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Provence

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  • Provence

    Unser Besuch ist zwar schon mehr als zwei Jahre her, Stand damals kann ich aber das Le Grand Pré empfehlen.

    Das Restaurant liegt etwas versteckt im Örtchen Roaix, welches ein Cotes du Rhône Villages Village mit eigenem Namen ist. Man sitzt traumhaft im Garten, begleitet von dem sanften Plätschern eines Brunnens und mit Blick auf Reben und Feigenbäume. Der Service ist relativ zurückhaltend, aber sehr freundlich und zuvorkommend. Leid tat uns der japanische Kellner, der kaum französisch sprach und merkliche Schwierigkeiten mit der Aussprache hatte. Wir vermuteten, dass ein Stammgast ihm ein Praktikum oder einen Ausbildungsplatz verschafft hatte. Er gab sich aber die größte Mühe. Lustig fanden wir, dass wir jeweils leere Teller hingestellt bekamen, wenn man beim Menu gerade aussetzte (wir hatten einmal das Fischmenu und einmal das kleine Menu bestellt und hatten eine unterschiedliche Gangfolge). Das kannte ich noch nicht.

    Der Chef im Le Grand Pré ist Holländer, hat aber die meiste Zeit in Belgien und auch anderswo gearbeitet. Seine Frau, die auch hin und wieder vorbeikam, ist Mexikanerin. Leider waren wir ein paar Tage zu früh für eins der saisonalen Menus von Herrn Reichrath da. Er bietet nämlich im Herbst immer ein Feigenmenu, im Frühjahr ein Spargelmenu und im Winter ein Trüffelmenu an. Nur wenige Tage nach unserem Besuch hätten wir das Feigenmenu mit Feigen aus dem Garten essen können. Als "normale" Menus gab es seinerzeit ein Fischmenu, ein kleines Menu und ein großes Menu, alle fair bepreist.

    An die Amuses und einige andere Gänge habe ich keine Erinnerungen mehr. In guter Erinnerung habe ich aber noch die folgenden Gerichte:

    1. ein gebratenes Stück Foie Gras, welches ganz simpel mit Fleur de Sel, einem Sesamcracker und intensiver dunkler Tomatenmousse gereicht wurde. Seit diesem Gericht bin ich ein wirklich großer Freund von salzig zubereiteten Foie Gras Gerichten, die nur eine ganz leicht süßliche Komponente (hier die Tomaten) haben. Leider kriegt man die Foie Gras so nur sehr selten.

    2. ein sous-vide mit vielen Kräutern gegartes Lachsfilet allerbester Qualität, das mit ein wenig Kaviar, Frischkäse und Gartengurke serviert wurde. Hier stimmte einfach alles: die Konsistenz und der Geschmack des Lachses, der leicht-salzige Kaviar und die Frische der Gurke und des Frischkäses.

    3. eine Taubenbrust mit Sauce Café Turque. Von der Sauce habe ich sicher drei Mal nachbestellt und mit Brot nachgedippt. Sie war ein Gedicht. Dazu gab es einen speziell für das Restaurant abgefüllten Cotes du Rhone Village Roaix, der noch etwas zu jung war.

    4. einen sehr guten "fermier" Fourme d'Ambert, der zusammen mit einem Glas gespritetem Rasteau serviert wurde. Auch hier ging der sehr klassische Stil der Küche weiter: beste Produkte, kein Schnickschnack. Sozusagen die französische Variante von Stilton & Port.

