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Viajante, London

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  • Viajante, London

    So, endlich gibt's in London ein Restaurant, wo man gut gemachte moderne Kueche essen kann. Sicherlich sind einige Gerichte von Nuno Mendes etwas beeinflusst von den Werken anderer Kollegen, aber das hat mich reichlich wenig gestoert, da er doch seine eigene Stilistik entwickelt hat.
    Mein erstes Essen dort, gerade mal 8 Tage nach der Eroeffnung war jedenfalls ohne jeglichen Fehler. Technisch waren alle 7 Gaenge perfekt, und die Produkte konnten sich auch sehen lassen. Der Aufwand der hier betrieben wird, ist selten in dieser Stadt zu sehen, daher macht es schon Spass solche Gerichte auch hier essen zu koennen.

    Die Weine sind von Linda, die vorher im Mugaritz Sommeliere war vorgeschlagen und sehr fair verechnet.

    Einziger Punkt, den man anbringen muss: Bethnal Green ist nicht gerade Mayfair oder Knightsbridge, daher sollte man vielleicht mim Taxi kommen, abends. Mich stoert es nicht die paar Minuten zur U-Bahn Station zu gehen, aber da gibt's immer wieder lustige, und weniger lustige Geschichten.

    http://felixhirsch.wordpress.com/201...ajante-london/

  • #2
    Auch wir waren jüngst im Viajante, das sich im erst 2010 eröffneten Town Hall Hotels & Appartments in Bethnal Green/Hackney befindet. Als waschechte Wannabe-Hipster mussten wir da natürlich auch wohnen, wobei das Hotel eigentlich uncool ist, weil es kein Pop-Up Hotel ist. Spaß beiseite, das Hotel, das umgebaute Rathaus von Bethnal Green, das zwischenzeitlich Film- und Fernsehkulisse war, ist wirklich zu empfehlen mit seinen sehr geräumigen Zimmern, dem tollen Service, einem guten Frühstück im Corner Room, einer bunt gemischten Umgebung und für Londoner Verhältnisse und diesen Standard akzeptablen Preisen.

    Im Viajante kocht Nuno Mendes, der erst im Januar Gastkoch im Ikarus in Österreich war. Bei unserem Besuch war er allerdings nicht zugegen. Wir nahmen zuerst ein Glas des House Punchs (mit Brombeermark, Earl Grey Tee und Champagner) in der schönen Hotelbar und wurden dann in den sehr entspannten und geschmackvoll eingerichteten Speisesaal geführt. Es gibt nur ein Carte Blanche Menu in 6, 9 oder 12 Gängen, bei dem man hier vorher weder eine Karte noch eine Art Zutatenliste bekommt. Der Service ist lustig und offensichtlich mit großer Begeisterung und Enthusiasmus für die Küche dabei. Der eine Kellner sah nach Bon Iver aus, der andere eher nach Elvis Costello.

    Los ging das Menu mit den ersten Amuses Gueules, nämlich "Thai Explosion II", einem knusprigen und scharf gewürzten Mini-Hühner-Sandwich, und einem Amaranth-Cracker mit Sauerklee, beides sehr gut. Auch die nächsten beiden Amuses, ein roh marinierter Glattbutt mit Löwenzahn und so genanntem Alexander Oil (was auch immer das sein mag) und ein Stückchen Iberico-Schwein mit karamellisierter Laktose und Iberico-Butter machten Spaß, wenn auch Späßchen wie das genannte Öl oder die Laktose keinen richtigen Eindruck hinterließen.

    Sehr schwierig war der erste reguläre Gang des Menus, Eismeergarnelen mit Krustentierbisque und gefrorener Mayonaise, bei dem die Bisque offenbar mit etwas Soja-Sauce angemacht war. Die Garnelen waren wie schon der Glattbutt roh mariniert und etwas schleimig in der Konsistenz. Die Mayonaise schmolz gleich, so dass man recht schnell eine etwas unappetitlich aussehende Mischung auf dem Teller hatte. So wirklich gut schmeckte der Gang eigentlich auch nicht. Sehr gut war aber der dazu gereichte Wein, ein 2006 Cava Extra Brut "Colet Navazos" der Equipos Navazos, der mit trockenem Sherry dosiert worden war, deshalb leicht oxidative Noten aufwies, etwas nach Hühnerbrühe schmeckte, sich aber gut zum Essen machte. Spätestens bei diesem Gang mit dem Wein wurde uns klar, dass wir es mit einem eher widerspenstigen Essen zu tun haben würden.

    Allerdings ging es dann deutlich zugänglicher weiter, jedenfalls mit dem Essen. Gang Zwei war ein Stückchen Regenbogeforelle mit Gemüsenudeln, zu dem ein Dassi Ni-wari San-bu Junmai Daiginjo Sake serviert wurde. Die Gemüsenudeln waren sehr dünn aufgeschnittene und al dente gegarte Gemüsestreifen. Zu der Regenbogenforelle gab es noch eine Kräutersauce. Das war regelrecht brav und auch der Sake war sehr weich und angenehm. Zugänglich ging es weiter mit einem der besten Gänge des Menus, nämlich Gegrilltem Sellerie mit Ricotta und Zitronenthymian, der Sellerie in verschiedenen Texturen, der Thymian mit dem Ricotta gemischt. Hierzu gab es einen gut passenden, eher dezenten Wein aus Spanien, nämlich einen 2010 Verd Alberta von Marti Fabra.

