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The Ritz*, London

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  • The Ritz*, London

    Das Ritz Restaurant in London, im gleichnamigen Hotel The Ritz, musste ich bei meinem letzten Arbeitsaufenthalt in London an einem Sonntagmittag unbedingt unterbringen, dazu hatte ich schon zu viel Gutes gelesen. Das Restaurant wird aktuell mit einem Stern bewertet, nicht wenige trauen dem Haus zwei Sterne zu. Serviert wird eine klassische französische Küche, die ich bei unserem Besuch aber durchaus als recht eigenständig und auch mit britischen Produkten arbeitend, erlebt habe. Der Koch John Williams ist sogar als Ritter mit dem MBE ausgezeichnet (Member of the Order of the British Empire) und wurde wohl zudem als erster britischer Koch für seine Verdienste rund um die Französische Küche von der französischen Regierung ausgezeichnet.



    Ein bisschen seltsam ist hier der Blick auf die Website, die nicht weniger als neun Menüs zur Schau stellt, die dann aber doch irgendwie alle mehr oder weniger gleich sind – eigentlich gibt es hier einfach ein 3-Gänge-Mittagsmenü für 70 GBP (am Wochenende sind es 77 GBP) und dann ein 5-Gänge-Menü zu 150 GBP und ein 7-Gänge-Menü zu 170 GBP. Eine Auswahl à la Carte gibt es hier auch, die Vorspeisen bewegen sich bei 40 bis 50 GBP, die Hauptgänge bei 60 bis 70 GBP und die Desserts bei um die 30 GBP. Mit 3 Gängen à la Carte ist man hier also auch schon bei 120 bis 140 GBP, insofern macht es hier für mich viel Sinn einfach direkt zum 5-Gänge-Menü zu greifen welches ohnehin dieselben Gänge aus der freien Auswahl aufgreift. Wie in London üblich kommt noch eine 12,5% „Service Charge“ oben drauf, die als „discretionary“ also freiwillig bezeichnet wird. Man kann diese ändern wenn man will, mehr dazu später. Recht klar ist auch der Hinweis, dass die Menüs mittags bis 13:30 Uhr verfügbar sind. Der Dresscode für Männer ist übrigens Anzug mit Krawatte.

    Irgendwie habe ich hier am Sonntagmorgen dann schon das Gefühl, dass wohl nicht ganz so entspannt zugehen wird wie es zum Beispiel in Paris der Fall wäre, wo man auch eine 13:30 Uhr Menügrenze sicherlich um 14:00 Uhr noch mit „es gab Verkehr“ wegargumentieren könnte – in Paris gibt es aber oft wahrscheinlich noch nicht mal eine schriftliche Menügrenze. Wir haben um 13:30 Uhr reserviert aber wir beeilen uns und tauchen dann schon gegen 13:15 Uhr auf. Nach dem Willkommen, Garderobe, etc., sitzen wir gegen 13:25 Uhr am Tisch – gegen 13:26 Uhr fragt der Service was wir uns wünschen, bei der Frage nach dem Menü wird direkt auf die Uhr geschaut („ah, wir haben 13:28 Uhr … hmmm, puh … ja, da können wir denke ich noch das Menü machen“). Danach verschwindet der Service mit schnellen Schritten – da habe ich anscheinend mit meiner Vorahnung richtig gelegen. Das sich der Service aktiv nicht freut wenn man das größere Menü bestellt, habe ich so auch noch nicht erlebt. Das Restaurant besteht aus einem großen Ballsaal, mit schätzungsweise ~80 Plätzen von denen heute Mittag viele das Mittagsmenü bestellen. Was man noch wissen sollte: Bei uns gab es Live-Klaviermusik. Mir persönlich hat es nichts ausgemacht aber meine Freundin hat es als „nervtötendes Gedudel“ bezeichnet und jede Musikpause mit einem „Was für eine Wohltat“ genossen.


