beste Essen in London gäbe es ohnehin nur außerhalb der City. Wir sind geneigt, dem zuzustimmen.

  • #2
    Wertes Butterbrot,

    in der Tat überdenke ich meine Wahl. Auf erneute Nachfrage ist das Ledburry an meinem einzigen freien "Esstermin" nach wie vor wegen einer Privatfeier geschlossen, so daß ich zum Indischen tendiere. Andererseits liest man auch überschänglichere Berichte über das "Dinner" im Netz.
    Was ist gemeint mit "wir sind geneigt, dem zuzustimmen" ? Wie empfanden Sie Gordon Ramsay, Hibiscus, Weiring, Sketch ?

    Etwas ratlos,
    MkG, S.

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    • #3
      Vielen Dank für Ihren Bericht, werter Smörebröd, den ich gerne gelesen habe!

      Zitat von Smörebröd Beitrag anzeigen
      ...Foie gras... Dazu wurde einzig eine Scheibe (sehr heftig) getoastetes Weißbrot gereicht.
      Brioche??

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      • #4
        Zitat von Sphérico Beitrag anzeigen
        Wertes Butterbrot,

        in der Tat überdenke ich meine Wahl. Auf erneute Nachfrage ist das Ledburry an meinem einzigen freien "Esstermin" nach wie vor wegen einer Privatfeier geschlossen, so daß ich zum Indischen tendiere. Andererseits liest man auch überschänglichere Berichte über das "Dinner" im Netz.
        Was ist gemeint mit "wir sind geneigt, dem zuzustimmen" ? Wie empfanden Sie Gordon Ramsay, Hibiscus, Weiring, Sketch ?

        Etwas ratlos,
        MkG, S.
        Wenn ich auch nicht weis wie das Haarwood Arms heute ist, vor knapp 2 Jahren war es eine wirklich sehr ordentliche alternative, wir haben uns sehr wohl gefühlt und auf hohem Bistroniveau gegessen.
        Vom Ledbury waren wir nicht so überzeugt, Essen eher ein Stern als 2 Ambiente und Service eher Typ sehen und gesehen werden.

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        • #5
          Essen in London

          Vielen Dank für den lesenswerten Bericht. Ich werde mir nächste Woche mein Bild vor Ort machen und davon berichten.

          Die Aussage des Taxifahrers halte ich aber für ziemlichen Quatsch.
          Schräg gegenüber hätten Sie bei Koffmann's hervorragende französische Brasserie-/Gourmetküche zu sehr angemessenen Preisen geniessen können.
          Kein Stern, nicht überragend, aber klasse präsentiert und einfach gut gekocht!
          Der mit Kalbsbries gefüllte Schweinefuss, Koffmann's signature-dish aus den 1970ern, als er damit drei Sterne holte, ist für mich eine Götterspeise.

          Bei Gordon Ramsay hatte ich einen wundervollen Abend im Hauptrestaurant nachdem ich einen ganz netten im Claridge's hatte.

          Japanisch, Chinesisch, Italienisch, Indisch, ... all das gibt es in London in Weltklasse.

          Ihr Taxifahrer war wahrscheinlich auch noch nie bei Joel Robuchon, wo ich beide Etagen und auch die herrlich kleine Dachterrasse empfehlen kann.

          Für mich ist London immer eine Reise, sogar eine Gourmetreise, wert.

          Liebe Grüße,

          Düsseldorf.

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          • #6
            Schweinefuss mit Kalbsbries gefüllt - das klingt wahrlich aussergewöhnlich und verlockend!

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            • #7
              Zitat von Düsseldorf Beitrag anzeigen
              Vielen Dank für den lesenswerten Bericht. Ich werde mir nächste Woche mein Bild vor Ort machen und davon berichten.

              Die Aussage des Taxifahrers halte ich aber für ziemlichen Quatsch.
              Schräg gegenüber hätten Sie bei Koffmann's hervorragende französische Brasserie-/Gourmetküche zu sehr angemessenen Preisen geniessen können.
              Kein Stern, nicht überragend, aber klasse präsentiert und einfach gut gekocht!
              Der mit Kalbsbries gefüllte Schweinefuss, Koffmann's signature-dish aus den 1970ern, als er damit drei Sterne holte, ist für mich eine Götterspeise.