    Das Le Grand Pré ist im Guide Michelin mit einem * ausgezeichnet, m.E. vollkommen zurecht. Wer mal in der Ecke ist, sollte unbedingt vorbeischauen. Es wird keine Avantgarde-Küche serviert, man sollte auch nichts außergewöhnliches erwarten. Herr Reichrath bereitet aber eine wirklich tolle produktzentrierte Regionalküche zu, bei der man mit nur wenigen Komponenten auf das Wesentliche konzentrieren kann.
    Zuletzt geändert von rocco; 25.02.2012, 18:54. Grund: Rhône

  • #2
    La Petite Maison de Cucuron *, Cucuron

    Manchmal kommt man einen Tag zu spät. Das ist jetzt auch mir passiert, im Petite Maison de Cucuron, gelegen im verschlafenen Dorf Cucuron im südlichen Luberon, direkt am kleinen von Platanen umgegebenen Etang. Ich war vor drei Jahren schon einmal in Cucuron, im Spätsommer, wenn es deutlich charmanter ist als im Winter. Im Petite Maison kocht Eric Sapet, der nach mehreren Stationen in Paris und im Luberon 2007 sein eigenes Restaurant in Cucuron in den Räumlichkeiten der ehemaligen Dorfkneipe eröffnete. Eric ist ein witziger und sehr freundlicher Typ und sieht äußerlich nach Koch alter Schule aus. Den Service leitet seine Frau (bin aber nicht 100% sicher, dass es seine Frau ist). Das Restaurant ist sehr gemütlich eingerichtet mit uralten holzgetäfelten Wänden, Ölbildern, alten Holztischen und -stühlen. Nur ein Kamin fehlt.

    Einen Tag zu spät kam ich deshalb, weil die Karte noch bis kurz vorher ein Gericht im Menu bereithielt, das ich schon seit Jahren mal probieren wollte: den königlichen Hasen, serviert in zwei Etappen, u.a. nach Art von Sénateur Couteaux. Das Foto im Kochbuch von Paul Bocuse zum Lièvre Royal à la facon du Sénateur Couteaux hatte mich schon lange beeindruckt mit dem stehenden, gehäuteten Hasen, übergossen mit einer nach Schokoladensauce aussehenden dunklen Sauce, die aber keine Schokoladensauce ist. Auch das Rezept mit seiner ganztägigen Zubereitungszeit, den Anforderungen an den Hasen (rothaarig, aufgewachsen in den Bergen oder in der Heide, ...) und den 40 Knoblauchzehen und 60 Schalotten klingt wirklich attraktiv auf eine altmodische Art.

    Leider hatte das Petite Maison die Karte turnusmäßig geändert und von dem Hasen landeten nur noch ein paar Stückchen im Amuse Gueule, einer Kichererbsencrème mit Hase. Leicht enttäuscht entschied ich mich für das kleine Menu (Menu de la Maison) mit einem zusätzlichen Käsegang, da laut Karte die Käse von MOF Josiane Déal aus Vaison-la-Romaine bezogen werden, deren Käsegeschäft mir nachdrücklich in Erinnerung geblieben ist. Das Menu startete mit einer riesigen Scheibe Pâté de Canard en Croute, serviert mit einigen Tupfern Apfel- und Betemus und dünnen Scheiben des ersten grünen Spargels der Saison (roh). Die Pâté war rustikal, ein bisschen zu kühl, aber sehr schmackhaft, durchzogen mit Foie Gras de Canard und leider etwas zähen Entenstückchen. Dazu hatte ich ein Glas des Hausweins aus den Côtes du Luberon (Château du Mayol 2006), ein klassischer Tischwein.

    Als Hauptgang gab es mehrtägig in Rotwein geschmortes Rind, serviert als kleine frittierte Bällchen mit roter und gelber Bete, wieder etwas grünem Spargel und Rotweinsauce. Durch das lange Schmoren war das Rind nicht nur gut sämig, sondern hatte auch einen schön konzentrierten Geschmack. Wäre die Panade noch etwas knuspriger gewesen, wäre das Gericht noch besser gewesen.

    Der Käse war glaube ich nicht von Josiane Déal, es gab nämlich erstens keine Auswahl, und zweitens waren die Käse nicht so gut affiniert, wie ich es von Déal in Erinnerung habe. Es gab ein Stückchen Ziegenkäse von der Kooperative in Cucuron (mir zu mild) und einen getrüffelten Reblochon, der zu kalt war und trotz dicker Trüffelscheiben in der Mitte kaum Trüffelaroma hatte. Sensationell war aber der dazu servierte Mesclun, der mit sehr gutem Olivenöl angemacht war.