    Ich erhalte kurz darauf die Weinkarte aber werde fünf Minuten später um 13:40 Uhr vom Service recht unwirsch angewiesen, diese wegzulegen, da der Service mit den (sehr fein gearbeiteten) Amuse Bouches einfach zusammen schon den ersten Gang serviert Dorset Crab with Almonds and Grapes. Okay, dann wird es heute eben kein Wein, dachte ich mir dabei. Das ist wirklich schade, weil der Teller selbst makellos ist. Unter einem dichten Schaum versteckt sich ein feines und süffiges Krabbentartar. Ein dazu à part serviertes Parmesangitter passt hervorragend. Und im Krabbentartar finden sich immer wieder ganze Mandeln und Traubenscheiben, was wirklich ein spannendes Texturerlebnis ist. Später fällt dann schon auf, dass Mandeln und Trauben wohl zu den Lieblingsprodukten des Koches zu zählen scheinen, aber das Ganze mal in purer Form zu erleben ist wirklich eine Idee. Das sind sicherlich schon 2 Sterne.





    Während wir auf den nächsten Gang warten (der aber auch schon nach weiteren 10 Minuten serviert wird), widmen wir uns den Amuses Bouches, die Foie Gras mit Kirsche (das rote Amuse) und Ziegenkäse mit Basilikum vereinen (das weiße Amuse). Das ist simpel und doch hervorragend im Geschmack.





    Mit wenig Umschweife folgt Tartlet of Duck Liver with Damson and Fig. Das Ganze ist fast zu schön angerichtet um es zu essen. Wer es anschneidet (was nicht ganz einfach ist, weil sich das ganze Gebilde mit verschiebt) wird belohnt – die Kombination aus Süße (durch die Feige und Pflaume) mit Entenleber ist sicherlich nicht neu aber der Clou hier sind die weißen Punkte etwas fettigeren griechischen Joghurts, die mit ihrem Schmelz einfach sehr gut zum Rest passen und einen Punkt hinzufügen, den ich so noch nicht kennengelernt hatte. Hervorragend (**).





    Cornish Turbot „Veronique“ kommt dann unwesentlich später – sehr gutes frisches Brot und fabelhafte Butter werden zwischenzeitlich auch serviert. Der Steinbutt ist tadellos gebraten, auf der Hautseite zudem dezent mit einem Curry und Salz bestrichen und vermutlich in etwas Butter angebraten, das fügt eine nahezu perfekte würzige Salzigkeit hinzu. Dazu gibt es dann wieder die bereits bekannten Trauben – die unten und oben jeweils abgeschnitten sind, um fest auf dem Teller zu stehen. Ein Dillöl mit einer Beurre Blanc passt tadellos hierzu. Ein weiterer hervorragender Gang der auch in einem Dreisterner nicht deplatziert wirken würde für diejenigen die mit der dezenten Süße (durch die Trauben) umgehen möchten. Die Qualitäten werden selbst auf den Fotos deutlich sichtbar (** bis ***).





    Das Serviertempo hat sich dann ein bisschen beruhigt. Als Hauptgang folgt Bresse Duck with Apricot, Almond, and Lavender – das ist eine klassische Entenbrust mit einer krossen Haut und bestreut mit verschiedenen Gewürzen und Crunch. Die Entenbrust ist mir persönlich etwas zu weit durch, zwar noch mit rosa Farbe aber die einzelnen Bluttropfen die z.B. bei Entengerichten in Paris gerne austreten und sich mit der Sauce vermengen und der daraus resultierende leichte Eisengeschmack haben mir hier gefehlt. Neben der klassischen klebrigen Honig-Rotwein Sauce wird kleiner Kohlrabi (?) serviert, obenauf die bereits bekannte Mandel. Eine geschmorte Aprikose gibt es auch. Das ist alles ganz nett aber es fehlt so ein bisschen das richtige Highlight, die weder die Beilagen noch die Ente an sich bieten können. (* mit Abstrichen)



    Dazu servierte Pommes Soufflées sind interessant aber steuern kulinarisch nicht so viel bei. Das schmeckt wie Kartoffelchips, die mit Luft gefüllt sind und Sauce aufnehmen können diese auch nur bedingt. Die Triple Cooked Chips von Heston Blumenthal zwei Tage zuvor haben mir da deutlich besser gefallen.



