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Auberge de l'Ile **

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  • Auberge de l'Ile **

    Auf der Île (Barbe), nicht an der Ill steht in Lyon die Auberge. Zur Île Barbe zu gelangen ist gar nicht so einfach. Sie liegt inmitten der Saône am obersten Rand des 9. Arrondissements. Ohne Frau rocco (die eine Esspause brauchte) machte ich mich am Vormittag zu Fuß auf den Weg, erst zum Place Bellecourt, dann rüber nach Vieux Lyon zur Basilika Notre Dame de Fourvière, von dort wieder den Berg runter, über die Saône, nach Croix Rousse und dann den langen Weg in Richtung Cuire/Île Barbe. Als ich ankam war der Magen wieder aufnahmefähig. Die Île Barbe, die "Insel der Wilden" hat eine spannende Geschichte hinter sich. Im 5. Jahrhundert wurde hier ein Kloster errichtet und 1562 von den Protestanten weitgehend zerstört. Einige Reste stehen aber noch. Erst 1827 wurde die Brücke über die Saône errichtet, über die man die Insel heute zu Fuß und mit dem Auto erreicht. 1977 erklärte Félix Benoît die Unabhängigkeit der Insel und ernannte sich selbst zum Gouverneur. Wer bei seinem Tod 1995 die Nachfolge übernommen hat, weiß ich allerdings nicht .

    20 Jahre Michelin-Stern feiert die Auberge de l'Ile in diesem Jahr und Jean-Christophe Ansanay-Alex, Patron und Koch, der das Restaurant von seinem Vater übernahm, kann zurecht stolz darauf sein. Er begrüßt einen persönlich und erzählt einem auch etwas über das Haus und die Insel. Die Karte findet sich hier auf einem iPad, was in der Handhabung durchaus komfortabel ist, wobei ich Hemmungen hatte, nach Genuss der (natürlich fritierten) ersten Amuses mit den Fettfingern auf dem iPad rumzuwischen. Deshalb habe ich mir das Angebot lieber erklären lassen. Ein bisschen aus schlechtem Gewissen (ca. 8 Küchen- und Servicekräfte für einen Gast) nahm ich nicht eins der günstigen Mittagsmenus, sondern das reguläre Menu. Die Amuses konnten mich überzeugen, fast die besten Amuses auf der Frankreich-Reise. Los ging es mit zwei Kräuter-Beignets, in Tempura-Teig fritierten Kräutern (Basilikum, Koriander, Minze habe ich rausgeschmeckt). Das war sehr erfrischend. Danach wurden eine Blutwurstscheibe auf Apfel, etwas mit Foie Gras und noch ein drittes Häppchen gereicht, alle sehr fein.

    Die Vorspeise war old-school französische Küche vor der Nouvelle Cuisine, aber als einmaliges Erlebnis herrlich. Crème Riche de Noix de St. Jacques de la Baie d'Erquy, Carreaux fondus de Beurre Salé, Caviar Ossietra. Das Süppchen war tatsächlich sehr reichhaltig, aber von einem so feinen Geschmack. Die salzige Butter, die Sahne, der feine Jakobsmuschelgeschmack und der feine Ossietra-Kaviar, es machte sich ein an Dekadenz grenzendes wohliges Gefühl puren Luxus' breit. Dazu gab es ein Glas 2011 St. Péray Les Figuiers von Bernard Gripa, eine Cuvée aus Marsanne und Roussanne, eher säurearm, auch eher opulent, aber zum Essen durchaus gut passend.

