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Le George im Four Seasons Hotel George V*

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  • Le George im Four Seasons Hotel George V*

    Im Pariser Luxushotel Four Seasons an der Avenue George V befindet sich nicht nur das 3-Sterne-Restaurant Le Cinq sondern seit wenigen Jahren auch das schon besternte italienische Restaurant Le George. Dazu gibt es auch noch die Orangerie mit einem Stern, das Haus hält also den Sterne-Hattrick.



    Ich war Ende August / Anfang September gleich zwei Mal im Le George: Einmal alleine an einem warmen Montagabend und dann habe ich begeistert vor Ort direkt nochmal eine Reservierung getätigt für mich und meine Freundin für den Freitag die Woche darauf. Die Gründe lagen dabei zwar auch in der Qualität des Essens aber hier wurde viel Wert darauf gelegt eine schöne Gesamterfahrung in einem luxuriösen Ambiente zu bieten. Es hat eigentlich alle Attribute für ein Szene-Restaurant in Paris … wobei sich die „Szene“ in Paris wahrscheinlich dann doch lieber in halbgaren Restaurants mit Ausblick und „asiatischer Fusionsküche“ wie dem Kong verabreden würde.

    Das Le George hat starke Ibiza-Mykonos-Vibes. Da ist zum einen der Service von dem wohl niemand älter ist als 30 Jahre, das Hemd immer mindestens 1-2 Knöpfe zu weit geöffnet und alle, egal ob Männer oder Frauen, sehen aus als seien sie einem Model-Katalog entsprungen. Dazu kommt die italienische Küche, die vorneweg einen „Crudi“-Abschnitt hat, also rohen Fisch in verschiedenen Variationen. Es ist nur folgerichtig, dass die Speisekarte dazu dann auch gleich die Instagram-Abkürzungen des Hauses und des Koches Simone Zanoni aufführt. Im Hintergrund wird leise Techno-Pop-Musik gespielt. Würde das Haus „Ushuaia“ oder ähnliches heißen und in Ibizia stehen, es wäre mir nicht fremd vorgekommen.

    Was für ein Haus dieser Kategorie dann aber auch merkwürdig ist: Es gibt hier einige bessere Tische (tolle Aussicht, Innenhof, gleichzeitig recht ungestört und entspannt) und einige nicht so tolle Tische (ganz hinten in der Ecke hinter einer Säule oder mit dem Rücken direkt 50cm hinter dem hektischen Gästeempfang). Bei beiden Besuchen bin ich zielsicher erst einmal an einen dieser nicht so tollen Tische platziert worden. Bei beiden Malen habe ich es angesprochen und bin umgesetzt worden, beim zweiten Besuch vom Tisch hinter dem Gästeempfang dann in die hinterste dunkle Ecke des Raumes, bevor es dann (nachdem ich es nochmal angesprochen habe) weiter ging an einen schöneren Tisch. Dieses „Problem“ scheint hier im Haus wohl Standard zu sein und man sollte es einfach im Vorhinein wissen. Es empfiehlt sich hier daher eine frühe Reservierung an denen viele Tische noch leer sind damit man noch ohne große Diskussionen umziehen kann. Der Service fühlt sich auf Nachfrage damit übrigens sichtlich unwohl, sagt immer erst einmal „wir müssen schauen was überhaupt noch möglich ist“ und es dauert immer ein paar Minuten bevor eine Lösung präsentiert wird. Wie ich dann vor Ort gelernt habe bemüht sich das Restaurant einen Teil der „besseren“ Tische immer für die Hoteleigene Kundschaft bereitzuhalten (bei Zimmerpreisen jenseits der €1000 die Nacht im Hotel für mich dann eigentlich auch irgendwo nachvollziehbar aber von einem Restaurant dieser Klasse erwarte ich schlicht das Thema „schlechte Tische“ einfach nicht zu haben; lieber weglassen!).