    Cox Apple with Sauternes and Vanilla ist das Pre-Dessert und versteckt sich abermals im kreisrunden Teller. In einem (sehr klar schmeckenden) Apfelschaum versteckt sich dann der Apfel klein gehackt mit einem Apfeleis. Das ist eine Deklination eines Apfelliebhabers aber schmeckt einfach sehr stimmig und hervorragend (**).

    Es hat mich natürlich bei diesem ignoranten Serviertempo nicht gewundert, dass dieser Gang schon auf dem Tisch steht als ich an den Tisch zurückkomme. Ich hatte direkt nach dem Hauptgang den Tisch verlassen, um auf die Toilette zu gehen (das ist gar nicht so einfach hier, man läuft 5 Minuten durch das Hotel und über mehrere Treppen um sie zu finden, unterwegs werde ich von zwei weiteren Männern angesprochen ob ich denn hier wüsste wo man diese versteckte Toilette findet), aber hier wird wohl einfach nur Programm abgespult, dass man fertigbringen muss egal was der Gast macht.





    Salzed Hazelnut with Praline and Milk Ice Cream war dann das Dessert bei uns und hat sehr stark an ein Snickers erinnert – sehr viel Erdnussbutter, sehr viel Schokolade und Nuss, daneben ein Milcheis auf einer Schiebe von noch mehr Schokolade und Erdnussbutter. Das war ohne Frage gut gemacht aber gefühlt hat man das alles schon einmal erlebt und gegessen und nach den vorher sehr guten Gängen war das nicht ganz auf dem selben Niveau (*).



    Es gab noch Petit Fours, die ganz gut waren – nicht mehr, nicht weniger.

    Da ist dann auch schon wieder die britische Servicedame neben mir (der italienische Sommelier hat sich deutlich einfühlsamer und netter präsentiert), die mit einem Kartenlesegerät wartet, um abzurechnen. Das war mir dann endgültig zu viel und ich habe die „freiwillige“ Servicecharge deutlich heruntergesetzt – für mich in London ein absolutes Novum aber 12,5% Trinkgeld sehe ich hier zu keinem Zeitpunkt gerechtfertigt. Einfach einen neuen Prozentbetrag auszugeben geht aber wohl technisch nicht, die Servicedame kommt nochmal wieder mit einer Rechnung ohne Trinkgeld und ich soll einfach selbst den Betrag wählen. Im Gespräch versucht sie sich noch zu verteidigen, dass man hier „von der Küche schon ziemlich unter Druck gesetzt wird und die Küche einfach schickt, ohne zuzuhören“. Mag ja sein, ein tolles Erlebnis war es für uns nicht und auf sowas kann man auch einfach empathisch schon bei der Bestellung hinweisen („Vorsicht, es geht heute schnell – wahrscheinlich möchte die Küche die Amuses mit der Vorspeise zusammen servieren“). Das geht so ein bisschen Hand in Hand mit meinen Arbeitserfahrungen in Großbritannien, wo man an opportunen Momenten auch gerne einfach ignoriert wird „wo es gerade passt“.

    Für uns hat das Serviceerlebnis das Essen deutlich überschattet – davon abgesehen können wir kulinarisch ein tolles Essen auf 2-Sterne-Niveau attestieren. Wiederholen werden wir es wahrscheinlich nicht. Wenn, dann würde ich hier direkt zur Eröffnung kommen um mich nicht direkt wieder durchs Menü peitschen lassen zu müssen. Kein Vergleich zum tollen Gesamterlebnis in einem Dinner by Heston, wo wir 2 Tage zuvor wieder waren (wobei die Küche hier im Ritz die Nase dann aber schon noch etwas vorne hatte).

  • #2
    Vielen Dank für Ihren lesenswerten Bericht, werter Frab! Man schüttelt ja an mehreren Stellen den Kopf, auch darüber, was ein Haus glaubt, sich an Gebaren leisten zu können...

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    • #3
      Auch von mir vielen Dank für den Bericht. Man hat ja Verständnis, dass es eine zeitliche Grenze geben muss, bis zu der eine bestimmte Menülänge für eine Bestellung angenommen werden kann, nur sollte die vom Restaurant aus auch so gewählt werden, dass das Menü dann in einem normalen Tempo abgewickelt werden kann. So ist es doch für alle Seiten stressig.

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