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    Restaurants gibt es in Paris wahrlich genug. Hervorragende Restaurants auch, einige der besten sogar. Aber der Sonntag ist problematisch. Ich habe den Michelin rauf und runter studiert, aber fast alles, was mich im Einsterne- oder Bib-Bereich interessiert, hat Ruhetag. Und das, was gehyped wird, ist nahezu unmöglich zu reservieren. Ich komme mir wie ein Clown vor.

    Die Wahl fällt auf das "Bistrotters", ein kleines Bistro im 14. Arrondissement, etwas abgelegen und unscheinbar. Dieses mit einem Bib Gourmand ausgezeichnete Lokal ist eines von dreien in Paris, das zu den "Jeunes Restaurateurs gehört.

    Es ist das komplette Kontrastprogramm zum Abend vorher, als wir im noblen Rahmen das Dreisterne-Hochamt zelebrierten. Und genau dieser Gegensatz sollte es auch sein. Im "Bistrotters" ist es klein, eng, laut - aber mindestens genau so international. Es gibt jeweils 4 Vorspeisen, Hauptgerichte und Desserts. Man kann 2 oder 3 Gänge wählen. Die Preise sind mit 32 bzw. 36 Euro sehr moderat. Für einige Gerichte wird ein kleiner Aufschlag fällig, aber auch der hält sich in Grenzen.


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    Interieur & Menü

    Das "Bistrotters" betreibt auch einen Weinhandel. Das spiegelt sich in der der kleinen, aber höchst individuellen Weinkarte wieder. Wir lassen uns von der überaus charmanten Mariia Litvinova beraten und sind mit dem empfohlenen Muscadet Vieilles Vignes von der Domaine des Hautes Noëlles sehr zufrieden. Von alleine hätten wir diesen Wein von der Loire vermutlich sonst nicht gewählt.

    Aus der Küche von Erwan le Gahinet kommt als Amuse Bouche eine geröstete Scheibe Baguette mit einer luftig aufgeschlagenen Creme, Lachskaviar und etwas Kräutern. Wir sind den ganzen Tag gelaufen und daher dankbar für diesen frischen Happen.


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    Amuse Bouche

    Meine bessere Hälfte startet mit der Foie Gras nach Art des Hauses. Und die ist sehr klassisch. Eine Terrine in makelloser Konsistenz, begleitet von Rotweinzwiebeln, einem fruchtigen Chutney, etwas Gewürz, einem gut angemachten Salat und etwas geröstetem Brot. Das ist Bistroküche, wie man sie sich wünscht. Einwandfreies Handwerk, gute Produkte und nichts, was sonst davon ablenkt. Der separat dazu empfohlene, gereifte Riesling von Zind-Humbrecht passt sehr gut.


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    Foie Gras Bistrotters - nach Art des Chefs

    Ich beginne mit dem gebratenen Oktopus, der sehr zart ist, auf konfierter Kartoffel, einem würzigen Pesto aus Brunnenkresse, Streifen von Sellerie und dem gleichen guten Salat. Das ist ebenfalls sehr schmackhaft.


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    Pulpo, in Olivenöl konfierte Kartoffel, Brunnenkresse

    Im Hauptgang gibt es auf der anderen Seite des Tisches knusprigen Schweinebauch, der auch tatsächlich knusprig ist. Fenchel, Karotten und Kartoffeln sowie eine kräftige Jus unterstreichen den rustikalen Charakter des Gerichtes.


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    Knuspriger Schweinebauch, kleine Kartoffeln, Fenchel, Cidre

    Auf meinem Teller dominiert ein Heiß-Kalt-Kontrast. Das Tatar von der geräucherten Ente ist getoppt mit einer Avocadocreme. Das Ganze befindet sich auf Kartoffelpüree. Etwas zitruslastige Sauce setzt Säureakzente. Das ist durchaus stimmig und harmonisch. Aber als Hauptgang wirkt das auf mich irgendwie unausgegoren und etwas unbefriedigend. Als Vorspeise hätte mir das sehr gut gefallen, aber gerade mit Blick auf den dampfenden Teller mir gegenüber kann ich ein gewisses Neidgefühl nicht unterdrücken.