    Wie dem auch sei, ich war hier an einem Montagabend Ende August an dem es warm genug ist um draußen im schönen Innenhof zu sitzen. Natürlich nachdem ich zuerst eine kurze Diskussion am Tisch geführt habe bei 25 Grad lieber draußen zu sitzen als drinnen und man es mir zuerst im komplett leeren Restaurant und im fast leeren Innenhof nicht zusagen wollte – aber das gehört in solchen Etablissements ja ein Stück weit dazu. Eine kurze Seitennotiz: Luxushotels mit vierstelligen Preisen schützen einen aber leider auch nicht immer vor Gästen mit Geschmacksverlust – eine sehr laute, sich gegenseitig anschreiende Gruppe stark geschminkter Engländerinnen mit T-Shirts in sehr großen Aufdrucken von Designermarken trinkt hier hinter mir (zu viele) Cocktails und teilt zu viele intime Details aus dem privaten Liebesleben aber bezahlt immerhin kurz darauf und verschwindet zurück aufs Zimmer, sodass ich mich dem Essen widmen kann. Direkt neben mir sind die Fenster des 3-Sterne-Restaurants Le Cinq, so nah (aber nicht drin) an einem 3-Sterner habe ich dann wohl noch nie gegessen.



    Vorab serviert wird ein tiefer Teller mit kleinen komplett frittierten Krabben und eine sehr nach Parmesan schmeckende Gebäckstange. Die Krabben kann man ganz angenehm zum Aperitif knabbern aber in dieser Menge mit über hundert Stück ist das auch nur etwas für hartgesottene Liebhaber. Dazu serviert wird ein Teller mit Olivenöl und eine Focaccia auf dessen Oberfläche es 3-4 Lauchzwiebeln mit Haut und Wurzeln geschafft haben. Das knabbert sich ebenfalls ganz angenehm aber sonst nicht weiter bemerkenswert und es ist eine obszön große Portion. Hungrig geht man hier also schon einmal ganz sicher nicht, wenn man es nicht explizit darauf anlegt.




    Die Karte zeigt moderne italienische Küche auf und unterteilt sich in die Abschnitte „Crudo“, „Vorspeisen“, „Pasta und Risottos“, „Salate“, „Fisch“, „Fleisch“ und Desserts. Ein Degustationsmenü aus 5 Gängen für €138 p.P. gibt es hier auch – man würde sich damit aber der sensationellen Tarte Tatin berauben (später dazu mehr).



    Zu einem sehr gut temperierten und erstklassigem Glas Champagner vom Erzeuger Philipponnat (€25, wird hier aus einer exklusiven „Le George“-Magnum-Flasche ausgeschenkt) stöbere ich in der Karte und stelle mir aus dem Crudo-Abschnitt schon einmal Arancinis safranés, tartare de thon (€12) und Crudo de sériole („Yellowtail“) mariné au citron (€22) zusammen.



    Die Arancini, eigentlich frittierte Reisbälle mit Füllung, sind hier etwas anders interpretiert. Auf einem Shiso-Blatt befindet sich ein knuspriger Quader frittierter Safran-Reis und obenauf das würzige Thunfisch-Tartar. Das Gebilde ist noch warm und wer Safran mag wird hier voll auf seine Kosten kommen, dieser ist hervorragend hervor zu schmecken, es ist knusprig, würzig, der Schmelz vom Thunfisch und das Shiso-Blatt passen hervorragend. Eine erstklassige Einstimmung (**). Die dazu servierte Gelbschwanzmakrele (Yellowtail) hat eine gute Produktqualität aber die Zitronensauce dazu ist etwas zu stark abgebunden und etwas stumpf und überlagert damit den Fisch und die Frische. Das „schafft“ man mithilfe der Focaccia aber das ist nicht ganz auf dem Niveau der Arancini (vielleicht *).




    Das nächste Gericht kommt auf der Speisekarte ziemlich unscheinbar daher, da es mit gerade mal €15 hier auch die günstigste Vorspeise ist. Die Tarte tatin de tomates confites, glace cacio e pepe hat es dann aber absolut in sich. Serviert wird tatsächlich eine kleine Tarte Tatin, auf dem Blätterteigkuchen gibt es aber statt Äpfeln konfierte Tomaten, alter Balsamico-Essig ist auch mit von der Partie – das Gericht ist heiß, die Tomaten klebrig, Umami pur, süß, sauer. Als wäre das nicht genug wird am Tisch vom Service aus einer separaten Schüssel (sonst wäre es auf der warmen Tarte unterwegs schon abgeschmolzen) das Cacio-e-Pepe-Eis auf die Tarte gesetzt. Das Eis ist purer Pecorino-Käse, wahnsinnig intensiv, cremig, schmelzig im Geschmack und eine zweite Umami-Bombe. Dieses Gericht ist mit seiner Umami-Haltigkeit extrem und doch vielseitig – warm versus kalt, süß versus sauer, knusprige Textur vom Blätterteigboden versus das cremige Eis. Hier hat der Koch Simone Zanoni in kurzer Zeit ein Signature-Gericht für sich erfunden und setzt es tatsächlich noch als das Günstigste auf die Karte! Für diesen Teller lohnt es sich zu reisen (** bis ***).