              Bei Gordon Ramsay hatte ich einen wundervollen Abend im Hauptrestaurant nachdem ich einen ganz netten im Claridge's hatte.

              Japanisch, Chinesisch, Italienisch, Indisch, ... all das gibt es in London in Weltklasse.

              Ihr Taxifahrer war wahrscheinlich auch noch nie bei Joel Robuchon, wo ich beide Etagen und auch die herrlich kleine Dachterrasse empfehlen kann.

              Für mich ist London immer eine Reise, sogar eine Gourmetreise, wert.

              Liebe Grüße,

              Düsseldorf.
              Das unterschreibe ich genau so.

              In Bray möge man zwei Dreisterne-Restaurants finden - die Vielzahl und Heterogenität der Gourmetrestaurants in London ist kaum zu überbieten.

              Dem Taxifahrer - man sehe es mir nach - spreche ich zudem die notwendige Expertise ab.

              Düsseldorf, ich bin gespannt, ob Heston demnächst besser "abliefert".

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              • #8
                Zitat von Düsseldorf Beitrag anzeigen
                Vielen Dank für den lesenswerten Bericht. Ich werde mir nächste Woche mein Bild vor Ort machen und davon berichten.
                Auf den Taxler würde ich wie gesagt auch nicht vertrauen. Ich bin natürlich sehr gespannt auf Ihren Bericht und werde danach in Zusammenschau smörebröds und Ihres Berichtes entscheiden. Tja, Ramsay hat Sonntag ja leider zu...

                In freudiger Erwartung und mkG,
                S.

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                • #9
                  @ mohnkalb: Es war getoastetes Weißbrot, kein Brioche.

                  Ganz ernst nahmen wir den Taxler natürlich nicht, aber da es unsere erste Begegnung mit der Londoner Sternegastronomie war ...
                  Vielen Dank übriges für die Anregungen zu Alternativen, die wir uns fürs nächste Mal merken werden. Bin aber auch sehr gespannt auf die anstehenden Erfahrungen im "Dinner".

                  Viele Grüße

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                  • #10
                    Erstaunlich, dass der Michelin in seiner jüngst erschienenen Ausgabe das "Dinner" mit dem zweiten Stern geadelt hat.... Smörebröd versus Guide Michelin - da steht jetzt Aussage gegen Aussage

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                    • #11
                      Nachdem zu diesem Restaurant in diesem Forum schon längere Zeit nichts mehr geschrieben wurde, möchte ich gerne meine Erlebnisse aus dem letzten halben Jahr kurz schildern, in dem ich das Dinner by Heston Blumenthal zwei Mal besuchen konnte.

                      Der erste Besuch war vergangenen Oktober. Damals bestellte ich als Vorspeise "Roast Scallops", also gebratene Jakobsmuscheln, mit Gurkenketchup und gebratener Gurke. Leider gibt es dieses Gericht im Moment nicht auf der Karte. Es hat mir hervorragend gefallen. Die Jakobsmuscheln hatten eine hervorragende Qualität, waren perfekt gebraten und wurden von den Gurken wunderbar begleitet. Durch die verschiedenen Zubereitungen wurden unglaublich viele Facetten aus diesem für uns doch so alltäglichen Gemüse herausgekitzelt, dass es eine wahre Freude war.

                      Die zweite Vorspeise war "Savoury Porridge", ein wirklich betörendes Gericht, das verführerisch nach Kräutern duftete (Fenchel, Petersilie und Pfifferlinge) und unglaublich süffig schmeckte. So umstritten Froschschenkel sein mögen (und ich halte tatsächlich nicht viel davon) in diesem Fall muss ich einfach zugeben, dass sie perfekt in dieses Gericht gepasst haben.

                      Als Hauptgang entschied ich mich für das Kotelett vom Ibericoschwein, mit Spelt (ich weiß nicht, was es genau war, ob es Dinkel oder Weizenkörner waren, es war jedenfalls sehr lecker) und Röstzwiebelcreme. Auch dies ein Gericht zum Reinlegen. Ich liebte diese Einfachheit daran. Einfach großartige Produkte für sich sprechen zu lassen, das können sich nur wenige Chefs leisten...