    Das Dessert passte sich gut ins Menu ein: Kastanien-Profiterolles mit Schokoladensauce, bei denen die Kastaniencrème als Füllung die Schlagsahne ersetzte, die separat auf dem Teller ihren Platz fand. Die heiße Schokoladensauce war vielleicht etwas dominant, aber man konnte mit den Einzelteilen eine schöne süß-nussig-bittere Mischung zusammenstellen. Hierzu hatte ich noch einen Vin Doux Naturel aus dem Luberon, einen 2004 "Elixir" der Domaine Regarde Moi Venir, den ich nach einer Weile ziemlich gut fand, wenn er auch zunächst etwas chemisch roch.

    Insgesamt fand ich die Küche für einen Einsterner sehr rustikal und etwas zu wenig raffiniert. Das Essen war größtenteils sehr gut, man könnte es aber auch in vielen der besseren Bib-Restaurants serviert bekommen (der Preis im Petite Maison liegt allerdings auch nicht viel höher als in Bib-Restaurants, drei Gänge + Käse kosten ca. 50 Euro). Ich frage mich, ob mein Fazit anders ausfallen würde, wenn das Petite Maison keinen Stern hätte oder wenn es den königlichen Hasen noch gegeben hätte. Diese Macarons schaffen einfach immer diese gewisse Erwartungshaltung, von der ich mich auch nicht freimachen kann. Sympathisch finde ich das Resto auf jeden Fall trotzdem, nicht zuletzt wegen der netten Betreiberfamilie und der hübschen Stimmung im Speisesaal.

    Gruß, rocco
    Zuletzt geändert von rocco; 25.02.2012, 19:00.

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    • #3
      Auf der Website sieht das in der Tat sehr ansprechend aus. Ambiente wie auch das Essen. Gerade das rustikale finde ich eigentlich sehr positiv, mir war die Provence beim letzten Besuch viel zu glatt poliert.

      Aber die Weinkarte ist abschreckend. Man ist ja einiges gewöhnt in Frankreich, aber Tour de By 2003 für 72 Euro? Oder simpler Veuve Cliquot und Pommery für 120 Euro? Da vergeht mir der Durst.

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      • #4
        Zitat von glauer Beitrag anzeigen
        Aber die Weinkarte ist abschreckend. Man ist ja einiges gewöhnt in Frankreich, aber Tour de By 2003 für 72 Euro? Oder simpler Veuve Cliquot und Pommery für 120 Euro? Da vergeht mir der Durst.
        Die Weinkarte finde ich auch abenteuerlich bepreist und zudem etwas willkürlich zusammengestellt. Die Kalkulation in Spanien oder Italien ist mir deutlich lieber. Da wird die Weinauswahl kein Griff nach dem kleinsten (Preis-/Leistungs-) Übel, sondern eher zur Suche nach der Flasche, die man schon immer einmal trinken wollte.