    Bei den Hauptgängen gibt es dann Klassiker – Beef Tagliata, Cotoletta alla Milanese, korsisches knuspriges Schwein oder gebratene Seezunge. Nach dem vorherigen Kracher wirkt mir das alles aber schon fast ein wenig gewöhnlich und daher bleibe ich nach langer Überlegung im Pasta- und Risotto-Abschnitt der Karte stehen und bestelle Risotto au safran, sot l’y laisse caramélisés (€38). Das Gericht hält dann auch was es verspricht – ein großer Teller mit einem cremigen aber bissfesten Safranrisotto und dazu die karamellisierten, zarten Pfaffenstücken. Der Star hier ist aber das Risotto dessen metallener Safrangeschmack sich hier in aller Klarheit erschmecken lässt. Ein erstklassiges Gericht (* bis **).



    Hiernach nehme ich auf Empfehlung des Services als Dessert die Fraises rafraîchies au sureau, meringue glacée, brebis (€23) und was gibt es an der Verbindung aus Erdbeeren (die letzten der Saison) mit Wassereis, Meringue und Milch mit etwas Olivenöl nicht zu mögen? Das löffelt sich sehr angenehm weg (*).



    Ein Espresso (€8!) mit zwei leider sehr stark gefrorenen Petit Fours muss dann meine Gemüt abkühlen.



    Inzwischen ist es hier dunkel geworden und mit zwei Gläsern vom Champagner und einem Glas Rotwein (in Summe €73) endet die Rechnung bei €191. Das habe ich als fair empfunden für ein Essen mit vielen Highlights, das ich eher schon bei 2 Sternen als bei einem gesehen habe. Positiv ansprechen muss ich auch nochmal den Wein-Service – sehr versiert und empfehlungsstark solange man in Frankreich bleibt und alle Weine kommen in schönen Gläsern perfekt temperiert an. Es würde mich nicht wundern, wenn es hier hin und wieder einen Austausch mit dem benachbarten Le Cinq gäbe.



    ***

    10 Tage später darf ich hier vorfreudig wieder nach den Rechten sehen. Leider regnet es draußen, also ist der Innenhof keine Option und es gibt ebenfalls wieder mehrere Nachfragen um den Sitzplatz – wobei sich diese dann auch lösen lassen. Und drinnen ist es in einem überdachten Wintergarten auch sehr spektakulär schön.




    Es gibt wieder die frittierten Krabben, Parmesanstange sowie Olivenöl und Focaccia – alles unverändert.



    Safran-Arancini und die Gelbschwanzmakrele präsentieren sich hier wie beim letzten Besuch. Wir bestellen auch Dorade, Crudo de daurade aux trois vinaigres, tomates cerises marinées (€25), aber diese reiht sich im Niveau leider eher bei der Gelbschwanzmakrele ein. Die Produktqualität des Fisch lässt sich erschmecken aber ein sehr klarer und sehr leichter Tomatenessig weiß dagegen kaum Akzente zu setzen, da hilft auch ein einzelnes, wenig bemerkbares Basilikumblatt nicht (vielleicht *).



    Gar nicht gefallen hat uns zudem die Vorspeise Carpaccio de boeuf à la truffe noire (€25). Was vielversprechend klang sind auf dem Teller hauchdünne Abschnitte vom Rindercarpaccio und obenauf liegt kaum zu schmeckender, sehr klein gehackter Trüffel, der wie eine Paste drübergestrichen wurde. Man weiß eigentlich noch nicht mal, ob man hier Trüffel vor sich liegen hat oder ob es nicht eigentlich angebratener und klein gehackter Steinpilz ist. Das ist alles sehr pappig und wirkt wie ein Abzockgericht für Spesenessen die einen Geschäftsabschluss begießen müssten.