    Danach, und eigentlich habe ich hauptsächlich deshalb das große Menu genommen, gab es noch einmal Hechtklösschen, auch hier wieder als Mousseline. Mousseline légère de Brochet et Langoustines, Nougatine de l'Ail doux, Epinard au Beurre noisette, un Beurre d'Agrumes hieß das Ganze und übertraf das bereits äußerst gute ähnliche Gericht bei La Mère Brazier um Längen. Die Hecht-Mousseline war hier wegen der Beimischung kleinerer Anteile Kaisergranat noch etwas feiner im Geschmack. Kleinere Stückchen Kaisergranat lagen oben drauf. Zwei wunderbare Kontraste brachten die Zitrusfrüchtebutter, die wirklich schön sauer und frisch ausfiel, und vor allem der süß-knoblauchige Ring Knoblauch-Nougatine. Der Spinat diente eher als Gaumenneutralisierer. Dieses Gericht war für mich genial, absolut genial, und wird hoffentlich zum Klassiker des Hauses, falls es das nicht ohnehin schon ist. Eine sehr clevere Weiterentwicklung des Klassikers der Hecht-Klösschen mit Krustentieren. Als Wein wurde dazu ein 2009 Bourgogne Hautes-Côtes de Beaune aus dem Hause Jayer-Gilles serviert, der angenehm zu trinken war, aber nicht sonderlich auffiel.

    Der Hauptgang konnte mich dann nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen bewegen. Das Cochon de lait "Noir de Bigorre", Gnocchi et Trompettes, also ein Noir de Bigorre Schwarzfußschwein aus dem Südwesten Frankreichs mit Gnocchi und Herbsttrompeten, war geringfügig geräuchert und zwar angenehm zart und auch wohlschmeckend, wird mir aber nicht als Referenz-Schweinchen in Erinnerung bleiben. Die Gnocchi und Herbsttrompeten waren dazu gute Begleiter. Auch der Wein war gut dazu, ein feinfruchtig-herber 2008 St. Nicolas de Bourgeuil "Les Graipins" von Amirault-Grosbois.

    Ein Muss für Käseliebhaber ist anschließend der Käsewagen, hier in der Form dreier Platten mit verschiedenen Kategorien von Käsen. Ich entschied mich für einen extrem laufenden Chèvre und einen Saint-Marcelin der Mére Richard und noch zwei weitere lokale Käse. Die Käse sind hier unglaublich gut affiniert, perfekt auf den Punkt gereift, fein und doch animalisch im Geschmack, ein bisschen wie ein Stall voller Ziegen und Kühe gekleidet in feinstes Hermès-Tuch. Die Kellnerin und Sommelière geht voll im Käse auf, wollte mein Feedback wissen, wie gut oder nicht gut dieser und jener Käse gereift sei. Man merkt also, dass dem Käse hier besondere Aufmerksamkeit gewidmet wird.

    Da der Reiz manchmal in der Wiederholung liegt, nahm ich auch auf der Île Barbe ein Soufflé als Dessert, hier ein Soufflé Chaud à la Mandarine et sa délicate glace au Safran. Das Soufflé kommt hier in einem kleinen Eisentöpfchen und wirklich geschickt sticht die Kellnerin eine Nocke Safranein hinein, so dass das Soufflé heil bleibt und sich das Eis im Innern ausbreiten kann. Ein Wunderwerk, das auch in diesem Fall wunderbar duftete und noch wunderbarer schmeckte, da hier nicht nur mit den Texturen gespielt wurde, sondern auch mit der Temperatur. Im Kern des Eises war es noch (fast) eiskalt, wurde nach außen hin aber immer wärmer und verschmolz mit dem Mandarinen-Soufflé. Ein grandioses Dessert. Dazu gab es einen 2011 Jurancon Ballet d'Octobre der Domaine Cauhapé, eine exzellente Wahl, die dem Dessert noch einen zusätzlichen Hauch Exotik verleihte.