        Gruß, rocco

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        • #5
          La Villa Madie (** Michelin) in Cassis: In der malerischen Bucht von Cassis nahe dem (steinigen) Plage du Corton haben sich Marielle und Dimitri Droisneau ein echtes Kleinod geschaffen. Mit grandiosem Blick über die Bucht abseits des Trubels des Hafens gelingt das Abschalten und in Ruhe ankommen hier perfekt. Beide haben in zahlreichen Dreisternern gearbeitet, Dimitri Droisneau, der Küchenchef, vor Eröffnung der Villa Madie im L'Ambroisie in Paris. Seit 2014 ist die Villa Madie mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet. Trotz infernalischer Hitze am Tag ist es am Abend auf der Terrasse angenehm kühl und frisch. Ein Glas Cassis von der Domaine du Bagnol begleitet den Blick in die Karte. Wir wählen das sechs-gängige Menü (es gibt noch ein Überraschungsmenü mit neun Gängen). Die Amuses Bouches gefallen: während ein Cracker mit roh mariniertem Thunfisch und ein anderes Teigteil mit ebenso roh mariniertem Lachs sich noch eher harmlos ausmachen, versetzt einen eine Mini-Tomaten-Tarte gleich in die Stimmung des französischen Südens. Nicht ganz auf dem Niveau bewegt sich das zweite Amuse Bouche, eine schaumig-cremig Komposition aus Ziegenkäse mit einem angenehm herben Basilikumeis. Zu schaumig und cremig ist das Ganze. Die Weinkarte ist gut, aber recht teuer. Von Coche Dury über Denis Mortet zu Clos des Papes hat die Weinkarte durchaus interessante Flaschen zu bieten, das meiste ist aber wirklich prohibitiv bepreist. Wir wählen eine Flasche 2013 Condrieu Côteau de Vernon von Georges Vernay, einem meiner Lieblingsweine südlich von Lyon, hier auch noch aus meinem aktuellen Lieblingsjahrgang für Condrieu zu haben. Der Wein ist füllig und üppig und aprikosig, hat aber dank des Jahrgangs mehr als ausreichend Frische zu bieten und die messerscharfe Mineralität der Lage. Grandios. Los geht's im Menü:

          Castagnole, Thunfischsauce, Gemüse: eine wirklich gute Übersetzung habe ich für den Castagnole nicht gefunden. Das ist eine Art schwarze Brasse. Hier kommt sie in Form von lauwarmen Zylindern, ist von der Konsistenz dem Thunfisch ähnlich, geschmacklich etwas weniger fleischig. Interessant. Die Thunfischsauce ist mit Baroloessig abgeschmeckt und erinnert an die Sauce des Vitello Tonato. Dazu gibt es diverse provencalische Gemüse in verschiedenen Zubereitungen (roh, gegrillt, gekocht): Zucchini, Artischocken, Aubergine, Paprika, Tomate. Das ist ein vielleicht etwas kleinteiliger und geschmacklich auch relativ dezenter, in sich aber stimmiger und sehr mediterraner Gang.

          Steinbutt, Auster, Kombawa: Kombawa ist eine Zitrusfrucht aus Bali, einer Limette ähnlich. Sie begleitet eine perfekt zubereitete Schnitte allererster Qualität vom Steinbutt auf eher wenig harmonische Weise, zum einen in der Sauce, zum anderen in kleinen Filets. Da die Kombawa durchaus prägnant sauer ist, verzieht es einem hier und da den Mund. Auch Auster ist in der Sauce, dazu noch in kleinen Kohlpäckchen verpackt. Den Teller rundet ein an Algen erinnerndes, relativ bitteres Kraut ab. Das ist alles andere als ein Wohlfühlgang, in der Komposition durchaus herausfordernd, sauer, bitter, jodig. Den tollen Steinbutt hätte man m.E. etwas klassischer besser in Szene gesetzt, spannend ist der Gang alle Mal. Klassischer geht es (in etwas zu schneller Abfolge) weiter mit:

          Hummer, Polenta: Bei dem Gang habe ich mir bei weitem nicht alle Zutaten merken können, im Zentrum stehen aber eine eher grobkörnige Polenta und Hummer, erneut von allerbester Qualität. Eine Krustentiersauce gibt ein schlotziges Element. Relativ klassisch, das Hauptprodukt in den Fokus rückend, gefällt mit der Gang ausnehmend gut.

          Taube, Gewürze, Kirschen: Auch der Taubengang ist relativ klassisch. Die Taube kommt als relativ blutig gebratene Brust und in einer frittierten Praline (mit ausgelöstem Keulenfleisch). Sie ist mit einer Gewürzmarinade - neudeutsch - lackiert und wird von Kirschen und noch anderen Zutaten, die ich mir nicht gemerkt habe, begleitet. Ich habe schon deutlich expressivere Taubengänge gegessen, unvergessen ist die Praline mit Taubeninnereien im Restaurant Octopus in Beziers. Dieser Taubengang ist so wie viele andere auch: sehr gut, wenn man Taube gerne mag, aber etwas zu harmlos, um wirklich nachhaltig zu begeistern.