                      Als Nachspeise war dann der Tipsy-Cake obligatorisch. Ich glaube, dass dieses Gericht mittlerweile unter Feinschmeckern so bekannt ist, und so oft in diversen Blogs und Kritiken beschrieben wurde, dass ich an dieser Stelle darauf verzichte. Für mich war es bis dato eins der besten Desserts, die ich je gegessen hatte.
                      Ich habe übrigens im Internet das Rezept dazu gefunden (ich weiß nicht, ob es gestattet ist, den Link zu posten), der zeigt, das man sich nicht vom etwas banalen Aussehen des Gerichts täuschen lassen sollte. So wie es dort serviert wird, ist es unglaublich aufwendig in der Zubereitung.

                      Von diesem ersten Besuch war ich also wirklich restlos begeistert. Die Gerichte sind zwar nicht die komplexesten und filigransten, aber dafür wurden nahezu perfekte Zutaten, die fein aufeinander abgestimmt waren, auch nahezu perfekt verarbeitet. Das Ergebnis auf dem Teller war purer Wohlgeschmack und einprägsamer Genuss. Das ganze in ungezwungenem und dennoch gediegenem Ambiente. Ich wünschte, ich hätte es in der Nachbarschaft und könnte jeden Monat dahin.
                      Mir war also klar, dass ich bei meinem nächsten Londonbesuch wieder hin musste.

                      Das war dann also gestern der Fall. Ich wählte bewusst andere Gerichte (bis auf das Dessert, da kam ich nicht um die Versuchung herum...).
                      Als Vorspeise "Rice and Flesh", was sich als unglaublich cremiges Safranrisotto entpuppte, mit Stücken von in Rotwein geschmortem Ochsenschwanz. Alles an diesem Gericht war wirklich gut. Und dennoch sprang komischerweise der Funke diesmal nicht über. Ich nahm rational wahr, dass alles sehr gut war, aber es konnte trotzdem in mir keine Begeisterung wecken, die Emotion blieb unberührt.

                      Dann entschied ich mich als Hauptgang für "Chicken cooked with Lettuces". Ein großes Stück Hühnerbrust, mit gedünstetem Salat, dazu Röstzwiebelcreme, und Chips von der Hühnerhaut, außerdem noch eine Creme mit, wie ich vermute Koriandersamen, die eine sehr interessante Kombination mit dem Hühnerfleisch ergab. Doch auch dieses Gericht konnte mich nicht begeistern. Hier war vermutlich der Protagonist, die Hühnerbrust, das größte Problem, weil sie zwar perfekt gegart, aber einfach aromatisch blass blieb.
                      Auch ein großes Stück Salat kann keine aromatischen Akzente setzen, die einzige Abwechslung waren die Hühnerchips und diese Korianderwürze. Wenn man es geschafft hat, alle Komponenten auf dem Teller jeweils in der richtigen Menge auf die Gabel zu bringen, entstand auch hier ein sehr schöner Wohlgeschmack, aber das gelang nunmal nicht immer, sodass das Gericht bei vielen Bissen zusammenhanglos wirkte.
                      Natürlich war es nicht schlecht, aber es war für mich einfach meilenweit davon entfernt, mich zu beeindrucken.

                      Der Tipsy-Cake war natürlich wieder eine sichere Bank, aber konnte auch nicht den Eindruck des bisherigen Besuchs ausmerzen.

                      Nun frage ich mich also, wie ich das Lokal sehen sollte. Nach dem ersten Besuch hätte ich jedem, der die Michelin-Bewertung anzweifelte, mit glühender Überzeugung einen Irrtum unterstellt, nach dem zweiten Besuch kann ich jedoch tatsächlich einige der Zweifel nachvollziehen. Sind die Gerichte einfach wirlich nur unterschiedlich stark, war ausnahmsweise diesmal die Produktqualität nicht immer hervorragend, oder hat sich doch die Leistung verschlechtert?

                      Ich vermute, ein dritter Besuch ist zwingend erforderlich, um mir hier sicher zu werden, was ich von dem Lokal halten soll. Jedem, der das Restaurant noch nicht besucht hat, würde ich es dennoch dringend empfehlen, ich halte die Chance, dort unvergessliche kulinarische Erlebnisse zu erhalten, immer noch für sehr hoch.