    Kaffée und Mignardises rundeten einen sehr schönen Restaurantbesuch ab. Im Fazit ist die Küche in der Auberge de l'Île durchaus mit der bei La Mère Brazier vergleichbar, denn auch hier wird tendenziell klassisch opulent-französisch gekocht, vielleicht einen Hauch weniger lyonnais als bei La Mère Brazier. Dafür ist die Küche in der Zubereitung, Präsentation und auch im Geschmack ein ganzes Stück feiner. Im Vergleich zu anderen besuchten **-Restaurants sah ich die Auberge de l'Île eher am oberern Rand. Allerdings sind die Preise für die Menus und den Wein auch nicht weit von ***-Niveau entfernt. Trotzdem. Allein wegen der Anreise und der interessanten Atmosphäre auf der Île Barbe und im Restaurant, wegen der Käseauswahl und wegen Tellern wie der Hecht-Mousseline lohnt ein Besuch auf jeden Fall.

  • #2
    Koennte ich vielleicht adoptiert werden?
    Im Gegensatz zu Frau Rocco habe ich auch immer Appetit.

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    • #3
      Zitat von glauer Beitrag anzeigen
      Koennte ich vielleicht adoptiert werden?
      ja ich auch!

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      • #4
        Werter Rocco, wenn Sie nicht aufpassen, haben Sie bald eine Großfamilie.

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        • #5
          @rocco

          Waren Sie denn - wenn schon in der Gegend - auch beim Altmeister?

          Gruß: G.

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          • #6
            Hier ein kurzer Eindruck von roccos Großfamilie. Wer der Junge ganz links ist, kann ich nicht genau erkennen, mohnkalb oder doch etwa glauer
            http://www.youtube.com/watch?v=e_nOXWUHFZ0
            Gruß s.

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            • #7
              Zitat von Schlaraffenland Beitrag anzeigen
              Wer der Junge ganz links ist, kann ich nicht genau erkennen, mohnkalb oder doch etwa glauer
              Ich bin's nicht, muss also der gut gemästete glauer sein.

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              • #8
                Das bin ich. Crème riche, beurre, usw. zeigen ihre Spuren... Sie, Herr Schlaraffenland, sind sicher der freche da oben in der Mitte.

                Bei rocco und seiner Familie musste ich ja hieran denken: http://www.youtube.com/watch?v=M3tK_13gLDI

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                • #9
                  Also dann, wo wir gerade bei Familienfotos sind:
                  http://www.twotsi.com/pdata/XAPP-129...ers-family.jpg
                  Meine liebe Frau links, unten unser kleiner. Das Foto entstand in Perl, daher ist auch Herr Bau (2.v.rechts, oder war es mit Amador in Mannheim???) und eine Servicekraft (ganz rechts) auf dem Foto...

                  Mk, S.
                  Zuletzt geändert von Sphérico; 27.01.2013, 00:18.

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                  • #10
                    Zitat von GUSTL Beitrag anzeigen
                    @rocco

                    Waren Sie denn - wenn schon in der Gegend - auch beim Altmeister?

                    Gruß: G.
                    Um auf diese Frage noch einmal einzugehen: nein, bei Paul Bocuse waren wir nicht. Zwar hat irgendein deutscher ***-Koch (ich glaube, es war Herr Wohlfahrt) neulich noch im Interview gesagt, er hätte erst vor kurzem eines der besten Essen in letzter Zeit bei Bocuse gehabt. Im Zweifel ist also die Qualität weiterhin überragend. Ich würde aber auch heute nicht auf ein Konzert z.B. der Talking Heads oder Roxy Music gehen (wenn sie überhaupt noch Konzerte geben würden), auch wenn sie - anders als die Sex Pistols - heute noch Konzerte nicht aus Kommerzgründen, sondern aus Spaß am Spielen geben würden. Ich habe kein Problem damit, dass ich die große Zeit bestimmter Personen aus Altersgründen nicht zur gegebenen Zeit erlebt habe. Ich habe irgendwie Zweifel, dass man diese große Zeit über 40 Jahre aufrecht erhalten kann. Und deshalb (aber auch aus reiseroutenbedingten Gründen) haben wir auf einen Besuch bei Paul Bocuse verzichtet.

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