          Käsewagen: der Käsewagen war eher enttäuschend, die Käse waren alle einen Tick zu zurückhaltend affiniert, die Auswahl war wenig lokal, eher "Nummer sicher" (nicht Anthony Nummer sicher, die Auswahl stammt von Laurent Coulmiers nördlich von Aubagne, ca. 15 km von Cassis entfernt). Gut gelungen war aber die Begleitung mit einem Kopfsalat, der einen gut erfrischt.

          Desserts: nach einem Pré-Dessert wurden dann noch zwei Desserts serviert, eines mit Zitrone (gut, frisch) und eines mit Schokolade (auch gut).

          Im Fazit war es ein ganz ausgezeichneter Abend, was vor allem an der idyllischen Atmosphäre und dem grandiosen Blick und der kühlen Mittelmeerluft lag, am wunderbaren Wein und ein bisschen auch am Essen. Letzteres war aus meiner Sicht auch klar auf **-Niveau. Aber (und das ist mein ganz persönlicher Geschmack): dem Essen fehlte mir der Soul-Faktor, die kleinteilige Anrichtweise bei einigen Gängen, die etwas verfremdete Präsentation einiger Zutaten (wie die Castagnole-Zylinder), die durchaus auf Perfektionismus ausgerichtete Konstruktion der Teller, all das erinnerte mich frappierend an einige Restaurants in Deutschland mit höchsten Ambitionen. Nach der Villa Madie waren wir noch in drei Einsternern und - auch wenn das Essen dort bei weitem nicht so perfekt war wie in der Villa Madie - in allen dreien hat der Abend mehr Spaß gemacht, war mehr Emotion, mehr gefühlte Regionalität, mehr Charme durch kleine Imperfektionen im Spiel. Insofern hat mich die Küche nicht wirklich abgeholt, was vor allem daran liegen mag, dass für mich bei gutem Essen mittlerweile an allererster Stelle die Qualität des Hauptprodukts und seiner Zubereitung sowie der regionale Charme und die saisonale Improvisation und weniger die Kreativität in der Komposition steht. Gleichwohl: das Restaurant ist absolut zu empfehlen, falls jemand mal in der Gegend ist.

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          • #6
            Hostellerie Bérard (* Michelin) in La Cadière d'Azur. La Cadière d'Azur ist ein wunderbares Dorf, hoch am Hang gelegen, festungsartig. Es gibt quasi eine Straße mit Geschäften, Bars und Restaurants und die versprüht so viel provencalischen Charme wie es nur geht, ohne künstlich zu wirken wie z.B. die Altstadt im gegenüberliegenden Le Castellet (ebenfalls ein wunderbares Dorf, aber halt eine Art Mittelalter-Disneyland für Tagestouristen und Marcel Pagnol Jünger). Mitten im Ort in mehreren Gebäuden liegt die Hostellerie Bérard, ein Hotel und Restaurant. Das Hotel ist zwar sehr originell, aber für seinen Vier-Sterne-Status auch etwas spartanisch. Der Blick über die Weinberge von Bandol ist aber grandios.

            Vom Restaurant aus schaut man direkt auf Le Castellet, in der Abendsonne besonders schön. Auch im Restaurant merkt man, dass das eine oder andere in dem Hotel nicht rund läuft. Nach Verzicht auf einen Apéritif und Aushändigung von Speise- und Weinkarte sitzen wir sicher 15 Minuten rum, ohne dass sich jemand um uns kümmert. Auch später ist der Service mit Wein- und Wassereinschenken mehr oder weniger überfordert. Es mag an der Sommerzeit gelegen haben, aber personell schien das Hotel und Restaurant (auch beim Frühstück) einfach unterbesetzt zu sein. Egal: die Weinkarte ist grandios mit schönen Vertikalen von z.B. Hermitage von Jean-Louis Chave in weiß und rot, Château Rayas Blanc, Bandol La Tourtine, La Migoua und Cabassaou von Domaine Tempier und einigen anderen Weinen, überwiegend auch zu mehr als fairen Preisen. Auch die Speisekarte sieht sehr vielversprechend aus. Wir haben mittlerweile auch großen Hunger, da wir zum Start weder die an anderen Tischen servierten kleinen Snacks noch Brot angeboten bekommen. Was nach einem Fünf-Gang-Menü aussieht, ist in Wahrheit eher ein Drei-Gang-Menü, da die ersten beiden Gänge eher Amuses Bouches sind. Zu trinken fällt die Wahl recht schnell auf einen 1999 Hermitage Blanc von Jean-Louis Chave und einen 2002 Bandol Cuvée Spéciale Cabassaou der Domaine Tempier. Beide Weine sind absolut hinreißend schön und begleiten auch unser Essen sehr gut. Zum Menü:

            Tomaten: zwei Mini-Häufchen Tatar aus unterschiedlichen Tomaten werden mit einer Tomatenessenz angegossen, dazu gibt es noch einen Cracker. Geschmacklich ausgezeichnet, aber so schlank portioniert, dass der Geschmack sehr flüchtig ist.

            Coco-Bohnen und Trüffel: eine Crème aus weißen Coco-Bohnen aus der Provence mit passabler schwarzer Sommertrüffel. Ebenfalls so portioniert, dass man den Teller mit zwei Bissen aufgegessen hat, geschmacklich eher so lala.

            Zucchiniblüte mit Anchovies: Mehrere Zucchiniblüten kommen mit Zucchinimasse gefüllt als Tempura auf den Teller, dazu gibt es ein paar marinierte Anchovies und noch etwas Beiwerk. Ein sehr rustikaler Teller, der aber in sich total stimmig ist, auch abwechslungsreich genug und viel Lokalkolorit mit sich bringt. Wunderbar.

            Kalb mit Pfifferlingen, Feigen und Mandeln: der Hauptgang ist der Star des Abends. Ein butterzarter Kalbsrücken wird hier mit Pfifferlingen, frischen Feigen, Mandelblättern (die ersten der Saison) und einem dunklen Kalbsjus serviert, der mit Estragon abgeschmeckt wurde. Alles perfekt zubereitet, geschmacklich sehr spätsommerlich, gerade mit dem Bandol zusammen ein Hochgenuss.

            Käsewagen: der ist hier sehr gut, die Käse sind durchaus mutig zusammengestellt und affiniert. Der Fokus liegt hier auf Ziegenkäse.

            Pfirsich: Als Dessert wird ein halbierter, in Verbena-Sirup marinierter Pfirsich mit Himbeeren und Sahne serviert. Klassisch, sehr gut.

            Auch wenn im Service nicht alles rund läuft und man auf der Karte darauf hinweisen könnte, dass die ersten beiden Gänge letztlich nur kleine Amuses Bouches sind, weiß das Restaurant von Jean-Francois Bérard voll zu überzeugen. Die Teller sind alle recht rustikal komponiert, besonders filigranes Handwerk ist nicht zu erwarten. Alle Gerichte wirken aber wie frisch aus der Marktküche, arbeiten mit den gerade saisonal verfügbaren Produkten aus der Gegend. In Verbindung mit dem Wein und dem Ausblick stellt sich eine gewisse nahe Verbindung zur unmittelbaren Umgebung ein. Insofern kann man über die leichten Unzulänglichkeiten in anderen Bereichen gerne hinwegsehen. Unbedingt empfehlenswert.