    Wer hier übrigens keinen Wein will kann hier in die Cocktailkarte schauen. Bei Preisen ab €30 wird man damit aber nicht zwingend glücklich. Unser Espresso Martini ist gut aber vergleichbares Niveau kriegt man andernorts auch schon für €12 (nur ob man dann auch gut Essen kann ist natürlich nicht gesichert!).



    Zumindest die Tarte Tatin überzeugt hier wieder auf ganzer Linie, auch meine Freundin (als ausgewiesene Käseliebhaberin) hat diesen Gang als extrem empfunden. Extrem in jeder Hinsicht aber einfach extrem gut, ein Geniestreich (** bis ***).



    Danach war mir noch nach einem Pastagang, außerhalb der Karte werden heute Agnolotti Carbonara angeboten. Unser italienischer Mann im Service empfiehlt diese als „beste Carbonara die man erleben kann“, ein Italiener genießt in Pastafragen schon aus Prinzip mein uneingeschränktes Vertrauen und somit willige ich ein.

    Auf dem Teller präsentieren sich dann ringförmig die Agnolotti, die allesamt einen flüssigen Kern aus Käse beinhalten. Dazu gibt es sehr klein gewürfelten Guanciale und etwas Käse sowie eine Sauce die verdächtig nach Sahne aussieht und schmeckt aber vielleicht auch weiterer geschmolzener Käse mit dem Kochwasser der Nudeln sein könnte (um hier kein italienisches Sakrileg zu begehen!). Das ist handwerklich sehr gut gemacht aber als passionierter Carbonara-Kocher – ich habe mich auf Youtube am Rezept von Sternekoch Luciano Monosilio bedient, der manchmal auch als „King of Carbonara“ gepriesen wird – hätte ich ein, zwei Stellschrauben. Zum einen würde ich persönlich mehr Käse verwenden, hier stehen doch sehr stark die (vielen) Pasta im Vordergrund und die flüssige Füllung macht den Geschmack mit der Zeit recht (milch-)sauer. Zum anderen bin ich persönlich kein Fan davon Guanciale in winzige Streifen zu schneiden. Das mag sich hier gut dosieren lassen und ist dazu natürlich auch kosteneffizient aber man beraubt sich dem sensationellen Texturerlebnis, dass dickere gebratene Guanciale-Würfel (am besten mind. 1cm dick) mit sich bringen. In Summe ohne Zweifel ein sehr guter Gang (*) aber die „beste Carbonara die man erleben kann“ war es dann doch noch nicht.



    Bei den Desserts war mir wieder nach den Erdbeeren mit dem gefrorenen Meringue vom Vorbesuch aber das gibt es 10 Tage später leider nicht mehr auf der Karte (es wurde am Vortag mangels Erdbeeren in Saison abgeschafft!) und um auf der leichten Seite zu bleiben habe ich mich für Crème brulée au fromage frais, framboise (€13) entschieden. Die Überraschungen halten sich dann auch in Grenzen: Es ist eine Crème brulée vom Käsekuchen, also Käsekuchen mit Zucker bestreut und angeflämmt, und dazu gibt es Himbeeren pur, als Sauce, als Kleckse und als (sehr gutes) Eis. Das könnte man so auch in einem ambitionierten Dorfrestaurant in Deutschland bekommen.



    So geht dann unser Freitagabend zu Ende und später holt uns ein Uber aus der (sehr schönen) Lobby des Hotels ab. Das Restaurant hat ohne Zweifel seine Stärken, nicht nur das Essen sondern auch das spektakuläre Interieur und der smarte Service. Es blitzt hier und dort schon der zweite Stern auf und wer einmal in der glücklichen Situation ist mit seinen Freunden oder Familie in Paris einmal so richtig gut italienisch essen zu gehen in einem sexy Umfeld „das keinem wehtut“, der ist hier sowieso richtig. Für die kulinarisch interessierten hat es meine Freundin bei diesem zweiten Besuch am besten zusammengefasst: „Das Le George hat seine Momente aber im Großen und Ganzen ist es mit einem Stern aktuell richtig bewertet.“

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