    Den nächsten Gang fand ich ebenfalls fantastisch, während Mademoiselle rocco eher mit dem Kopf schüttelte. Es war ein Stück Steinbutt mit roter Bete, verbrannter Milchhaut und Entenzungen. Auf der Karte, die man nach dem Essen ausgehändigt bekommt, stehen zwar Entenherzen, aber die kleinen aufgerollten Dinger wurden uns mündlich als Zungen präsentiert. Ich mochte sie offen gesagt ziemlich gerne und fand auch die Kombination aus fein (Steinbutt) und unfein (Entenzungen, verbrannte Milchhaut, rote Bete) ziemlich gelungen. Der Wein dazu passte zwar ganz gut dazu, war aber nichts für schwache Nerven. Der 2010 Hatzidakis Santorini Cuvée 15, nahezu ungeschwefelt, leicht oxidativ ausgebaut und sehr kräutrig und alkoholstark war einfach sehr kräftig.

    Der anschließende Fleischgang war enttäuschend, sous-vide gegarte Jungtaube mit Rotkohl, Senf und Wiesenkümmel. Der Rotkohl war roh und en miniature portioniert, das Gericht konzentrierte sich ganz auf das recht große Stück Taubenbrust, das ich allerdings geschmacklich etwas lasch fand. Dem Gang fehlte es an Ausdruckskraft. Gut dazu war aber der Wein, ein 2009 Côtes du Roussillon "Les Copines" von Jean-Louis Tribouley, einem der zahlreichen Vin Naturel Winzer im Roussillon. Zu dem Zeitpunkt waren wir offen gesagt ein ganz kleines bisschen überfordert von der Kompliziertheit des Menus, u.a. da man zu jedem Gang Dollase-mäßige Erklärungen wie "the oxidative notes of the wine go really well with the umami flavours of the bisque on the mid-palate" bekam.

    Die Desserts waren dann aber sehr versöhnlich. Los ging es mit der Viajante Olive, einer großen grünen Olive, die in Wahrheit eine Zwergorange mit Limettengelee drum herum ist. Überraschend und gut. Ganz ausgezeichnet und vielleicht der beste Gang des Menus war dann die sauer eingelegte und rohe Gurke mit einem Sorbet aus reduzierter Milch. Auch das letzte Dessert war hervorragend, nämlich eine Creme aus Topinambur mit Schokoladen"erde" und Schafgarbe. Das Dessert war von der Machart sehr ähnlich wie das Topinambur-Dessert bei Jean-Luc Rabanel, hier vielleicht sogar noch einen Tick besser durch die Schafgarbe. Auch der Wein dazu war wieder gut ausgewählt, ein 2000 Rivesaltes Ambré der Domaine Fontanel.

    Dann gab es noch ein paar moderne Petit Fours zum Café, und wir mussten erst noch einmal einen kleinen Spaziergang durch den Schnee machen. Etwas ratlos ließ uns das Menu schon zurück. Handwerklich ist das meiste einwandfrei zubereitet, auch ist ein eigener Stil der Küche zu erkennen. Mit den Ideen hatte ich hier und da meine Probleme. Mir war das Essen teilweise zu intellektuell. Letztlich macht für mich diese Art von anspruchsvoller moderner Küche aus, wenn ich die Wahl zwischen sehr bewusstem und "sensorisch-analytischem" Probieren und einfach genussvoll essen habe. Im Viajante waren manche Kompositionen sehr stark auf das "Sensorisch-analytische" hin ausgerichtet, schmeckten aber nicht so richtig gut (mir jedenfalls). Gleichwohl würde ich jederzeit wieder hingehen. Denn die Risiken, die hier genommen werden, sind es mehr als wert, mehrere Versuche zu starten. Und vergessen werde ich den Besuch sicher so schnell nicht.

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    • #3
      Um den olympischen Sprachgebrauch zu bemühen: Nuno Mendes im Londoner 'Viajante' ist goldmedaillenverdächtig und somit ein absolutes "must". Hier unser Bericht zu dem Restaurant im East End.

      Herzliche Grüße,
      Sf

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      • #4
        Sehr schön. Das weckt positive Erinnerungen. Jetzt, ein paar Monate später, wenn ich die Fotos des aktuellen Menus sehe und die dazugehörigen Eindrücke lese und wenn ich nochmal meine eigenen Notizen von damals anschaue, ist die Erinnerung viel positiver und nachhaltiger als der erste Eindruck damals. Wenn der Olympia-Druck weg ist, muss ich nochmal in die Town Hall nach Bethnal Green. Was gab es denn bei den Sternefressern im Viajante zu trinken?

        P.S. Ich freue mich riesig auf Olympia. Übermorgen 9.15 Uhr: Luftgewehr 10 m Frauen.

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        • #5
          Wenn das alles nur halb so gut schmeckt, wie es aussieht, muß es schon großartig genug sein. Was kann ich mir unter "chinesischem" Yuba vorstellen?
          s.
          PS: was die Getränke betrifft, werter rocco, da hab ich's inzwischen mit dem Nachfragen aufgegeben.

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          • #6
            Die Weinbegleitung wird nachgereicht...!

            Was "chinesischer" Yuba ist, wissen wir auch nicht, diesen Zusatz haben wir mal ganz unverfroren aus dem Menü übernommen. Geschmeckt hats jedenfalls (leider gibt es zu dem Gang kein Bild).

            Grüße
            b.

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            • #7
              Die Weinbegleitung ist nun online auf Sf.de.

              Ein grandioses Wochenende,
              Sf

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