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            • #7
              La Table de Nans (* Michelin) in La Ciotat: Das La Table de Nans ist ein weiteres der Restaurants mit spektakulärem Blick. Im Niemandsland zwischen dem zwar ursprünglichen, aber auch nicht gerade wunderschönem La Ciotat und Saint-Cyr-sur-mer an der Landstraße gelegen, muss man ziemlich aufpassen, um nicht dran vorbeizufahren. Einmal angekommen, hat man auf der Terrasse aber einen herrlichen Blick über die Bucht und die Aleppo-Kiefern, die sie säumen. Das Restaurant ist gut gefüllt, der Service etwas unterbesetzt, auch hier dauert es eine Weile, bis die Bestellungen aufgenommen werden. Wir mixen à la carte und das kleine Menü. Die Weinkarte ist klein, aber fein. Es ist Rosé Wetter und gibt ein paar interessante auf der Karte. Wir entscheiden uns für einen Domaine Terrebrune - 2014 Bandol Rosé, der einzige Rosé mit etwas Flaschenreife von einer sehr interessanten Domaine, die als einzige mit einem Boden arbeitet, den man in Deutschland wohl "Rotliegendes" nennen würde. Er entpuppt sich als grandios, die Flaschenreife tut ihm sehr gut, er ist ein sehr versatiler Essensbegleiter.

              Die Amuses sind eher schwach, eine Cherrytomate mit Frischkäse, eine Blätterteigstange und noch etwas. Wirkt alles etwas altbacken. Nach noch einem weiteren Amuse (hab vergessen, was es war) geht es ins Menü:

              Für Frau rocco: Gemüsetarte mit Robiola, sehr kunstvoll arrangiert mit vielen verschiedenen gekochten und rohen Gemüsen, auch sehr abwechslungsreich im Geschmack, vielleicht etwas üppig portioniert.
              Für rocco: Rotbarbe mit Tomatentarte, zwei mächtige Rotbarbenfilets, kross angebraten und innen glasig, dazu eine Tomatentarte, die interessanter schmecken könnte, gerade weil Tomatenhochzeit ist. Durch den Teig ist die Tarte etwas mächtig, insgesamt aber ein sehr guter Gang.

              Für Frau rocco: Hummer mit "Stracci" Pasta, Sommertrüffel und Tomatensauce, ein sehr rustikales, aber auch sehr gutes Hummergericht mit einem ausgelösten Schwanz, einer Art Hummerbolognaise, üppig portionierten schwarzen Trüffeln und einer Parmesancrème. Muss man sich trauen, ich fand's sensationell (Frau rocco ebenfalls).
              Für rocco: Saint Pierre, Sauce Vièrge, Gemüse, eine tolle (aber sehr große) Tranche von einem wirklich dicken Saint Pierre ist für sich ein Gedicht, das Beiwerk ist eher unauffällig, stört aber auch nicht. Ein sehr produktfokussierter Gang, da Saint Pierre mein Lieblingsfisch ist genau richtig.

              Für rocco: Lammkoteletts, Cocobohnen, Harissa, noch so ein simpler, produktfokussierter Gang, zwei butterzarte und geschmacklich hervorragende kleine Lammkoteletts, ein Mus, das wohl auf Harissa-Basis entstanden ist, aber deutlich weniger scharf als nordafrikanische Harissapasten ist, und à part gereicht ein Schälchen mit Cocobohnen in einer Tomatensauce mit etwas Lammragout. Letztere schmecken wie richtig gute Baked Beans. Spannende Mischung aus fein (Lamm) und rustikal (Bohnen), in sich aber stimmig.

              Zum Teilen: Panna Cotta mit Aprikosen, eine simple Panna Cotta (sehr gut gemacht) mit einem Aprikosenmus oben drauf, dazu à part in Thymian geröstete Aprikosen und ein Aprikosensorbet. Alles exzellent in der Zubereitung.

              Uns beiden hat das Restaurant mehr als gut gefallen, tolle Atmosphäre, der Service könnte etwas herzlicher sein. Die Küche ist eher simpel, arbeitet aber mit tollen Produkten und fokussiert sich lieber auf gut funktionierende, bewährte Kombinationen mit einem Hang zum Schlotzig-Rustikalen als zu viel ausprobieren zu wollen. Insgesamt ist die Küche sehr mediterran orientiert und hat auch starke italienische Einflüsse. Die Rechnung am Ende liegt nur sehr knapp über 200 Euro für zwei Personen, was bei der Qualität mehr als fair ist.

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