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                      • #12
                        Das 'Dinner by Heston Blumenthal' ist Social Media Star; Gerichte wie Meat Fruit und Tipsy Cake gehören wohl zu den am meisten fotografierten Tellern auf einschlägigen Seiten. Umso neugieriger war ich, wie diese Gerichte denn nun schmecken.

                        Der erste Eindruck: Eng ist der Hoteleingangdes Mandarin Oriental am Hyde Park, laut und gleichfalls eng bestuhlt das Restaurant. Doch in weitere Folge weicht dies einem 'erfreulich lebendig' ist es hier; die Gäste scheinen ihren Spass zu haben. Weshalb, das werde ich bald verstehen.

                        Die Meat Fruit - eine als Mandarine getarnte Frucht, innen ein Parfait aus Hühnerleber, aussen eine dünne Schicht mit Mandarinengeschmack, sie kombiniert den Geschmack des Parfaits schön mit der Fruchtigkeit und einem Tick Säure der Frucht. Dennoch - optisch noch grossartiger als im Geschmack.

                        Weniger spektakulär, doch wunderbar filigran der Earl Grey Tea cured Salmon: Wunderbar zart der Fisch, ein Zitronensalat steuert Lebendigkeit und Säure bei das 'Gentleman's Reliesh' (eine Avocado-Paste) Würzigkeit und Umami; und der Kaviar aus Exmoor in Devon einen leicht salzigen Kick. Das ist rund, das ist schön.

                        Der vegitarische Gang, Braised Celery, gefällt mir durch abwechslungsreiche Geschmäcker und Konsistenzen: Erdige Noten, Säure, Salzigkeit, Süsse und Sämigikeit der Zutaten (geschmorte Sellerie, Pfifferlinge, Parmesan und Apfel-Cider) spielen miteinander.

                        Der Fleischgang, ein Roast Iberico Pork Chop, ist von Fleischqualität und Zubereitung wunderbar und wird von Kohl und einer die Komponenten schön verbindenden Sauce Robert begleitet.

                        Auf der süssen Seite sind sowohl der Chocolate Bar wie auch der Tipsy Cake zum Abschluss fein und nett. Letzterer - eine Art böhmischer Buchteln mit extra viel Butter, Sautern, Brandy und dazu karamellisierter Ananas - ruft bei mir nicht so viel Euphorie hervor wie in manchem Kommentar am Internet, doch das mag auch an meinen geschmacklichen Präferenzen liegen.

                        In Summe ist das Dinner by Heston Blumenthal empfehleswert für einen entspannten Abend mit ansprechender Küche!

                        Mehr am Blog: http://kuechenreise.com/2016/11/20/d...hal-london-uk/





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                        Zuletzt geändert von kuechenreise; 23.12.2016, 16:36.

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                        • #13
                          Bei einem einwöchigen Aufenthalt diesen August in London ist das Dinner by Heston Blumenthal für uns als uneingeschränkter Sieger in den besuchten Restaurants vom Platz gegangen. Eine tolle Atmosphäre, sympathischer und gleichzeitig fordernder Service (der Pariser Spitze sehr ähnlich), der bei der Bestellung eines "Pimms Cocktails" zum Aperitif auch einmal die Augenbrauen hochzieht, ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis und nicht zuletzt eine fantastische Küche auf glasklarem 2-Sterne-Niveau mit einem Ausreißer auf noch höheres Level. Das Lunch Menu ist bereits für 45GBP zu haben, gegen Aufpreis lässt sich aber jeder Gang noch einmal gegen einen à la Carte-Gang austauschen. In Summe €260 für jeweils drei Gänge, Aperitives, und einzelne Weingläser.

                          Zur Vorspeise haben wir die berühmte Meat Fruit und Rice & Flesh (ein Safranrisotto) probiert. Beides tolle Gänge, wobei die Meat Fruit dies noch einmal toppen konnte. Solche Foie Gras- oder Leber-Gänge leiden ja oftmals unter einer Monotonie. Aber hier war dem nicht so. Dazu passen 1,2 angebutterte knusprige Toasts hervorragend.

