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Gymkhana, London

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  • Gymkhana, London

    Nach Abiturprüfungsstress, verschiedensten Klassenfahrten und dem eigenen Urlaub komme ich nun endlich einmal dazu, wieder einen Bericht ins Forum zu stellen (und das gerade noch rechtzeitig, denn die Frist für die Teilnahme am Bau-Gewinnspiel für fleißige Berichteschreiber läuft heute ab, wie ich soeben mit Schrecken festgestellt habe…)!

    Am Freitag, den 10. Juni, weilte ich mit einigen Kolleg/innen auf einer der oben schon erwähnten „Schulfreizeiten“ (wobei für das Lehrpersonal dabei nur äußerst eingeschränkt von „Freizeit“ gesprochen werden kann, Tobler als werter Kollege wird dies mit Sicherheit bestätigen können…) in London, und einer der raren Momente, in denen die Schüler/innen sich ohne Aufsicht in Kleingruppen frei in der Stadt bewegen durften, konnte seitens des Lehrkörpers für eine kulinarische Auszeit genutzt werden. Ich hatte im Vorfeld durch eifriges Rühren der Werbetrommel sieben weitere Kolleg/innen für den Besuch des besternten Inders „Gymkhana“ begeistern können, der mit einem „Early-Evening-Menü“ für 35 Pfund lockte. Ein Preis, der in dieser Restaurantkategorie für Londoner Verhältnisse einem Schnäppchen gleichkam und bei dem selbst der knauserigste Lehrer nicht nein sagen konnte (leider waren wir vor dem Brexit dort, sonst hätte uns das Menü bei einem Umrechnungskurs von fast 1:1 nur ca. 35 Euro gekostet…).

    Um 17.45 Uhr betraten wir pünktlich das Lokal im noblen Mayfair, da wir, um in den Genuss des „Early-Evening-Menüs“ zu kommen, bis um 18.00 Uhr geordert haben mussten. Unsere Gruppe durfte im Souterain des Lokals, welches im Stil eines englisch-indischen Herrenclubs gehalten ist, im Privat-Dining-Room Platz nehmen. Nach kurzer Zeit wurde durch den aufmerksamen und zugewandten Service schmackhaftes Naan-Brot mit verschiedenen Chutneys zum Einstieg serviert, danach folgte zügig der erste offizielle Gang des (frühen) Abends:

    Potato Chat, Chickpeas, Tamarind, Sev: Es handelte sich hierbei um eine Art Eintopf aus Kartoffeln, Kichererbsen, Joghurt, Tamarinde und kleinen Nudeln, der in kleinen Schüsseln serviert wurde. Insgesamt ein toll kombiniertes Ensemble, das durch verschiedene Texturgeber (knackige Kichererbsen, etwas weichere Kartoffeln und Nudeln) und eine ausgewogene Würze (der milde Joghurt hielt die Schärfe der Chilis und der Tamarinde gut in Schach) für großen Genuss sorgte (*)

    Hariyali Bream, Tomato Kachumber: Dieser Fischgang konnte ebenfalls komplett überzeugen: Eine Brasse war im Tandoori-Ofen so behandelt worden, dass sie im Inneren noch saftig bzw. teilweise sogar glasig war und außen mit einer fast schon verbrannt anmutenden schwarzen Kruste versehen war, die aber durch komplexe Röstaromen begeistern konnte. Diese starken Röstaromen wurden kongenial ergänzt durch eine grüne Koriandermarinade, die den gesamten Fisch überzog und für ein für europäische Gaumen recht ungewöhnliches, aber spannendes Geschmacksbild sorgte. Auch diesem Gericht wohnte eine gewisse (Chili-) Schärfe inne (einigen Kolleg/innen standen schon die Schweißperlen auf der Stirn…), diese wurde aber durch das ergänzende recht milde Tomatenkompott wiederum gut ausgeglichen (*)

