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    War jemand kürzlich in den Savoyen und dort auch essen? Ich meine, ich hätte im Zusammenhang mit Bleu de Termignon über einen kürzlichen Besuch des geschätzten glauer gelesen?

    Nahezu gesetzt ist ein Lunch im Flocon de Sel, wenn es denn im Sommer geöffnet ist.

    Interessieren tut mich weiter das Restaurant Aromatik in Annecy, vielleicht auch Yoann Conte im früheren Restaurant von Marc Veyrat in Veyrier du lac?

    Vielen Dank, rocco

  • #2
    Danken muss ich dem Dauphiné Liberé. Denn mit seinem Artikel über die Mikrobrauerie Brasserie du Mont Salève hat er uns inspiriert, das Restaurant Clos des Sens (** Michelin) in Annecy-le-Vieux aufzusuchen. Dieses Mal bestand ich auf Fahrradfahren, wofür mich Frau rocco verfluchte, denn bei nur knapp unter 30° C um 19.30 Uhr Abends und einem Kopf-an-Kopf-Rennen auf einen Berg der 4. Kategorie kommt man schon mal ins Schwitzen. Insofern mussten wir uns erst einmal ein bisschen gegenseitig trockenfächern, bevor wir uns ins Restaurant getraut haben, wurden aber belohnt mit einem tollen Tisch mit grandiosem Ausblick über Annecy auf der wunderschönen Terrasse des Clos des Sens. In der Mitte der Terrasse stehen zwei knöchrige Kastanienbäume, die wie ein Halbdach wirken. Wunderbar.

    Als der Champagner-Wagen kam, fragten wir nach dem Bier. Es gab zwei Sorten - Blanche und Blonde -, die wir beide bestellten. Das Blonde war einem Bitter sehr ähnlich, es wirkte wie ein etwas cremiger gebrautes Jever. Das Blanche war unglaublich gut, zart nach Pfirsich, Holunder und Zitronenmelisse duftend, aber auch leicht bitter im Mund. Ein sehr erfrischender Apéritif. Der Service ist im Clos des Sens fast ausschließlich (bis auf den Sommellier und seinen Vertreter) weiblich, Herr und Frau Petit begrüßen jeden Gast kurz. Erstaunlich für ein **-Restaurant: Es gibt das 4-Gänge-Mittagsmenu auch Abends, zum selben Preis wie mittags von 48 Euro. Da wir uns beide so wohl fühlten und den Abend etwas ausdehnen wollten, entschieden wir uns aber für das achtgänige Menu Decouverte (Überraschungsmenu), das mit 96 Euro ebenfalls sehr günstig bepreist ist. Die Weinkarte ist extrem gut. Ich habe mir nur einen Teil angeschaut (Savoie und Bourgogne in Weiß), hätte aber hunderte Weine bestellen wollen. Nach kurzer Beratung investierten wir das gesparte Taxigeld in eine Flasche 1993 Roussette de Savoie von Michel Grisard (Prieuré de Saint-Christophe), der uns exzellent durch das Menu begleitete und gerade nach einiger Zeit offen unglaublich verführerisch war. Eine exzellente Investition.

    Zum Apéritif wurde eine kleine Platte mit verschiedenen Gemüsen als Häppchen gereicht, alles hervorragend. Das Brot ist ein frisch aufgebackenes Sauerteigbrot. Butter oder Olivenöl wird nicht gebracht (brauche ich offen gesagt im Sommer auch nicht). Dann ging es auch schon los:

    Vorspeise 1: Ecrevisses du lac Léman. Die Flusskrebse kamen roh mariniert und weitgehend naturbelassen und als Süppchen in der Espressotasse. Einfach, aber wirklich exzellent.

    Vorspeise 2 (habe keinen französischen Namen): eine Kopfsalatsuppe mit Buchweizen und Schnecken aus Poisy. Hier konnte ich mich reinlegen. Die Suppe war herzhaft, aber gleichzeitig fein. Die Schnecken waren weitgehend naturbelassen. Eine wirklich grandios einfache Kombination und wirklich saulecker!

    Vorspeise 3: Pâte friable au Beaufort, fenouil bronze, envolée de tomates cerises confites. Es ging einfach weiter mit einer Art käsigem Sabléteig, einer Beaufort-Crème darauf und ca. 20 geschmorten und so wunderbar schmeckenden Cherry-Tomaten sowie etwas Bronzefenchel dazu. Genial einfach.