                          Als Hauptgang entschied ich mich für "Chicken & Cauliflower" - schöne knusprige und saftige Hähnchenbrustfilets mit Blumenkohlpüree. Der Star kam aber à part in einer Cocotte (und ist laut dem Service erst in der Woche vorher so konzipiert worden - insofern war man am Gastfeedback sehr interessiert) bestehend aus Parmesan, Trüffel, Hühnerhaut, und einer Art Gnocchis. Diese Cocotte besaß alles: Würze, Süffigkeit, Knusper, Tiefe. Hätte man mir einen ganzen Topf hiervon hingestellt - ich hätte alles gegessen. Fabelhaft.

                          Meine Begleitung entschied sich innerhalb des Lunch-Menus für den Fischgang (mehr Details sind mir nicht mehr parat), der leider erkaltet am Tisch ankam und dadurch für meine Begleitung ungenießbar wurde (erhitzte und wieder erkaltete Austern und Fisch sind kein Vergnügen). Eine kurze Anmerkung und der Teller wurde neu gemacht mitsamt zahlreicher Entschuldigungen. Aus meiner Sicht war dies im Rahmen.

                          Zum Dessert entschied ich mich für den berühmten Tipsy Cake, den ich wieder toll fand und von dem meine Begleitung bis heute schwärmt.

                          Summa summarum - mittags kommt man an diesem Restaurant im ansonsten überteuerten (und manchmal leider uninspirierenden) London einfach nicht vorbei.

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                          • #14
                            Hier nun der zweite Bericht von der Gourmet-Club-Reise nach Londen. Am ersten Abend, noch außerhalb des „offiziellen“ Club-Programm hat sich der Großteil der Gruppe zum Abendessen im Dinner by Heston Blumenthal verabredet. Wir hofften auf einen interessanten Quervergleich zum noch anstehenden Besuch um The Fat Duck… Es wurde eher ein „Horizontalvergleich“ ….

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                            Das Restaurant im Hotel Mandarin Oriental hat ein tolles Entrée mit einer Bar und einem großen gläsernen Weinschrank, sowie einem Einblick in die Küche durch große Glasscheiben. Am Tisch verschwindet diese Atmosphäre: im Restaurant ist es unglaublich laut – gut am Nebentisch hat eine größere Frauenrunde lautstarken Spaß, dass das nicht zu überhören ist, klar. Aber, dass zwei Herren am anderen Ende des Lokals, die teuren Wein trinken und sich bei High Five geben, auch dermaßen gut zu hören sind, lässt auf eine sehr schlechte Akustik schließen. Es wirkt wie Bahnhofshalle…

                            Ein Menü mit mehreren Gängen gibt es nicht, dafür aber eine überschaubare Speisekarte der von Heston Blumenthal bearbeiteten historischen Gerichte, die in Vor-, Haupt- und Nachspeisen unterteilt ist. Wir wählen vier Gänge und aus der recht hochpreisigen Weinkarte einen vielversprechenden Weißwein auf dem Burgund. Der wäre in der Tat gut, wenn ihn der Sommelier nicht ins Eis gestellt hätte. Eine Entwicklung findet leider nicht statt, zudem wir recht zügig nachgeschenkt. Ein schwacher Weinservice für die ambitionierten Preise.

                            Amuse fällt aus.

                            Ich nehme als ersten Gang Earl Grey Tea Cured Salmon (c.1730), Lemon salad, gentleman’s relish & Exmoor caviar. Der Fisch ist gut gebeizt, trocken und lecker, aber vom Tee-Aroma spüre ich nichts. Der Salat ist recht säuerlich abgeschmeckt, es ist ja auch Zitrone dabei, insofern ok, aber in der Kombination tötet es doch ein Aroma, das von der Beize ausgehen könnte ab. Richtig gut finde ich die Creme unten am Teller, deren Zusammensetzung nicht genauer erschmecken kann. Das ist nicht mehr als ein etwas gepimpter Salat
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                            Salamagundy (c.1720) Chicken oysters, salsify, marrowbone, horseradish cream & pickled walnuts ist im Grunde Wiederholung des vorhergien Gangs, da auch dieser sehr salatgeprägt ist. Das macht deutlich, es wäre gut, wenn die Speisekarte die Vorspeisen unterteilen würde in verschiedene Kategorien. Die Soit l’y laisse sind in einer Art Kuchen eingebacken. Ihren Geschmack entfalten sie daher nicht nachhaltig. Die Nüsse sind nicht präsent. Der Salat, der im Grunde dem vorherigen gleicht, ist wieder säuerlich abgeschmeckt, dadurch kommt leider überhaupt kein Aromenspiel zu Stande. Obwohl alles ordentlich zubereitet ist, gibt die Kombination zu wenig her.
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                            Roast Iberico Pork Chop (c.1670), Pea’s pudding, blood pudding, pickled onion & mint oil ist etwas besser: das Schweinefleisch ist gut gegrillt und zumindest ansatzweise saftig. In der Kombination der Beilagen schmecke ich zudem etwas Geräuchertes. Die Beilagen sind wirklich gut aufeinander abgestimmt und erhöhen die Spannung. Dennoch kommt das Gericht nicht wesentlich über die Qualität eines Gangs in einem Premium-Strak-House hinaus.
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ID: 60907