    Chicken Butter Masala served with Dal Maharani, Khumb Palak, Bread Basket and Basmati Rice: Als Hauptgang wurde ein auch bei uns recht bekannter Klassiker serviert, der aber eigentlich gar nicht aus Indien stammt, sondern von nach England eingewanderte Indern entwickelt wurde: Marinierte Brustabschnitte vom Huhn werden im Tandoori-Ofen gebacken und dann in einer Soße mit Tomaten, Butter, Sahne, Joghurt und Masala (Curry-Gewürzmischung) serviert. Dazu kombiniert wurde eine Art Linsenbrei, ein mit Champignons versetzter Rahmspinat, Naan-Brot und Basmatireis. Chicken Butter Masala hatte ich in indischen Restaurants in Deutschland schon in ähnlicher Form recht häufig auf dem Teller, aber dieses hier hob sich durch kleine, aber feine Unterschiede durchaus von diesen ab: Das Brustfleisch war von herausragender Qualität und wie bei der Vorspeise wurde die Schärfe der Komposition durch Butter, Joghurt und Sahne wieder auf eine geniale Art und Weise konterkariert, sodass eine geschmackliche Ausgewogenheit entstand, die man in dieser Perfektion länger suchen muss. Die Beilagen (vor allem der ebenfalls mit ordentlicher Chili-Schärfe versetzte Linsenbrei) waren hervorragend abgeschmeckt und ergänzten das Gericht sehr gut (*)

    Ras Malai, Tandoori Pear Chutney: Der Menüabschluss konnte das vorangegangene Niveau leider nicht halten, im Gegenteil: Das Ensemble aus gestockter Milch (einer missratenen Panna Cotta nicht ganz unähnlich…) und übersüßtem Birnenchutney umwehte ein dezenter Hauch von (verzeihen sie mir diese Assoziation, werter Forumianer) Klostein, was das Dessert zu einer – zurückhaltend ausgedrückt – doch sehr „speziellen“ Komposition machte. Die Geschmäcker sind natürlich verschieden und die Inder mögen andere Vorstellungen von einem gelungenen Dessert haben als wir Europäer, aber dieser Menüabschluss war leider zum Vergessen (-)

    Als Fazit lässt sich Folgendes festhalten: Ich bin kein Experte in Bezug auf die Küche des indischen Subkontinents und habe für viele der verkosteten Gerichte (bis auf das Chicken Butter Masala) keine Referenz- bzw. keine Vergleichsmöglichkeit, da ich sie einfach noch nie genossen habe. Trotzdem ist während fast des gesamten Menüs deutlich geworden (das Dessert klammere ich hier einmal gnädig aus), dass hier auf einem hohen Niveau gekocht wurde; vor allem das diffizile Spiel mit den Gegensätzen „mild“ und „scharf“ wusste während des Menüs durchgehend zu überzeugen.
    Ob der Hype, der in der englischen Presse in den letzten Jahren um dieses Lokal entfacht wurde („the hottest ticket in town“, und das nicht nur bezogen auf die Schärfe der Gerichte…) sowie der Michelin-Stern berechtigt sind, muss jeder für sich selbst entscheiden. Gerade in Bezug auf die Optik der Speisen und die Perfektion bis in die kleinsten Details wird die Küche des „Gymkhana“ vielleicht nicht allen Anforderungen gerecht, welche man in Deutschland mit den Kriterien für die Vergabe eines Sterns in Verbindung bringen würde, trotzdem war ich von der Qualität und der Zusammenstellung der Produkte sowie der geschmacklichen Vielfalt der exotisch und spannend gewürzten Gerichte sehr überzeugt, sodass ich allen Forumianern, die demnächst einen Kurztrip nach London planen, einen Besuch dieses indischen Restaurants nur „hottest“ bzw. „wärmstens“ empfehlen kann!

  • #2
    Danke für den Bericht, lieber El Grande! Ich kann mich immer mehr für die indische Küche begeistern und mich würde wirklich interessieren, worin genau dann der Unterschied zwischen besternter und unbesternter Küche liegt. Sie deuten das ja an in ihrem Bericht. Ist denn Chicken Butter Masala das gleiche wie Chicken Tikka Masala? Ich kenn eher letzteres. Bei meinem Inder um die Ecke begeistern mich auch die vegetarischen Gerichte sehr.

    Ich behalte den Tipp im Hinterkopf, falls es mich mal wieder auf die Insel verschlägt.

    M
    Zuletzt geändert von Muck; 02.08.2016, 16:20.

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    • #3
      Werter Matthias85,

      so wie ich den Service im "Gymkhana" seinerzeit verstanden habe, verbirgt sich hinter Chicken Butter Masala bzw. Chicken Tikka Masala das selbe Gericht, es firmiert nur unter diesen beiden unterschiedlichen Bezeichnungen.

      Mit kulinarischem Gruß

      El Grande
      Zuletzt geändert von El Grande Gourmet; 04.08.2016, 20:48.

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