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    Tatar von geräucherter Ente, Avocado, Kartoffelpüree, Zitrus

    Im Dessert entscheiden wir uns einmal für fruchtig und einmal für süß, sehr süß. Der fruchtige Nachtisch kombiniert pochierte Birne mit Quittenkompott, Nüssen und Kardamomeis. Nach dem deftigen Schweinebauch ist dies ein schöner frischer Abschluss, der aromatisch sehr schön den Herbst widerspiegelt.


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    Pochierte Birne, Quittenkompott, Kardamomeis

    Mein Teller ist weder etwas für Kalorienzähler noch für Cholesterinfanatiker. Ich habe keine Ahnung, warum ich mir ausgerechnet das bestellt habe. Aber die Aussicht auf eine schöne Version des "Pain Perdu", also der Armen Ritter, nur halt nicht mit schnödem Weißbrot, sondern buttrigem Brioche, ist zu verlockend. Dazu Salzkaramellsauce und Schokoladenblätter - dies ist definitiv kein "Du darfst", sondern mehr ein "Du kannst mich mal"-Dessert. Es schmeckt genau so, wie es sich liest. Süß, buttrig, knusprig und üppig. Ich muss nach der Hälfte kapitulieren und tausche mit meinem Gemahl.


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    Arme Ritter, Salzbutter-Karamell-Sauce, knusprige Schokolade

    Danach hilft nur noch ein Kaffee und ein Obstbrand. Und ja, drei Gänge sind im "Bistrotters" mehr als genug. Das war lecker, teilweise sehr traditionell, mitunter ein wenig kreativ, aber ansonsten in bester Bistro-Tradition.

    Gemessen am Standard anderer Jeunes Restaurateure ist dies insgesamt schon sehr rustikal und vielleicht nicht auf dem hoch elaborierten Niveau, das man sonst gewohnt ist. Aber gemessen an dem, was ein Bib Gourmand-Restaurant ausmacht, ist dies eine sehr gute Adresse. Die Qualität stimmt, der Service, die Stimmung und das Preisniveau auch. Was also will man mehr?

    Als wir bezahlt haben und gehen wollen, ruft uns Mariia an den Tresen und schenkt uns noch zwei Gläser selbst angesetzten Rum mit allerlei Gewürzen ein. Das ist irgendwie auch rustikal, aber auch ausgesprochen köstlich. Hätte der Abend passender und gastfreundlicher zuende gehen können?

    Bericht wie immer auch unter: http://tischnotizen.de/bistrotters-paris/

    Zuletzt geändert von thomashaj; vor einer Woche.

  • #2
    Vielen Dank für Ihren Erfahrungsbericht von einem Pariser Bib-Gourmand-Bistro, der mit Ihrer Einschätzung für viele dieser Lokale stehen kann: Klein, eng, laut, teils traditionell, teils kreativ, rustikal, aber insgesamt ganz in Ordnung. Wir sind damit im Sommer nicht so glücklich geworden, da diese Lokale, wie Sie es auch beschreiben, weit weg sind von den besternten Adressen, aber auch nicht ein so durchgehend solides Niveau bieten, dass man am nächsten Abend wiederkommen möchte. Wir waren im LÁpibo und Jouvence und verließen beide Lokale letztlich mit einem „na ja!“. Ich muss gestehen, dass wir uns für die "Küche zwischendurch“ in den traditionellen Brasserien ( z.B. Bofinger) wohler gefühlt haben – keine Überraschungen, aber verlässliche Qualitäten.

    Schönen Gruß, Merlan
    Zuletzt geändert von merlan; vor einer Woche.

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