                            Tipsy Cake (c.1810) Spit roast pineapple wird vom Kellner anfangs mit dem Hinweis auf die lange Zubereitungszeit (frisches Brioche) dezent angepriesen – nicht zu Unrecht. Die fluffige Brioche schwimmt in einer Whisky-Buttermischung und ist wirklich lecker. Ein schöner Kontrast ist die gegrillte Ananas, leicht karamellisiert, etwas säuerlich, leicht bitter, fruchtig, genau passende Gegenstück zum üppigen Kuchen. Kein wirkliches hochklassiges-Dessert, aber einfach lecker und gut gemacht
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ID: 60908

                            Mit einem kleinen Gläschen Nussnougatcreme und einem Stückchen Brot, das mit Kümmel, Salz und vielleicht noch Fenchel oder Rosmarin gebacken ist, endet das Menü. Das ergibt eine schöne Kombination, die aus der simplen Creme doch noch mal was herausholt.
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ID: 60909

                            Insgesamt bin ich ziemlich verärgert: der Michelin gibt hier zwei Sterne, die Preise haben Zwei-Sterne-Niveau, aber die Qualität vor allem der Vorspeisen, aber im Grunde auch der weiteren Gänge, kann sich so auch in einem Steakhaus erwarten. Im Grunde ist das Dinner by Heston Blumenthal ein gewöhnliches Hotelrestaurant, dass mit einem berühmten Namensgeber, der ein Speisenkonzept erarbeitet hat, das reizvoll klingt und handwerklich sauber umgesetzt wird. Geschmacklich ist jedoch meilenweit von dem entfernt, was Preise und Bewertungen erwarten lassen. Das ist Sterne-Nepp erster Güte.

                            Am Eingang hängt eine schwarze Ananas vor Neovioletter Beleuchtung – wenn die Ananas golden wäre, wäre es die richtige Auszeichnung für das Restaurant.
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ID: 60910

                            Nachtrag: Nach dem Feuer im Mandarin Oriental ist das Restaurant zur Zeit geschlossen. Hoffentlich nutzt man die Pause nicht nur zur Renovierung der Räumlichkeiten.
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                            • #15
                              Werter QWERTZ, vielen Dank für diesen sehr aussagekräftigen Bericht, der ja nun in der Tat eine komplette Anti-Werbung für dieses Restaurant darstellt. Ich hatte selbst vor Jahren schon einmal überlegt, dieses Etablissement bei einem Londonaufenthalt anzusteuern (da ich das Konzept, historische Rezepte aus der englischen "Hochküche" zeitgemäß zu interpretieren, eigentlich ganz spannend fand), aber schon damals haben mich die äußerst heterogenen Bewertungen bzw. Äußerungen, welche man über dieses Lokal laß, davon absehen lassen.

                              Frau Grande und ich haben uns dann für einen Besuch im "Ledbury" entschieden (Bericht - mein erster übrigens hier im Forum - siehe im dortigen Thread) und damit - ohne ein "Dinner" by Blumenthal eingenommen zu haben und somit konkrete Aussagen zur dortigen Küchenleistung treffen zu können - anscheinend die richtige Wahl getroffen, denn bei Brett Graham hat es uns seinerzeit hervorragend gefallen...

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