    Fischgang: Ein Barschfilet aus dem Genfer See (allerdings keine Perche, sondern ein Fisch namens Doyard oder so ähnlich) mit Artischocke und Passionsfrucht. Der Star war hier der Fisch, sanft gebraten, so zart und aromatisch. Die Beilagen unterstützten den Fischgeschmack eher als dass sie sich in den Vordergrund drängten.

    Fleischgang: Hier war ich etwas neidisch auf Frau rocco, die das Fleisch ausließ und noch einen Fischgang bekam, nämlich eine sous-vide gegarte Rotbarbe mit den Schuppen als "Cracker" und einer unglaublich guten Suppe aus Schwanz und Kopf der Rotbarbe. Auch ich war mit meinem Gang aber sehr zufrieden. Pigeon barbecue, condiment Sérac et foies, jus fanes de navets. Das klingt etwas komisch und schmeckte auch so. Die Taube war zwar leicht mit einer Barbecue-Marinade behandelt, schmeckte aber weitestgehend nature. Den Kick gaben hier mehrere Nocken einer sehr interessanten Crème aus Taubenleber und Sérac, einem frischen Ziegenkäse aus der Savoie, und die Sauce aus dem Rübchengrün. Beide Elemente waren recht bitter, verbanden sich aber schön mit der ganz leicht süßlichen (BBQ) Taube. Hierzu ließ ich mir noch ein Glas 2009 Vin de Savoie Arbin Mondeuse von Louis Magnin bringen.

    Der Käse im Clos des Sens kommt von Pierre Gay. Anders als bei Yoann Conte reduziert man sich hier mit einer Ausnahme (Langres) auf Käse aus der Savoie und der Haute-Savoie, hat aber trotzdem gut und gerne 50 Sorten auf dem Wagen. Von den Käsen ist mir vor allem ein Tomme de Brebis und ein Persillé de Tarantais in Erinnerung geblieben. Auch der 24 Monate gereifte Beaufort war ein Traum.

    Bei den Desserts fiel das Menu ein ganz kleines bisschen ab. Wir hatten anfangs die Wahl zwischen fruchtig und schokoladig und wählten beide fruchtig. Das erste Dessert war noch ausgezeichnet: Framboises, sablé, sauge ananas. Insbesondere die frischen Himbeeren und eine himmlische Himbeerreduktion stachen heraus. Offenbar steht die Patisserie aber gerade auf Zuckerkonstruktionen und so musste man erst einmal eine Art roten Astronautenhelm zerklopfen, bevor man an das Ananas-Himbeer-Törtchen gelangte. Auch das zweite Dessert war von so einer Zuckerhaube umhüllt, die zwar schön aussah (wie ein durchsichtiger Schlumpf), aber darüber hinaus eigentlich keine Funktion erfüllte. Darunter gab es zwei Sorbets (weißer Pfirsich und noch eins), die gut, aber nicht herausragend waren. Auch die Petit Fours zum Kaffee waren nicht ganz so gut wie der Rest des Menus. Zum Dessert hatten wir einen relativ seltenen Dessertwein aus dem Languedoc, einen 2010 Vin de France "Avant que le grain ne meurt" aus botrytisierten Grenache Blanc Trauben, der uns beiden gut schmeckte, wenn er auch kein Jahrhundertdessertwein war.

    Uns beiden hat es ausnehmend gut gefallen. Das Restaurant wirkt einfach entspannt. Die Küche ist relativ einfach gehalten, eher auf der klassischen Seite, aber wirklich jeder Gang (bis einschließlich des ersten Desserts) schmeckte einfach so unglaublich gut. Dazu eine Weinkarte, auf der sich Weinliebhaber mit etwas Mut wie kleine Kinder austoben können (würde Geld keine Rolle spielen, hätte ich den 1998 Le Montrachet von Comtes Lafon bestellt, der im Restaurant bei knapp unter 800 Euro die Flasche weniger kostete als aktuell auf Auktionen) und Preise, die einem nicht die Tränen in die Augen treiben. Dazu ein herzlicher Service und ein toller Ausblick von der lauschigen Terrasse. Was will man mehr?

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    • #3
      Werter Rocco,
      herzlichen Dank für den Bericht, der ganz ohne Fotos auskommt und trotzdem ganz starke - auch atmosphärische - Eindrücke hinterlässt! Beeindruckend auch wie gerade die internationalen
      Berichte wie Savoyen, New York, London etc., die Lust auf kulinarische Trips ins Ausland machen!
      KG
      Chess

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